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Nachbarschaftsstreit : Wenn der Garten zum Schlachtfeld wird

  • -Aktualisiert am

Klassischer Konfliktstoff: Wenn der Nachbar zur Unzeit den Rasen mäht, wird auch schon einmal die Polizei gerufen. Bild: Ute Grabowsky/ photothek.net

Hohe Bäume, zu viele Gartenzwerge, nacktes Sonnen auf dem Balkon. Nachbarn können sich über absurde Dinge streiten. Und immer mehr tun es auch.

          Karin Münster* hatte mit ihrer Familie das neue Haus am Göttinger Stadtrand gerade bezogen, da klingelte auch schon der Nachbar. Die Freude darüber währte allerdings nur kurz, denn er brachte keinen freundlichen Willkommensgruß. Er kam, weil er „gleich mal was klarstellen“ wollte. Kaum in die Küche gebeten, knallte er einen dicken Ordner auf den Tisch: Verordnungen, Anwaltsschreiben, Gerichtsurteile. Seit Jahren schon, so erfuhr man später, hatte er den Vorbesitzern das Leben schwergemacht – und nun keineswegs vor, damit aufzuhören. Stattdessen präsentierte er der verdutzten Frau eine lange Liste, welche Bäume zu fällen und welche Zäune zu entfernen seien.

          „Schon ein krasser Fall“, findet Martin Breidbach, Gartenberater beim Bonner Verband Wohneigentum, aber mitnichten ein Einzelfall. Meinungsverschiedenheiten zwischen Nachbarn führen in Deutschland immer wieder zu Streitereien – und nicht wenige landen am Ende vor Gericht. Zahlen gibt es dazu zwar nicht, aber befragt man Anwälte, Richter oder Miet- und Eigentümerverbände, so herrscht dort der Eindruck vor, dass die Fälle stetig mehr werden. An den ohnehin ständig überlasteten Gerichten in Deutschland freut man sich darüber nicht. Vielerorts wurden daher Schiedsämter eingerichtet, die zunächst einmal versuchen, die Streitereien außergerichtlich zu beenden. Und auch Interessengemeinschaften wie der Verband Wohneigentum arbeiten mit eigenen Gütestellen.

          Tödlicher Nachbarschaftsstreit

          Erfolg hat das nicht immer. Zwar enden die wenigsten Fälle so dramatisch wie kürzlich in Trier, wo ein Kleingärtner im Streit um Rasenmäherlärm den Nachbarn erschoss. Doch viele Streitfragen sind so absurd, dass sie sich mit normalem Menschenverstand nicht regulieren lassen. Das weiß auch Beate Heilmann. Die Rechtsanwältin aus Berlin sitzt beim Deutschen Anwaltverein im Geschäftsführenden Ausschuss der Arbeitsgemeinschaft Mietrecht und Immobilien und hört immer wieder von den kuriosesten Fällen.

          Da findet der eine, dass im Garten der Anrainerin zu viele Gartenzwerge stehen, der andere stört sich am Nacktsonnen der Eigentümer gegenüber. Da rieselt in einem Fall angeblich der Kieselkratzputz des Nachbarhauses in die eigene Kaffeetasse, in einem anderen Fall wird jahrelang um die Farbe einer gemeinsamen Hauswand prozessiert. Und ein Klassiker: andauerndes Gezerre um den exakten Grenzverlauf. Gekämpft wird dabei um Zentimeter. Anwältin Heilmann weiß von einer Kollegin, die für solche Fälle immer eine Axt im Auto hat. „Um den Grenzstein im Zweifel aus Büschen freischlagen zu können.“

          Warum die Streitereien in den vergangenen Jahren zunehmen, dazu gibt es verschiedene Erklärungsversuche. Ein Grund, vermutet Fachmann Breidbach, könnte sein, dass Wohnraum im zurückliegenden Jahrzehnt teurer und damit die Bebauung enger geworden ist. Je kleiner aber ein Grundstück ist, umso entscheidender kann es sein, ob Nachbars Baum zu viel Schatten wirft oder überhängende Äste den Zugang zum Geräteschuppen behindern.

          Kleinere Hemmschwelle zur Klage

          Andere Experten machen die allgemeine Tendenz dafür verantwortlich, dass heute immer weniger Menschen bereit sind, mit (vermeintlichen) Einschränkungen zu leben. Und auch die Tatsache, dass immer mehr Rechtsschutzversicherungen verkauft werden, könnte Einfluss haben. „Da lässt man es schneller mal auf eine Klage ankommen“, mutmaßt nicht nur Breidbach.

          Um welche Themen dabei neben Grenzverläufen am erbittertsten gestritten wird, zählt Julia Wagner, Referentin Recht bei Haus und Grund in Berlin, auf: (Grenz-)Bepflanzungen, Gartenpflege sowie Geruchs- und Lärmbelästigungen. Wobei letztere eher selten vor Gericht landen. Wird abends zu laut gegrillt oder der Rasenmäher immer wieder Sonntag nachmittag angeschmissen, ruft der Nachbar im Zweifel die Polizei zu Hilfe. Die Gesetze sind eindeutig, Zuwiderhandlungen ziehen Anzeigen und Bußgelder nach sich.

          Komplizierter wird die Sache, wenn es um Bäume, Büsche und Zäune oder um die Gartenpflege geht. Der eine mag die Wildblumenwiese, den anderen stören die Samen im Nutzbeet. Zwar darf jeder seinen eigenen Garten grundsätzlich so gestalten, wie er will. Einschränkungen gibt es trotzdem, und je näher man an die Grundstücksgrenze kommt, umso mehr nehmen sie zu. Das Problem: Die Vorgaben, die es hier zu beachten gilt, sind zwar bundesweit ähnlich geregelt, aber keineswegs einheitlich.

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