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Piet Oudolfs Garten schließt : Stille Tage in Hummelo

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Sommerliche Fülle: Die Stauden sind so kombiniert, dass sie ein natürlich wirkendes Bild ergeben. Bild: Marion Nickig

Sechsunddreißig Jahre lang hat der Niederländer Piet Oudolf Gartengeschichte geschrieben. Nun schließt der Designer seinen Privatgarten. Ein letzter Besuch.

          Einem winzigen geöffneten Etui gleich hängt die Samenkapsel der Färberhülse am trockenen Fruchtstand. Die Saat ist längst herausgefallen und hat sich einen Platz gesucht. Der Samen der Knolligen Seidenpflanze dagegen hält sich mit feinen Härchen noch an seiner Hülle fest, ein Windstoß wird ihn forttragen. Dahinter wiegt sich dunkelroter Wiesenknopf über fahlen Gräsern, die braunen Köpfe der Kugeldisteln ragen wie Trommelschlägel in den Himmel. Astern leuchten violett, Sonnenhüte gelb. Der Sommer ist vorbei in Hummelo, die Saison neigt sich dem Ende zu. Nicht nur sie.

          Seit sechsunddreißig Jahren lebt und arbeitet Piet Oudolf in dem kleinen Ort, rund 30 Kilometer östlich von Arnheim. Seit Jahrzehnten ist Hummelo in Gartenkreisen ein Synonym für Oudolf: Sein Garten und die Gärtnerei, die Anja Oudolf bis 2010 betrieb, sind Treffpunkt für Pflanzeninteressierte aus aller Welt. Nun schließen der Designer und seine Frau die Tore. Nach dem 27. Oktober ist ihr Garten nicht mehr zu besichtigen.

          „Anja und ich machen alles alleine, es wird uns zu viel“, sagt Oudolf. Daher ist nun Schluss. Allenfalls wenn jemand anrufe, der gerade in der Nähe ist, und es zufällig passe, könne er Besucher hineinlassen. Denn immer mehr kamen in den vergangenen Jahren, und auch die Arbeit wird nicht weniger, eher im Gegenteil: Piet Oudolf ist mit 74 Jahren weit davon entfernt, sich zur Ruhe zu setzen. Ein bisschen ruhiger soll es aber zumindest zu Hause werden.

          „Dieses Jahr habe ich Stress“

          An den Öffnungstagen parken die Besucher bereits hundert Meter vorher am Straßenrand, auf dem Hof selbst steht Anja Oudolf und weist die Autofahrer ein – „ein bisschen mehr nach links bitte, dann passt noch jemand daneben“. Der Garten ist voller Menschen, höflich lässt man sich auf manch schmalen Wegen den Vortritt oder wartet, bis ein Foto gemacht ist. Im vorderen Bereich tut sich hinter einem Laubengang und einem Rondell voller Chinaschilf eine Staudenlandschaft auf, die im Herbst so hoch gewachsen ist, dass man beinahe dazwischen verschwinden kann: Wedel von Wasserdost und Reitgras, Drifts von Kerzenknöterich und Mannstreu, dazwischen Akzente von Riesen-Haarstrang und Goldbaldrian. Hinter dem Wohnhaus, auf dem Gelände der alten Gärtnerei, gedeiht seit acht Jahren eine Staudenwiese, hier wachsen Wiesenknopf, Süßholz und Seidenpflanzen zwischen Gräsern wie Calamagrostis ’Karl Foerster‘.

          Hellgelber Goldbaldrian setzt einen Akzent mitten im pinkfarbenen Blutweiderich.

          Auch in den ehemaligen Mutterbeeten der Gärtnerei, am Ende des Grundstücks, stehen die Pflanzen dicht an dicht, Kugeldisteln, Herbstanemonen und Silberkerzen sind darunter. Gleich daneben, im modernen Backsteinbau, liegt das Studio Oudolfs. Auch an den Wochenenden arbeitet er hier: „Dieses Jahr habe ich Stress“, sagt der Designer. Abgesehen von zahlreichen laufenden Projekten in den Niederlanden, der Schweiz, Dänemark und in den Vereinigten Staaten, hat Oudolf in diesem Jahr Anlagen für die Hampton Court Palace Flower Show und ein Internationales Landschaftsarchitekten-Treffen in Bergamo entworfen und nebenbei noch eine Ehrendoktorwürde der University of Sheffield entgegengenommen. Allein ist das Pensum nicht zu bewältigen, der Vierundsiebzigjährige arbeitet mit Landschaftsarchitekten zusammen. Er entwirft den Masterplan und arbeitet die Pflanzpläne bis ins Detail aus. Vor Ort ist er dabei, wenn es darum geht, die Gewächse in die Erde zu bringen. Will er seinen Privatgarten nun umgestalten, pflegeleichter machen? „Der bleibt so, wie er ist“, sagt Oudolf. Vielleicht vereinfacht er ihn ein wenig, fügt hier und da eine Rasenfläche ein. „Aber die Pflege ist minimal, wenn man es mit einem traditionellen Garten vergleicht.“

          Zwei Tage pro Woche hat er Hilfe, denn es gibt viele Hecken, die gepflegt und gestutzt werden müssen. Hummelo ist ein geschichtsträchtiger Ort. Einst Keimzelle eines neuen Gärtnerns, neuer Gestaltung, ist das 1,2 Hektar große Gelände auch heute noch Experimentierfeld, etwa die sich selbst erhaltende Staudenwiese. 1982 kamen Piet und Anja mit ihren beiden Söhnen hierher. Sie hatten in Haarlem gelebt, doch dort wurde der Platz zu eng für all die Pflanzen, die der Gartendesigner für seine Projekte heranzog. Als Sohn eines Restaurantbesitzers hatte er sich mit Mitte 20 gegen den elterlichen Betrieb und für den Beruf des Gartengestalters entschieden. Sein Interesse galt den Pflanzen, vor allem Stauden, die nur schwer zu bekommen waren in der Zeit. Anfangs führte Romke van de Kaa, der auch schon bei Christopher Lloyd in Great Dixter gearbeitet hatte, die Gärtnerei in Hummelo, doch 1985 verließ er den Betrieb und seine Frau übernahm die Pflege und Aufzucht der Pflanzen.

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