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Bäume schneiden : Gut in Form

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Ein Labyrinth aus Pompons, Puffs und Polstern: Wie atemberaubend frisierte Buchsbäume aussehen können, beweisen in Frankreich die hängenden Gärten von Marqueyssac in der französischen Dordogne. Bild: /laif

Frisieren, trimmen, ondulieren: Die alte Kunst des Formschnitts wird bei Hobby- und Profigärtnern immer beliebter. Je ausgefallener, desto besser.

          An einem Septembermorgen im Jahr 2016 ist Sabine Thiedig es leid. Sie greift zur Heckenschere, marschiert mit ihrem Gärtner René Bartz in ihren Gutsgarten. Schnurstracks zur Buchsbaum-Hecke, klassisch-elegant in rechteckiger Kastenform. Dann macht es energisch schnipp, schnapp, schnipp, schnapp. Das Duo beginnt, die 1,50 Meter hohe und bis zu 80Zentimeter breite, streng kastenförmige Hecke zu ondulieren. Fügt Wellen, Bögen, Kurven konvex und konkav hinein, alles freihändig, ohne Schablonen. Danach wirkt die Hecke organisch, beschwingt: „Das war es, ich wollte Bewegung im formalen Garten. Jetzt sagen alle Besucher fasziniert: ,Was für ein Kunstwerk!‘“, freut sich die Besitzerin von Schloss Kleßen in Brandenburg. Ein Gast lächelte amüsiert: „Oh, eine beschwipste Hecke!“

          „Mein Gärtner und ich sind stolz und glücklich. Der Feinschnitt im Oktober brachte noch mal den letzten Schliff. Es ist etwas Besonderes, und dann in dieser Länge, mehr als 50 Meter – einfach faszinierend!“, strahlt Thiedig über das gelungene Gemeinschaftswerk. Froh sei sie, den Mut gefunden zu haben, einfach loszuschneiden, im Vertrauen auf die eigene Inspiration. Die Ideen mit dem Fluss der Linien entstanden während der Arbeit. Das Duo schnitt parallel von außen nach innen und so, dass sich keine Linie oder Form wiederholte. Ihre Inspiration war die knubbelige, uralte Eibenhecke im Park von Montacute House, einem elisabethanischen Herrenhaus samt Park in der englischen Grafschaft Somerset. Heute genießt Sabine Thiedig an ihrer bewegten Hecke „Lichtwechsel, Schatten, Regen und Frost, sie verändert ständig das Bild. Vor allem im Winter, aber auch beim Abendlicht wirkt das sehr reizvoll.“

          Taxusbogen mit Liguster und Thuja

          Die Gutsfrau zählt zur seit Jahren ständig wachsenden Schar von Menschen, die vom Formschnittfieber befallen sind. Die jeden grünen Busch und Strauch in Form schneiden müssen, sie können nicht anders. Alles muss onduliert, frisiert, getrimmt werden, je ausgefallener die Form, desto höher der Grad der Euphorie bei den Schöpfern mit der Schere. Die Kunst des Formschnitts, eigentlich uralt, treibt aktuell wieder skurrilste bis schönste Blüten.

          In Lindau am Bodensee hat Gartengestalter Wolfgang Seethaler eine ausgefallene, lebende Skulptur in sein Paradies gesetzt, „nachdem ich bei Nachbarn eine völlig konfuse, bucklige Hecke erblickt hatte“. Er formte ein großes Oval mit aneinandergereihten, immergrünen Pflanzen: Säulen-Lebensbaum (Thuja occidentalis columna), Portugiesische Lorbeerkirsche (Prunus lusitanica), Eibe (Taxus baccata) und Stechpalme (Ilex x meserveae ’Heckenstar‘). „Mit den fließenden organischen Linien passt es sich gut dem ländlichen Umfeld an“, sagt Seethaler und grinst: „Ein Experiment, das ich bei keinem Kunden hätte machen dürfen.“ Es ist geglückt, bei Besuchern und Feriengästen erregt die „Dromedar“ getaufte Kreation Verblüffung und Heiterkeit. Ein Schnitt erfolgt zweimal jährlich, „aber selbst wenn es nicht penibel geschnitten ist, sieht es noch gut aus, das nimmt den Druck der Perfektion heraus“, sagt ein sehr entspannter Schöpfer.

          In Köln widmet sich Kristin Lammerting einer extrem artifiziellen Schnittkunst: Sie legte in ihrem englischen Garten einen Knotengarten an. „Immerwährende Gartenliebe“, strahlt sie und weist voller Stolz auf ihr dreidimensionales Werk. „Formschnitt und vor allem Knotengärten sind ein charmanter Spleen“, räumt sie ein. Sie gestaltete ihre zwei sich spiegelbildlich gegenüberliegenden Gärten vor mehr als 20 Jahren. Die ineinander verschlungenen Knoten sind ein Mix aus Buchsbaum und roter Berberitze (Berberis thunbergii ’Atropurpurea‘), deren intensiv rote Blattfarbe das Knotenmuster zu einem wahren Hingucker macht. Es dauerte fünf Jahre, bis alles wie gewünscht gewachsen war: „Der Buchs wird einmal jährlich händisch geschnitten, mit rasiermesserscharfer japanischer Formschnittschere, das geht super präzise. Die Berberitze muss viel öfter nachgeschnitten werden.“

          Fontäne, Ente, Fabelwesen: jede Form ist möglich.

          Die Passion für Knotengärten packte die Kölnerin, als sie den Garten von Barnsley House (Gloucestershire) besuchte. Dort legte die renommierte Garten-Lady Rosemary Verey (1918– 2001) grüne Knüpfkunst von verblüffender Plastizität an. Verey, als „Mutter des modernen Knotengartens“ gerühmt, hauchte diesem traditionsreichen Leitelement englischer Gartenkunst der Renaissance vitale Frische ein. Unzählige historische Gärten prunken auf der Insel mit irrwitzig kunstvollen Knotengärten und vor allem mit verrückten Formschnittfiguren. Nicht Kugel, Kegel, Pyramide – pah, das kann doch jeder. Je ausgefallener, detailverliebter und origineller, desto besser, so die Devise. Wer übertrumpft mit der bizarrsten Form? Wie wäre es mit Pirouetten, Spiralen, überdimensionalen Schachfiguren, Fabelwesen, Wappen oder Teekesseln?

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