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Gardinen : Gut betucht war gestern

Schön und ganz ohne Risiko: Weiße Vorhänge ermöglichen dem Licht ein herrliches Schattenspiel und passen eigentlich immer Bild: StockFood

Gardine – das klingt nach siebziger Jahre, nach Goldkante und Geschmacksverirrung. Immer häufiger triumphiert die nackte Form über die Wohnlichkeit. Eine Enthüllungsgeschichte.

          Mal angenommen, es gäbe folgenden Wettbewerb: Gesucht wird jenes Land, dessen Bewohner ihr Heim mit selbstverständlicher Eleganz und schönen Stoffen am besten zu schmücken verstehen. Das unsere würde wohl nicht in die engere Wahl kommen. Allein schon in Europa ist die Konkurrenz hoffnungslos überlegen. Da sind die Engländer mit ihren Blumenbeeten gleichenden Stoffbahnen. Deren hemmungslose Romantik zu schlagen ist aussichtslos. Die Italiener punkten mit ihrer Eleganz und großen Namen unter den Stoffherstellern wie C & C Milano. Und dann sind da unsere stilsicheren Nachbarn, die Franzosen.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zwar ist im Frankreich des 21.Jahrhunderts der Lack im Allgemeinen etwas stumpf geworden, über das comme il faut im Salon jedoch herrscht kein Zweifel: Da gehören dekorative Stoffe zum Raum wie das Brot zum Essen. „In Frankreich weiß man nicht nur, wie man Vorhänge, Stores und dergleichen einsetzt – man zeigt auch, dass man es weiß“, stellen deutsche Stoffhersteller immer wieder fest – und blicken gemeinsam mit der Zunft der Inneneinrichter auf die geradezu paradiesischen Zustände jenseits der Grenze.

          Verglichen damit, geht es bei uns offenbar so nüchtern zu, dass man meinen könnte, der berühmte deutsche Sonderweg führte geradeswegs mitten durchs Wohnzimmer. Moment mal, möchte man rufen: Unser Zuhause soll eine heimtextilfreie Zone sein? Sitzen denn nicht auch auf deutschen Sofas bunte Kissen, rollen sich nicht Läufer über Eichentische? Nicht zu vergessen die akkurat drapierten Plaids auf der Bettkante, die als Blickfang Karriere gemacht haben. Alles richtig, doch sieht man sich um in schicken Wohnmagazinen, bei ambitionierten Bauherren, im Freundeskreis, dann haben gerade zum Stoff vor dem Fenster viele Menschen ein sehr gespaltenes Verhältnis. Wenn sie überhaupt eines haben.

          „Hang zur Unverblümtheit“

          Das war schon mal anders. Noch Großmutter bestand auf duftige Gardinen – gerne mit Lochstickerei verziert. Gesäumt wurde sie im Wohnzimmer von zwei Vorhängen aus schwerem, matt schimmerndem Stoff, der auch als in akkurate Falten gelegte oder straffgespannte Schabracke die Schiene verbarg. Es wurde gerafft und gezupft, das Ergebnis mit Quasten und Troddeln fixiert. Herrschaftlich sah das aus. Meist feiner, als es eigentlich war, gut betucht wie einst der Adel eben.

          Das ist lange her. Erstens haben viele Menschen im Allergiezeitalter Teppichböden und Vorhängen Hausverbot erteilt. Zweitens sind Omas opulente Ensemble längst als altmodisch verschrien. Weg mit dem Muff, dachten sich schon die Mitglieder der Studentenbewegung, als sie in den späten sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit vielen Gepflogenheiten ihrer alten Herren (und Damen) brachen und das Private öffentlich machten. Weil sie ohnehin dabei waren, die Arbeiter, die Liebe, die Sexualität und was sich sonst so anbot zu befreien, sorgten sie gleich auch noch für den freien Blick: Toilettentüren wurden aus- und Gardinen abgehängt. Es mehrten sich Fenster, von denen aus man in fremde Betten und Wohnzimmer spähen konnte.

          Im Laufe der Jahrzehnte sind die nackten Ausgucke gewissermaßen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Gardinen gelten immer mehr Menschen als spießig. Der Wohnpsychologe Uwe Linke diagnostiziert gegenwärtig einen generellen „Hang zur Unverblümtheit“, wie man ihn vor Jahren nur unseren holländischen Nachbarn zutraute. Was in deutschen Landen lange als antibürgerliche Provokation galt, kultiviert heute vor allem ein Teil des Establishments ganz selbstverständlich als Ausdruck seines Stilbewusstseins. Dabei braucht es sich noch nicht einmal auf die alten Kommunarden zu beziehen, gab es lange vor deren Zeit doch schon – das „Bauhaus“. Heute ist das, was man sich darunter vorstellt, in Mode wie nie zuvor. Dieser funktionale Baustil steht für ein Raumkonzept, zu dem wallende Stores kein bisschen passen. Selbst ein luftiger Voile kann da als Anschlag auf die reine Lehre gelten.

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