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Wohnort-Trendwende : Jetzt geht es wieder raus aufs Land

Ist das Land die neue Stadt? Bild: Frank Röth

Deutschland ist ein Musterbeispiel für ein durchs Stadtleben geprägtes Land. Bis zum Jahr 2014 wuchsen Großstädte stetig. Nun scheint sich eine Trendwende abzuzeichnen.

          Jetzt ist es passiert. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren ziehen mehr Inländer aus den sieben größten Städten des Landes weg als zu. Jahrelang schien deren Anziehungskraft ungebrochen, während es auf dem Land immer einsamer und öder wurde. Jahrelang konnte man hören, lesen und beobachten: Die Deutschen ziehen in die Stadt, wo die Wege kürzer, die Chancen größer und die Angebote vielfältiger sind und wo – ganz wichtig – sich Familie und Beruf leichter unter einen Hut bringen lassen.

          Damit nicht genug, haben die Städter ihre Umgebung im Laufe der Zeit sowieso zum besseren Land gemacht. Hier leben Bienenvölker auf dem Dachgarten, Fuchs und Hase sagen sich in der Grünanlage gute Nacht, und Milch, Äpfel und Eier aus der Region gibt es im Biosupermarkt um die Ecke. Die Stadt punktet, in fast allen Bereichen.

          Die Statistiker hatten für den Zuzug die passenden Daten zur Hand. Und auch jetzt noch vermelden sie, dass die Städte weiter wachsen – durch Zuwanderer aus dem Ausland. Was das Inland angeht, weist das Statistische Bundesamt seit 2014 für Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Köln, München und Stuttgart einen negativen Wanderungssaldo aus, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ermittelt hat.

          Trendwende in der Ortswahl

          Von Trendwende ist die Rede. Von neuer Stadtflucht und alter Landlust. Doch ist das richtig? Zunächst ein weiterer Blick in die nüchternen Zahlen der Statistik: Hier zeigt die DIW-Analyse, dass die Entwicklung bezüglich der Großstädte nicht über Nacht gekommen ist.

          Seit 2004 verzeichnet das Statistische Bundesamt einen starken Zuzug in die Städte, der 2006 seinen Zenit erreichte. Auch danach zogen die Metropolen weiter Bewohner aus der einheimischen Bevölkerung an, doch in immer geringerem Maß, bis dann 2014 die Abwanderer mehr waren.

          Kleinere und größere Wellen des Zu- wie des Wegzugs gehören zur Entwicklung von Städten. Auf jede Bewegung folgt eine Gegenbewegung. Urbanisierung, Suburbanisierung, De- und Reurbanisierung – Metropolenforscher haben eine eigene Terminologie, um die zyklischen Wanderungsbewegungen zu beschreiben.

          Welche Personengruppe wandert ab?

          Wer da aktuell nun aus den sieben größten Städten fortgezogen ist, lässt sich nur vermuten. Die Jungen sind es wohl nicht. Sie drängen dahin, wo die größten Entwicklungschancen und Entfaltungsmöglichkeiten warten. Dass unter den Deutschen diese Kohorte aber zunehmend kleiner wird, mag auch ihren Niederschlag in den Zahlen finden.

          Zu den typischen Abwanderern zählen vor allem jene, die schon länger in der Stadt wohnen, aber dort derzeit keine Zukunft mehr für sich sehen. Schaut man sich die Entwicklung in den betroffenen Städten an, ist der Trend nicht verwunderlich. Denn seit acht Jahren kennen die Preise am Immobilienmarkt nur eine Richtung: nach oben.

          In sämtlichen Wachstumsregionen des Landes sind die Mieten und Kaufpreise stetig und teils stark gestiegen, die sieben größten Städte haben ein besonders hohes Preisniveau erreicht. Da kann nicht jeder mithalten. So orientieren sich jene Stadtbewohner um, für die der Wohnungsmarkt kein passendes Angebot bereithält. Wobei passend nicht nur bezahlbar, sondern auch die Wohnform meint.

          Stadtflucht? Eher nicht.

          Als typische Vertreter hierfür gelten gemeinhin Familien mit wachsendem Platzbedarf. Der beschränkt sich keineswegs nur auf den Innenraum. Auch die Qualität der Umgebung spielt eine Rolle: Gibt es Grünflächen, ist es sauber, sicher und nicht zu laut? Die Bedürfnisse dieser Gruppe sind, was das angeht, denen älterer Bewohner gar nicht so unähnlich.

          Wo es aber mehr Menschen hinzieht, ist es mit Ruhe und Gemütlichkeit vorbei. Und so mögen die wachsenden Städte selbst für manche Motiv sein, zu gehen. Die städtebaulich sinnvolle Nachverdichtung wird von vielen Bewohnern als Verlust von Lebensqualität empfunden – und das, obwohl der Einzelne auf mehr Wohnfläche lebt als je zuvor.

          Überhaupt der Verlust. Wenn die Nachbarschaft sich ändert, kann auch das für manchen Anlass sein, fortzuziehen, weil er sich unter all den Neuen mit einem Mal fremd vorkommt. Zumal wenn diese das Umfeld dominieren. Die Neuen: Das können „Schwaben“ im Osten Berlins sein, Mitarbeiter der Europäischen Zentralbank im Frankfurter Ostend, die Party-Community, die vor der eigenen Haustür feiert, oder auch Migranten.

          Also Stadtflucht? Eher nicht. Es gibt starke Indizien dafür, dass die Mehrheit keineswegs die Stadt als solche flieht. Wie auch. Schließlich lebt sie längst in einer verstädterten Gesellschaft, wie Metropolenforscher das nennen. Gradmesser dafür ist das Verhältnis der Stadtbewohner zur Gesamtbevölkerung.

          Deutschland ist mit einer Quote von mehr als 75 Prozent ein Musterbeispiel für ein durchs Stadtleben geprägtes Land. Viele der scheinbaren Großstadtflüchtigen ziehen nicht hinter die sieben Berge, sondern in den dichten Speckgürtel mit S-Bahn-Anschluss oder in andere, kleinere Städte. Darmstadt, Regensburg, Trier und wie sie alle heißen, sind die Aufsteiger im Städteranking. Nur weil die großen sieben verlieren, kann von Stadtflucht gegenwärtig keine Rede sein.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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