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Neue Häuser: Zuhause im Wolkenkuckucksheim

Groß, weit und mit jeder Menge Details

Zuhause
im Wolkenkuckucksheim

Von BIRGIT OCHS mit Fotos von FRANK RÖTH
Groß, weit und mit jeder Menge Details

03.01.2018 · Ein Haus, in dem Urlaubsstimmung aufkommt und das trotzdem alltagstauglich ist: Eine Familie aus dem Schwarzwald hat sich ihre Wohnwünsche erfüllt – mit einem Architekten aus London.

S tadt oder Land? Gehen oder bleiben? Kaufen oder mieten – im Neubau oder im Bestand? Anders als viele junge Eltern haben sich Nicole und Frank Haas diese Fragen nicht gestellt. Die beiden wussten, wo sie mit ihrer Familie leben wollten, und den passenden Platz mussten sie gar nicht erst suchen, er war schon da: in einem Haus gleich neben dem Eigenheim von Franks Eltern, denen auch diese Immobilie gehörte. „Da hatten wir es wirklich einfach“, sagt der 39 Jahre alte Entwicklungsingenieur im Rückblick. Er und seine Frau wohnen, wie viele ihrer Jugendfreunde, wo sie aufgewachsen sind – in einer keine 1500 Einwohner zählenden badischen Schwarzwaldgemeinde im Oberen Achertal.

In ihrem Leben ist deshalb trotzdem nicht alles beim Alten geblieben. Zum Beispiel haben die beiden ihr Haus aus den fünfziger Jahren radikal umgebaut und sich so ein neues, modernes Zuhause geschaffen. Ursprünglich bestand der Bau aus einem einfachen Holzfertighaus, das auf einem massiven, ausgebauten Sockelgeschoss saß. Der Sockel ist geblieben, der obere Teil aber ist neu.

Schon vor Jahren hatte Frank Haas, der sich sehr für Architektur und Design interessiert, zusammen mit seinem Freund, dem Architekten Markus Seifermann, Pläne geschmiedet. Damals bewohnten er und Nicole schon das Untergeschoss. Seifermann stammt aus einer Nachbargemeinde und hatte zunächst für Frank Haas’ Bruder gebaut. Dass der Planer seinen Bürositz in London hat, war für die Beteiligten kein Hinderungsgrund. Der Weg von der britischen Hauptstadt in die alte Heimat im Schwarzwald sei heute ja keine Weltreise mehr, sagt Seifermann. Und über Telefon und Internet sei man ohnehin dauernd in Kontakt.

Für besonderen Glanz in der Küche sorgt die Farbe Gold, an der Fliesenfront hinter der Spüle oder im Innern der Lampen.
Gemütlicher Spielplatz vor grandiosem Panorama
Eine Treppe verzahnt gekonnt Bestand und Neubau.

Angesichts der Bausubstanz des alten Hauses, der dünnen Wände und der mangelnden Trittschalldämmung sei es für sie keine Frage gewesen, den oberen Teil des Gebäudes komplett zu erneuern – und dabei die Vorzüge der Lage erst richtig zur Geltung zu bringen. Denn das Grundstück liegt oben an einem steilen Hang, von wo aus der Blick an schönen Tagen nicht nur über das Dorf, sondern weiter über das Achertal bis zu den Vogesen und nach Straßburg schweifen kann. Reizvoll ist die Aussicht jedoch auch, wenn im Tal Nebel aufzieht. Dann scheint das Haus über den Wolken zu schweben. Das hat dem Vorhaben den Projektnamen „Wolkenkuckuckshaus“ eingebracht. Zudem sollte das Haus Platz für die wachsende Familie, zu der zwei Kinder gehören, bieten und die Bauweise des Schwarzwalds zeitgemäß interpretieren.

Was bei der Einfahrt in das Wohngebiet auffällt, ist die insgesamt stereotype Bebauung. Alle Häuser stehen parallel zum Hang, als wollten sie sich dem Gefälle entgegenstellen. So verhielt es sich auch mit dem ursprünglichen Bau der Familie Haas. Markus Seifermann dagegen hat in seinem Entwurf das Obergeschoss quergesetzt, das heißt in Richtung des Gefälles. Dadurch entsteht der Eindruck, als ob der Hang durch das Haus hindurchfließe. „Das war im Grunde der Haupt-Move“, beschreibt der Architekt den wesentlichen Akzent seiner Planung. Zudem wählte er eine leicht keilförmige Hülle für den Aufbau. Das heißt: Zum Hang hin verjüngt sich das Gebäude, während es nach vorne zur Straße größer und weiter wird und über den Sockel hinausragt. „Dort haben wir den Platz gewonnen, der Richtung Hang fehlt“, erläutert Seifermann. Die Gebäudehülle so zu gestalten hatte handfeste Gründe: Architekt und Bauherren wollten vermeiden, in den Fels zu bauen, weil das deutlich teurer gewesen wäre.

  • Die Stufen führen, dem Verlauf des Hangs folgend, vom Sockelgeschoss hinauf in den hinteren Teil des Hauses.
  • Im unteren Geschoss sind neben dem Elternschlafzimmer auch die beiden Kinderzimmer untergebracht.
  • Das Bad ist klein, aber oho.
  • Wegen seiner ökologischen Qualität spielt der Baustoff Holz im „Wolkenkuckucksheim“ eine zentrale Rolle.
  • Unter der Treppe, die zum Gästezimmer führt, hat sich Frank Haas einen kleinen Arbeitsplatz eingerichtet.

Der Hang beeinflusst auch das Innenleben des Baus. Seifermann sagt, er habe sich beim Entwurf des Grundrisses an der „Weinbergtypologie“ orientiert. Im Sockelgeschoss, dem alten Teil des Gebäudes, in dem der Eingang liegt, fällt das noch nicht auf. Hier, wo neben dem Elternschlafzimmer auch die beiden Kinderzimmer untergebracht sind, befinden sich alle Räume auf einer Ebene. Auch sind die Zimmer allesamt eher klein. Wichtig war hier, dass Eltern und Kinder Rückzugsmöglichkeiten haben. Eine hübsche Finesse zum Innenausbau hat der Hausherr selbst beigesteuert. Frank Haas, nicht nur von Gestaltung begeistert, sondern auch handwerklich geschickt, hat für seine Kinder ein Etagenbett der besonderen Art entwickelt. Er hat aus zwei Modulen ein Bett gebaut, das zugleich Trennwand zwischen den beiden Zimmern ist. Jedes Kind kann von seinem Zimmer aus seine Schlafstatt erreichen. Das eine hat ein Hochbett, das andere schläft im Nebenzimmer unter eben jenem Hochbett in einer Schlafnische. Das ist nicht nur gemütlich, sondern schafft in den beiden recht kleinen Räumen Platz.

Der obere Teil des Hauses ist dagegen weitläufig. Eine Treppe verzahnt Bestand und Neubau, indem sie, dem Verlauf des Hangs folgend, vom Sockelgeschoss hinauf in den hinteren Teil des Hauses führt. Von dort aus geht es entweder weiter nach oben – vorbei an einem auf halber Strecke liegenden Arbeits- Gästezimmer – zur Galerie, die als Wohnzimmer genutzt wird. Oder aber man wendet sich gen Tal. In dieser Richtung sind Küche und Essplatz angesiedelt. Hier beschert das dank seiner tiefen Laibung auch als Sitz-, Lese- und Spielplatz dienende Panoramafenster einen grandiosen Fernblick. „Es macht wirklich viel Freude, auf diesem Platz zu sitzen“, schwärmt Nicole Haas und erzählt, dass sie wie die Kinder reichlich Gebrauch von dieser Möglichkeit mache.

Der mit dem Innenausbau beauftragte Schreiner hat unter der Fenstersitzbank wie in den anschließenden Wandflächen viel Stauraum durch Einbauschränke geschaffen. Der ist auch nötig, da das Haus keinen Keller besitzt. Überhaupt wurde bei der Planung trotz der Großzügigkeit des Obergeschosses durchaus darauf geachtet, dass Platz nicht verschwendet wird. So ist zum Beispiel unter der Treppe, die zum Gästezimmer führt, ein Kabäuschen entstanden, in dem Frank Haas sich einen kleinen Arbeitsplatz eingerichtet hat. Der Schreiner habe mit viel Gefühl für Details und Ästhetik Vorschläge gemacht und gearbeitet, loben die Bauherren.

Ü berhaupt habe der gesamte Um- und Ausbau sehr gut geklappt. Für die etwa anderthalb Jahre währende Bauphase kam die vierköpfige Familie, die das Haus mittlerweile gekauft hatte, in einer Ferienwohnung bei Franks Eltern im Nachbarhaus unter. Von hier aus hatten sie den Verlauf der Arbeiten stets im Blick.

Der Hang gibt die Richtung vor.

Viel Wert haben Nicole und Frank Haas auf die Farb- und Materialwahl gelegt. Nicht zuletzt wegen seiner ökologischen Qualität spielt der Baustoff Holz im „Wolkenkuckucksheim“ eine zentrale Rolle. So wurde das neue Geschoss in Holzständerbauweise errichtet. Für die Fassade hat man Weißtanne gewählt, vorvergraut. Das hat den Vorteil, dass das Holz gleichmäßiger nachdunkelt. „So etwas ist Geschmackssache“, sagt Haas.

Zu den Details, die der Bauherr sich für sein Haus ausgedacht hat, gehören auch die Schichtstoffplatten in edel-mattem Grau, mit denen die Unterseite der Galerie verkleidet ist. Eigentlich wird das Material an Fassaden eingesetzt. Haas gefiel die Idee, daraus ein grafisch interessantes Muster zu gestalten. Er machte einen Entwurf, den sein Freund Markus Seifermann mit seinem Büro Über Raum Architects dann perfektioniert hat. Das Küchenmobiliar ist von der alten Wohnung im Untergeschoss nach oben umgezogen, es wurde ergänzt, und erhielt neue Fronten. Für besonderen Glanz sorgt die Farbe Gold, die in der Küche zum Einsatz kam: etwa an der Fliesenfront hinter der Spüle oder im Innern der Lampen.

Sie hätten ein Haus für den Alltag gewollt und für das Urlaubsgefühl in der Freizeit, beschreibt das Ehepaar eine Erwartung, die sie an das Vorhaben geknüpft hatten. „Denn hier in der Region kann man einfach gut leben, da stimmt die Infrastruktur und die Lebensqualität“, sagt Nicole Haas. „Hier zu bleiben, bei diesen Möglichkeiten, das war für uns keine Frage.“

Das Haus kurz und knapp

Baujahr: 2016
Bauweise Umbau: Holzständerweise auf bestehendem massiven Sockelgeschoss
Energetisches Konzept: Luft-Wasser-Wärmepumpe; PV-Anlage; gute Dämmung
Wohnfläche: 239 Quadratmeter
Standort: Achertal im Schwarzwald

Die Beiträge der Reihe „Neue Häuser“ erscheinen in loser Folge. Mehr aus der Serie unter faz.net/haus

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 03.01.2018 08:42 Uhr