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Architekturpsychologe Richter : „Wer anders baut, erhebt sich über die Nachbarn“

So sehen Sieger aus: Fertighaus Neo Günzburg ist einer der Gewinner beim „Deutschen Traumhauspreis“ 2017. Bild: Finger Haus

Der Architekturpsychologe Peter Richter über das Kontrollgefühl, das Satteldach und Fachwerkhaus vermitteln, und die Frage, was die afrikanische Savanne mit Urban Gardening zu tun hat.

          Neue, außergewöhnliche Gebäude stoßen oft auf Ablehnung. Wie kommt das?

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Geschmacksurteile fällen wir in Bruchteilen von Sekunden. Das gilt sowohl für Menschen, denen wir begegnen, genauso wie fürs Essen und für die Architektur. Einen Großteil unserer ästhetischen Vorlieben erwerben wir in der frühen Kindheit. Schon bevor wir zur Schule gehen, haben wir gelernt, ob wir etwas attraktiv oder unattraktiv finden. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Prägung durch die soziale Umgebung.

          Man findet also schön, was schon den Eltern gefiel?

          Könnte man so sagen. Um einen Geschmack für Architektur auszubilden, braucht es noch nicht einmal andere Personen, denn sie umgibt uns permanent, und man nimmt sie unterbewusst oder höchstens teilbewusst wahr. Für die meisten Kinder gilt, dass sie angstfrei und in Geborgenheit aufwachsen. In dieser bekannten Umgebung entwickeln sie ein vertrautes Gefühl, dort fühlen sie sich wohl. Dieses Empfinden ist seit der Kindheit an die ästhetische Bewertung der Umwelt gekoppelt.

          Ich bin in Hamburg aufgewachsen. Habe ich nun für immer und ewig ein Faible für Rotklinker?

          Auf jeden Fall vermittelt der Anblick Ihnen wahrscheinlich ein Gefühl von Sicherheit. Ich habe meine Kindheit im halbzerstörten Dresden verbracht. Da hatte ich gar nicht die Chance, mein Geschmacksempfinden an zeitgenössischer Architektur zu schulen, die bekam ich gar nicht zu Gesicht. Wie sollte meine Generation lernen, moderne Architektur zu mögen? Das ist ja auch das Problem: Wenn immer weiter traditionell gebaut wird, lernt jede Generation einen immer ähnlichen Baustil lieben. So entsteht wenig Neues.

          Ist das Bestreben deswegen auch so groß, das Alte wiederauferstehen zu lassen, wie die Altstadt in Frankfurt oder der historische Neumarkt in Dresden?

          Einer der zentralen Gründe ist Nostalgie, es soll eine vertraute Vergangenheit heraufbeschworen werden.

          Warum wollen viele Menschen die mittelalterliche Stadt zurück?

          Das hat auch sozialpsychologische Aspekte, denn mittelalterliche Städte

          waren von ihrer Struktur viel mehr auf Menschen ausgelegt als die heutigen, die sich stärker am Verkehr orientieren. Ältere europäische Städte dienen viel mehr der Interaktion ihrer Bewohner. Die engen Gassen fördern Kommunikation auf der Straße oder von Fenster zu Fenster, die Marktplätze sind ein Treffpunkt, hier tauscht man sich aus. Das verbessert den Gruppenzusammenhalt. Und dann ist da noch ein anderer Punkt: Die Gebäude, inmitten derer ich mich bewege, werden Teil meiner Identität. Städtische Wahrzeichen wie Parlamente, Kirchen oder eben auch besondere Altstadthäuser stärken das Gemeinschaftsgefühl.

          In den Städten kann man beobachten, dass sich die Bewohner den öffentlichen Raum wieder stärker aneignen. Sie bepflanzen Baumscheiben oder stellen im Sommer ihre Bänke auf den Bürgersteig. Sind das Zeichen für eine steigende Identifikation mit der Stadt, in der man lebt?

          Bestimmt, aber es gibt noch einen anderen Grund: Es ist belegt, dass Menschen die Natur immer einer gebauten Umwelt vorziehen, egal wie schön die Gebäude sind. Moderne Architektur hat deshalb immer dann gute Chancen, gemocht zu werden, wenn sie möglichst viele Elemente natürlicher Umwelt integriert. Ich denke da zum Beispiel an Hochhäuser mit begrünten Fassaden wie das Bosco Verticale in Mailand.

          Umstrittener Baustoff: Architekten lieben Sichtbeton, dem Laien graut´s oft.

          Wie kommt das?

          Eine Erklärung dafür ist die sogenannte Savannen-Hypothese: Menschen bevorzugen Lebensräume, die Schutz vor Gefahren bieten und gleichzeitig Kontrolle durch weite Ausblicke ermöglichen – wie in der afrikanischen Savanne, wo ich mich in der Vegetation verstecken kann, potentielle Angreifer aber gleichzeitig im Blick habe.

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