http://www.faz.net/-gz7-9e5x7

Schaffung von Wohnraum : Kleine Projekte, große Wirkung

  • -Aktualisiert am

Hamburger Deckel: Nachverdichten im Großformat Bild: Deges/V-Kon.media

Städte brauchen mehr Raum und müssen nachverdichten: Durch kluge Planung kann das gelingen, ohne viel Kleingärten und Freizeitflächen anzutasten.

          Vogelzwitschern und Gartenparadies statt Straßenlärm und Blechlawine: Was sich wie ein Traum anhört, wird in Hamburg bald Realität, und weitere Städte wie Frankfurt am Main oder Berlin überlegen zu folgen. Seit 2014 überbauen die Hanseaten an drei Stellen und mit einer Gesamtlänge von fast vier Kilometern die A7, die das westliche Stadtgebiet durchtrennt. Auf diesen Deckeln sollen dann Parkanlagen entstehen. Außerdem sollen dort auch die ursprünglich links und rechts der Autobahnböschung liegenden Kleingärten Platz finden. Nicht nur Vogel und Igel bekommen so ein neues Zuhause, sondern auch bis zu 10.000 Menschen, für die auf den Flächen der früheren Gartenanlagen 3800 Wohnungen geplant sind. Das ist städtebauliche Nachverdichtung im Großformat.

          „So ein Projekt ist unter qualitativen und unter Aspekten des Freiraumschutzes wie des Städtebaus fast ideal. Doch so etwas ist eher die Ausnahme – auch im Hinblick auf den Finanzierungsaufwand“, rückt Bernd Breuer vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) die Verhältnisse zurecht. Zur massenhaften Lösung der Wohnungsnot würden sich solche Großprojekte daher nicht eignen.

          Kleingärten rücken ins Visier

          Viele Gesichtspunkte müssen bei der Schaffung von Wohnraum berücksichtigt werden, insbesondere auch die Umwelt. „Denken wir an boomende Städte, erscheint es mitunter unumgänglich, Grünflächen zur Bebauung zu nutzen“, sagt Breuer. Theoretisch ist das Reservoir groß: Neben Friedhofsflächen, Schwimmbadwiesen und ungenutzten Grünstreifen rücken vor allem Kleingärten als Bauland ins Visier, die laut Bundesverband Deutscher Gartenfreunde im ganzen Land fast 40.000 Hektar ausmachen. Doch je dichter die Stadt wird und je mehr sich das Klima im ganz wörtlichen Sinn aufheizt, desto wichtiger werden die grünen Inseln. Kritiker halten daher diese per se für unantastbar. Doch Architekt Breuer hält dagegen: „Grünflächen haben unterschiedliche Qualitäten und Wertigkeiten, die im Einzelfall zu betrachten und gegenüber einer baulichen Nutzung abzuwägen sind.“ Ein Freibrief zum Bebauen der Grünflächen ist das aber nicht, sondern nur eine von vielen Möglichkeiten.

          „Wir müssen das Spektrum möglicher Nachverdichtungsformen breit verstehen und insbesondere kleinteilige, behutsame Formen mitbedenken, die in ihrer Summe auch große Effekte erzielen können“, sagt Breuer. Nachverdichtung heißt daher, nicht jede freie Lücke zu schließen und damit weitere Fläche zu versiegeln. Viele Planer sehen durch den Anbau an und vor allem dem Aufbau auf bestehenden Gebäuden viel Potential. Denn dafür müssen neue Flächen kaum oder gar nicht in Anspruch genommen werden.

          „Es ist immer eine Gratwanderung“

          Vor allem die Dachlandschaft gilt daher als idealer Bauplatz – den viele Immobilieneigentümer und Wohnungsunternehmen schon nutzen. Eine kleinteilige Erschließung sei aufwendig, und in Anbetracht von personeller Reduktion könnten das viele Verwaltungen heute nicht mehr leisten, doch sei sie notwendig, sagt Breuer. Nach einer Prognose des BBSR müssen bis 2030 jedes Jahr durchschnittlich 230.000 Wohnungen gebaut werden, um den Bedarf zu decken.

          Potential für die Nachverdichtung ist jedenfalls da. Das Umweltbundesamt schätzt, dass bundesweit zirka 150.000 bis 176.000 Hektar ungenutzte innerörtliche Brachflächen bestehen. Das sind schon bebaute, aber verwaiste Grundstücke, die durch teures Flächenrecycling wieder genutzt werden könnten. „Es ist immer eine Gratwanderung, auf der einen Seite neue Bebauungen zu ermöglichen und auf der anderen Seite günstige Klimabedingungen in einer Stadt zu schaffen beziehungsweise zu erhalten.“ Denn genügend Korridore zur Frischluftversorgung einer Stadt oder Sickerflächen für Wasser müssen vorhanden sein. „Kombiniert man die Erschließung von Brachflächen mit einer langfristigen Strategie kleinteiliger Verdichtung, ist das zu schaffen.“

          Weitere Themen

          Lebensmittelskandal in Australien Video-Seite öffnen

          Nadeln in Erdbeeren gefunden : Lebensmittelskandal in Australien

          Vorsicht beim Reinbeißen ist geboten. Im australischen Bundesstaat New South Wales wurden haufenweise Erdbeerverpackungen mit Nadeln gefunden. Der oder die Verantwortlichen hätten mit Haftstrafen von bis zu zehn Jahren zu rechnen, teilte die Polizei mit.

          Topmeldungen

          Maaßen-Beförderung : Das Dilemma der SPD

          Nach der Beförderung von Hans-Georg Maaßen zum Staatssekretär zeigt sich die alte Zwangslage der SPD: Wie kann man drohen, wenn man zu viel Angst vor den Konsequenzen hat?

          Thema Brexit in Salzburg : Der EU-Gipfel soll eine Katastrophe vermeiden

          Beim informellen EU-Gipfel in Salzburg ist der Brexit wieder Thema. Eine Absage an Mays Pläne wird es wohl vorerst nicht geben, denn die Staats- und Regierungschefs haben die Zukunft der britischen Premierministerin im Blick.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.