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Anders Wohnen (11) : Auch Romantik hat ihren Preis

Zuhause, Ausstellungsraum, Ort der Inspiration: Die Mühle der Speckhardts Bild: Agata Skowronek

Der Maler Siegfried Speckhardt und seine Frau Ri haben sich in einer Mühle im Odenwald eingerichtet. Wer nicht verstehen kann, was Liebe und Lyrik mit einem Immobilienkauf zu tun haben, der kennt die Speckhardts nicht.

          Siegfried Speckhardt ist Romantiker. Dafür gibt es mancherlei Indizien. Eines davon ist sein Wissen um das erhellende Licht des Mondes. Ein nüchternerer Geist mag „bei Nacht sind alle Katzen grau“ knurren. Einer wie Speckhardt aber hält es mit Theodor Storm. Der dichtete „und was in Tagesgluten, zur Blüte nicht erwacht, es öffnet seine Kelche und duftet in die Nacht.“

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So, und vermutlich nur so konnte es geschehen, dass der Odenwälder sich eines Nachts im Mondenschein in die alte Kornmühle verliebte. Unerwartet und bedingungslos. Und wer jetzt den Kopf schüttelt, weil er nicht verstehen kann, was Liebe und Lyrik mit einem Immobilienkauf zu tun haben, der kennt Speckhardt und seine Frau Ri nicht und weiß nichts von der Begeisterung des Ehepaars für die Gedichte eines Eduard Mörike und die Lieder eines Franz Schubert. Und weiß auch nichts vom „Feuerreiter“ und der „Schönen Müllerin“. Sonst würde er verstehen, dass gemeinhin wichtige Fragen wie Finanzierung, Steuern, mögliche Fördermittel der Denkmalpflege und Auflagen für die beiden zwar nicht bedeutungslos, aber für die Wahl nicht unbedingt entscheidend waren.

          Der Traum vom Eigenheim

          „Mein Mann besitzt die schöne Gabe, in den Dingen zu sehen, was sie sein können“, sagt Ri Speckhardt. In den mittlerweile 40 Jahren ihrer Ehe hat sie mehr als einmal auf diese Fähigkeit ihres Gatten vertraut. Auch beim Kauf des jahrhundertealten Gemäuers, das an der Landstraße seines Heimatortes Auerbach vor sich hin rottete, war das so. Denn bei Tageslicht betrachtet, war die Mühle nichts weiter als ein heruntergekommener Bau, dessen einziger Komfort darin bestand, über Licht, fließend Wasser und reichlich Platz zu verfügen.

          20.000 Quadratmeter Grundstück: ein wunderbar üppig angelegter Garten, das größere Stück sind Obstbaumwiesen und Wald

          Das war 1975. Ri und Siegfried Speckhardt, damals 32 und 37 Jahre alt, träumten wie so viele in diesem Alter den Traum vom Eigenheim. Mit den beiden kleinen Töchtern wohnten sie in einem Mietshaus in Auerbach. „Direkt an der B 3, eine Ampel vorm Haus und eine Kegelbahn gegenüber, das war sehr laut“, beschreibt Speckhardt die Lage. Die Familie wollte raus. „Mein Mann brauchte Platz, um richtig arbeiten zu können“, nennt Ri Speckhardt eine weitere Antriebsfeder, den Kauf der Mühle zu wagen. Denn Siegfried Speckhardt malt, zeichnet und entwirft Plastiken - oft in großen Formaten.

          „Was wir da vorhatten, erschien allen unmöglich“

          Um es gleich zu sagen: Auch Romantik hat ihren Preis. Es war eine Liebe, die ihre Prüfungen und Opfer forderte. Von Speckhardt, seiner Frau, den Kindern und einer ganzen Reihe anderer Menschen. Über mehr als ein Jahrzehnt hinweg. Denn der Sanierungsaufwand der 1701 erstmals erwähnten Mühle war gewaltig. Und Speckhardts waren finanziell für das Vorhaben, das sie erwartete, nicht wirklich gerüstet. Der Familienvater studierte damals noch Gesang, seine Frau Ri arbeitete in einem Büro in der Stadt.

          Die junge Familie konnte es sich nicht leisten, einen Architekten mit der Leitung des Umbaus zu beauftragen, noch die nötigen Umbauten einem Bauunternehmen zu überlassen. Zwar hatte Speckhardt mit einem Architekten über das Vorhaben gesprochen, um sich Rat zu holen. „Doch der hat nur abgewinkt“, erinnert sich der Auerbacher. „Was wir da vorhatten, erschien allen unmöglich.“ Die Familie betrachtete die Entscheidung des Paares mit Mitleid. „Die Armen - dafür haben die auch noch Geld ausgegeben“, reagierten Freunde und auch Familienmitglieder.

          Das Gebäude musste bewohnbar gemacht werden

          Geholfen haben sie dann doch, als es daran ging, die Mühle in ein Wohnhaus zu verwandeln. Eine der wichtigsten Maßnahmen war der Einbau eines Wärmesystems. Denn im Innern des nach Osten in den Fels gebauten, dreistöckigen Hauses ist es kühl. Als die vier im Oktober 1975 einzogen, sei es unangenehm kalt gewesen, erinnert sich Ri Speckhardt. „Wir haben uns heiße Backsteine ins Bett gelegt.“ In der Küche baute die Familie einen großen Kachelofen, dessen Feuer das ganze Haus wärmt. Später kam eine Zentralheizung hinzu, doch die brauchten sie kaum, erzählen die Bewohner. Im vergangenen Winter war sie gar nicht in Betrieb. Speckhardts sind über die Jahre abgehärtet.

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