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Öffentliche Debatte : Ökonomen, mischt euch ein!

Generationenwechsel: Clemens Fuest folgte Hans-Werner Sinn an der Spitze des Ifo-Instituts Bild: dpa

Zehn Jahre nach der Finanzkrise hat sich die Volkswirtschaftslehre verändert. Volkswirte sind nicht mehr die Prediger von gestern. Aber das hat auch Nachteile. Ein Kommentar.

          Sage noch einer, die Volkswirtschaft habe sich nicht verändert. Vor zehn Jahren war die Kritik an den Ökonomen laut. Jahrelang hatten sich die Deutschen anhören müssen, dass sie unbequeme Reformen nötig hätten – dann kam die Finanzkrise, die die meisten Experten nicht auf ihren Rechnungen hatten. Der Unmut brach sich Bahn. Zu rechthaberisch seien die Ökonomen, hieß es dann. Ihr Bild vom Menschen, der hyperrationale Homo Oeconomicus, habe nichts mit der Realität zu tun. Die Erkenntnisse anderer Wissenschaften seien ihnen egal. Die ganze Disziplin sei zu liberal eingestellt. Studenteninitiativen gründeten sich, um auf eigenen Tagungen andere Thesen zu diskutieren – teils fundiert, teils gar nicht.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ob die Kritiker damals Recht hatten oder nicht, ist heute nicht mehr wichtig. Sicher ist: Die Volkswirtschaftslehre sieht heute anders aus. Zehn Jahre reichen, damit einige Professoren der alten Garde in den Ruhestand gegangen sind – Professoren, die zu einer Zeit ausgebildet wurden, als die Volkswirtschaftslehre noch Teil des Systemkampfs zwischen Marktwirtschaft und Kommunismus war. Ihre Nachfolger lassen sich auf neue Ideen ein. Wenn sich die deutschsprachigen Ökonomen in diesen Tagen in Wien zu ihrer Jahrestagung treffen, dann sprechen sie dort über „alternative Geld- und Finanzarchitekturen“. Einen neuen Ethikkodex gibt es schon seit einigen Jahren.

          Ist also jetzt alles in Ordnung?

          Zudem schlagen die Ökonomen einen neuen Ton an. Dem Vorsitzenden des Sachverständigenrats, Christoph Schmidt, ist Polarisierung ziemlich fremd. Seinem Institut hat er das Motto „evidenzbasierte Politikberatung“ gegeben: Die Beratung soll auf praktischen Untersuchungen basieren. Deutschlands einflussreichster Ökonom ist derzeit Ifo-Präsident Clemens Fuest, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf Grundlage ihrer Rangliste berichtet hat: Kein anderer Ökonom wird so oft von Politikern als Ratgeber genannt und so oft von Medien zitiert wie er. Doch Fuest pflegt einen ganz anderen Stil als sein Vorgänger Hans-Werner Sinn. Wo Sinn predigte, da berät Fuest – so heißt es im politischen Raum. Entsprechend hört die Politik auch viel eher zu, wenn Fuest etwas zu sagen hat. Selbst die Gewerkschaften haben kein Grundsatzproblem mit ihm.

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          Besonders stolz ist Fuest darauf, dass er ein europäisches Forschungsnetzwerk ins Leben gerufen hat – und dass er dabei auch Wissenschaftler anderer Disziplinen integriert. So wird die Volkswirtschaft zu anderen Wissenschaften durchlässig. Und Fuest ist nicht der einzige, der immer interdisziplinärer arbeitet: Ökonomen zitieren in ihren Forschungsarbeiten mehr und mehr Studien aus anderen Disziplinen – das wurde gerade an der amerikanischen Ingenieursschmiede MIT ausgerechnet.

          Ist also jetzt alles in Ordnung? Längst nicht. Gerade junge Volkswirte haben ihre Modelle verfeinert, mit der Realität verglichen, nachgebessert, aber darüber gelegentlich vergessen, dass zwar Predigten nicht immer beliebt sind, dass Ökonomen jedoch durchaus als Ratgeber in der Politik gebraucht werden. Zu oft verschanzen sie sich hinter dem Argument, ihre komplizierten Modelle verstünden die Laien sowieso nicht. Selbst im Sachverständigenrat, dem zentralen politischen Gremium der Ökonomen, halten sich zu viele Mitglieder in der öffentlichen Diskussion zurück.

          Es gibt Wirtschaftstheoretiker, die jeder Medienanfrage aus dem Weg gehen. Auf einer Podiumsdiskussion meldete sich so ein Handelsfachmann zu Wort und beschwerte sich, für den internationalen Handel würden sich die Deutschen nicht interessieren, ausgerechnet während der großen Proteste gegen das Handelsabkommen TTIP, als die Stimme von Experten der Diskussion gut getan hätte.

          Hinter Christoph Schmidt und Clemens Fuest wächst eine neue Generation von Ökonomen heran, nicht jeder von ihnen hat schon den Professorentitel, systematische Untersuchungen gibt es kaum – aber deutlich ist: Das Verhältnis der Volkswirte zur Politik verändert sich weiter.

          Spricht man mit den jungen Ökonomen, so scheinen sie sich in ihrer privaten politischen Einstellungen zu verändern: Sie rücken politisch immer weiter nach links, wie etwa der junge Münsteraner Volkswirt Johannes Becker beobachtet – dorthin, wo andere Sozialwissenschaften schon politisch stehen. Doch wenn dieser Trend zu weit geht, hat die Ökonomie auch nichts gewonnen. Wer von den Rechten und Liberalen nicht ernst genommen wird, hat in der öffentlichen Debatte genauso ein Problem wie jemand, der als zu liberal wahrgenommen wird.

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          Es bleibt nicht beim Linksruck. Mancher betrachtet Politik als Privatsache – was sinnvoll sein kann, wenn Wissenschaftler sich Werturteilen enthalten oder sie transparent machen. Viele aber kümmern sich gar nicht mehr um politische Themen, sondern konzentrieren sich auf immer kleinere Detailfragen und enthalten sich einer Stimme zur allgemeinen Politik.

          Es gibt einen guten Mittelweg zwischen dem Prediger-Dasein und dem Eremiten-Dasein. Es ist die Aufgabe öffentlich bezahlter Ökonomen, diesen Mittelweg zu suchen.

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