10.02.2009 · Wer in der Wissenschaft Karriere machen will, muss oft zitiert werden. Ob er gut ist, ist zweitrangig. Selbst Ökonomen die ganz oben in den Rankings stehen, bekommen Zweifel an dieser Praxis. Denn die Zahl der Zitate ist oft genug nur ein Spiegelbild des akademischen Herdentriebs: Zitiert wird, was andere auch zitieren.
Von Werner MusslerNoch vor zwanzig Jahren hielten die deutschen Wirtschaftswissenschaftler eine der letzten Bastionen des Zunftwesens. Die deutsche Ökonomen-Zunft (der Begriff kommt wohl nicht von ungefähr) war ein recht geschlossener Club. Über den Zugang zu diesem Club (sprich über die Vergabe von Lehrstühlen) bestimmten die großen Meister nach wenig transparenten Kriterien, Wettbewerb untereinander galt als etwas eher Unappetitliches. Besonders unbeliebt war den Professoren Qualitätskontrolle von außen: Ihr Argument lautete stets, dass sie sich am besten selbst beurteilen könnten - "Peer Review" lautete das Zauberwort.
Mittlerweile hat sich vieles geändert. Die deutsche Ökonomik ist offener und wettbewerbsorientierter geworden - und damit wohl auch international wettbewerbsfähiger. Dieser Wandel, der mit einem Generationswechsel einhergegangen ist, drückt sich unter anderem in der Bereitschaft der Ökonomen aus, sich Rankings zu unterwerfen. Sie existieren in unterschiedlichen Ausprägungen, von fakultätsinternen Lehr-Rankings, die auf der Evaluation durch Studenten beruhen, bis zu internationalen Forschungs-Rankings, die im Wesentlichen auf der Beurteilung der Veröffentlichungsleistung in wichtigen Zeitschriften fußen.
Die Rankings haben mittlerweile Einfluss auf die Besetzung von Lehrstühlen
Im deutschsprachigen Raum am prominentesten ist das Ranking des „Handelsblatts” (HB), das - glaubt man dem Schweizer Ökonomen Simon Loertscher - "mehr Leben in die volkswirtschaftlichen Stuben gebracht hat als so mancher forschungspolitische Vorstoß". Das ist wohl nicht ganz falsch: Zwar mäkelt mancher Ökonom an der HB-Methodik herum; wer aber durch das Ranking erst einmal als "Top-Ökonom" geadelt ist, hält damit auch nicht hinter dem Berg - eine dezente Information über den Ranking-Platz auf der eigenen Website ist das mindeste. Mittlerweile haben Rankings auch Einfluss auf die Besetzung von Lehrstühlen.
Und das geht langsam zu weit, meint ausgerechnet der im HB-Ranking 2008 in der Kategorie "Lebenswerk" an Nummer 1 gesetzte Züricher Professor Bruno Frey. Er warnt vor der Tendenz, die Forschungsqualität eindimensional anhand von "bibliometrischen" Rankings messen zu wollen, also durch die Erfassung von Veröffentlichungen in als qualitativ hochstehend beurteilten Zeitschriften und die Zählung der entsprechenden Zitierungen. Diese quantitativen Rankings seien kein zuverlässiger Indikator für Qualität, urteilt Frey in einem Aufsatz mit der Züricher Soziologin Katja Rost.
„Viele zitieren einen Artikel nur, weil ihn andere auch zitieren“
Besonders kritisch sei der Versuch, Qualität an der Häufigkeit von Zitierungen festzumachen. Das gelte zum einen, weil die Zahl der Zitate nichts darüber aussage, ob eine Veröffentlichung zum wissenschaftlichen Fortschritt beitrage oder in eine Sackgasse führe. Wer "unproduktive" Artikel objektiv bewerten wolle, müsse sie streng genommen mit einem negativen Rating versehen - was nicht passiert und auch gar nicht möglich ist, weil sich ein Urteil über den Beitrag eines Artikels zum wissenschaftlichen Fortschritt erst nach einiger Zeit fällen lässt. Zudem, so Frey und Rost, seien Zitierungen oft genug nur ein Spiegelbild des akademischen Herdentriebs: "Viele zitieren einen Artikel nur, weil ihn andere auch zitieren."
Noch schlimmer: Wer einen Aufsatz zitiert, hat ihn noch lange nicht gelesen. Gerade im Falle "prominenter" Papiere komme es oft vor, dass ein Autor nur "name-dropping" betreibe, ohne den Inhalt des zitierten Artikels zu kennen. 70 bis 90 Prozent dieser zitierten Aufsätze hätten die Autoren nicht gelesen. So kämen "Starpapiere" zustande, die über die Rankings zu "Starautoren" führten - ohne dass über deren Qualität schon viel gesagt sei. Frey und Rost zeigen überdies durch eigene empirische Untersuchungen, dass das Ergebnis eines Rankings stark von der zugrundegelegten Methode abhängt - und auch insoweit etwas beliebig ist.
Auch die Mitgliedschaft in Herausgebergremien zählt
Wenn schon Rankings, dann auf anderer Grundlage, meinen Frey und Rost - und präsentieren einen Vorschlag, der wieder an die korporatistische Tradition der Disziplin erinnert. Die Ranglisten sollten sich an der Mitgliedschaft in Herausgebergremien wissenschaftlicher Zeitschriften orientieren, wobei sich Letztere durchaus nach Qualität abstufen ließen: Jene Ökonomen, die den meisten Gremien von Zeitschriften hoher Qualität angehörten, seien auch die besten Forscher. Begründet wird diese These damit, dass die Zeitschriften ein Interesse daran hätten, möglichst hochklassige Forscher für diese Gremien zu gewinnen. Und umgekehrt steigere es das Ansehen jedes Ökonomen, in möglichst vielen dieser Gremien zu sitzen.
Letzteres ist schwer zu bestreiten. Aber warum soll ein solches Verfahren zu weniger Fehlern führen? Warum die Auswahl falscher oder zufälliger "Stars" verhindern? Frey setzt auf "Peer Review", auf Qualitätskontrolle durch die Disziplin selbst. Aber wird eine Fachzeitschrift nicht vor allem versuchen, bekannte Namen zu gewinnen - was nicht gleichbedeutend sein muss mit Qualität? Und braucht sie andererseits für ihr wissenschaftliches Tagesgeschäft vielleicht gar nicht so sehr Spitzenforscher, sondern eher Leute, die einfach nur die Arbeit tun? Der Züricher Alternativvorschlag lässt Fragen offen.
Recht haben Frey und Rost aber in einem: Rankings mögen den Wettbewerb belebt haben und manchen Rückschluss auf die Publikationstätigkeit von Ökonomen zulassen. Allzu ernst nehmen darf man sie aber nicht. Schon gar nicht, wenn es darum geht, Lehrstühle zu besetzen. Da sind subjektive Beurteilungen durch Gutachter nach Kriterien, die sich an den speziellen Anforderungen der Stelle orientieren, allemal besser als bibliometrische Pseudo-Objektivität.