30.04.2010 · Die Finanzkrise hat auch die Ökonomen ins Grübeln gebracht. Stellt sich das Fach die richtigen Fragen? Verwenden die Wissenschaftler angemessene Methoden? Ein Jahr haben die Ökonomen nun um ihre Spezialgebiete gestritten. Eine Bilanz.
Von Gerald BraunbergerRund ein Jahr lang tobte eine Auseinandersetzung zwischen deutschsprachigen Ökonomen, die in Erinnerung an einen Methodenstreit zwischen österreichischen Ökonomen und Vertretern der deutschen Historischen Schule die Bezeichnung "neuer Methodenstreit" erhielt. In ihm traten (überwiegend, aber nicht nur) ältere Ökonomen an, die sich gegen die Abschaffung wirtschaftspolitischer Lehrstühle richten. Sie wollen in deutscher Tradition die Wirtschaftspolitik als von der Theorie getrenntes selbständiges Lehrfach erhalten.
Auf der Gegenseite versammelten sich (überwiegend, aber nicht nur) jüngere Ökonomen, die in amerikanischer Tradition die strikte Trennung von Theorie und Politik an den Fakultäten überwinden wollen. In der Praxis setzen sich die Jüngeren durch, denn in den vergangenen Jahren wurden mehrere wirtschaftspolitische Lehrstühle an deutschen Universitäten umgewidmet. Die öffentliche Auseinandersetzung (siehe Beiträge in der rechten Spalte) ist mittlerweile so gut wie beendet. Wie lautet das Fazit?
1. Beide Seiten haben im Laufe der Zeit Wasser in ihren Wein gießen müssen. Eine Reihe der angesehensten deutschen Ökonomen wie Hans-Werner Sinn und Martin Hellwig haben bewusst nicht Partei ergriffen. Sinn hat betont, dass gute Ökonomen Kenntnisse in Theorie, Politik und Institutionenlehre besitzen müssen und beide Parteien in dieser Hinsicht Defizite aufweisen. Den Traditionalisten warf Sinn vor, zwar viel von Institutionenlehre (etwa in Gestalt des deutschen Ordoliberalismus) zu verstehen, aber dafür in moderner Theorie und Empirie nicht immer auf der Höhe zu sein. Den Neuerern wiederum bescheinigte er, moderne Theorie und Empirie zu beherrschen, dafür aber die Institutionenlehre zu vernachlässigen. Gefragt ist nicht der Konflikt der Ansichten, sondern ihre Synthese. In dieser Hinsicht kann sich keine der beiden Parteien als Gewinner fühlen.
2. Weil unter deutschen Studenten die Betriebswirtschaftslehre sehr viel beliebter ist als die Volkswirtschaftslehre, greifen die Betriebswirte nach volkswirtschaftlichen Lehrstühlen. Das verstärkt den Wettbewerb unter den Volkswirten. Bedroht sind nicht nur die wirtschaftspolitischen Lehrstühle, sondern auch Professuren für Methodenlehre, Finanzwissenschaft sowie Wirtschafts- und Dogmengeschichte, die den Neuerern lediglich als Orchideenfächer gelten, aber durchaus ihre Existenzberechtigung besitzen. Insofern kämpfen die Traditionalisten nicht nur direkt für den Erhalt eigenständiger wirtschaftspolitischer Professuren, sondern indirekt auch für die Bewahrung der Vielfalt in den Wirtschaftswissenschaften. Um ein Beispiel aus Frankfurt zu geben: Man kann hinterfragen, ob der Nutzen einer achten Professur für moderne Makroökonomik so groß ist, dass er die Umwidmung der einzigen, daneben hochangesehenen Professur für Wirtschaftstheorie und Dogmengeschichte rechtfertigt. Dieser Punkt geht an die Traditionalisten.
3. Die herkömmliche Ordnungsökonomik ist als Wissenschaftsdisziplin Vergangenheit. Das ist nicht alleine eine These der Neuerer. Roland Vaubel als Wortführer der Traditionalisten hat mehrfach betont, dass seine Gruppe für die Bewahrung der Wirtschaftspolitik und nicht der Ordnungspolitik kämpfe. Das Manifest seiner Gruppe erwähne den Begriff Ordnungspolitik überhaupt nicht. Indem Vaubel ausdrücklich die Verwendung empirischer Techniken forderte, distanzierte er sich indirekt von traditionellen Ordnungsökonomen, die formales und empirisches Arbeiten im Grunde ablehnen und meinen, man könne alleine durch Denken im Lehnstuhl die notwendigen wirtschaftswissenschaftlichen Einsichten erhalten. Es gibt Bereiche der Ökonomik, die sich vortrefflich für verbale Darstellungen eignen. Aber ein guter Ökonom kann mehr. Dieser Punkt geht an die Neuerer als Befürworter mathematisch formulierter Theorien und empirischen Arbeitens.
Dessen ungeachtet gibt es durchaus jüngere deutsche Ordnungsökonomen wie Nils Goldschmidt, die traditionelles Denken mit modernen Sichtweisen verbinden. Es ist auch nicht so, dass Wirtschaftspolitik generell keine Chance besitzt: An der Universität Düsseldorf entsteht ein wettbewerbsökonomischer Schwerpunkt unter Führung Justus Haucaps mit sechs Professuren, die im Geiste moderner Forschung arbeiten dürften und weniger im Geiste der alten Ordnungsökonomik. Mit der Verklärung alter Meister ist niemandem gedient.
4. Der "neue Methodenstreit" entzündete sich am Plan der Universität Köln, sechs wirtschaftspolitische Professuren in Lehrstühle für Makroökonomik zu verwandeln. Die Makroökonomik ist die Lehre vom gesamtwirtschaftlichen Denken und besonders in Amerika verbreitet. Liberale Ordnungsökonomen stehen dem gesamtwirtschaftlichen Denken distanziert gegenüber. Man mag die moderne amerikanische Makroökonomik mit gutem Grund nicht für der Weisheit letzten Schluss halten. Dennoch ist unsere Zeit gerade durch makroökonomische Fragestellungen geprägt: Was ist die richtige geldpolitische Strategie, um aus der Krise zu kommen und künftige Krisen zu verhindern? Ist schuldenfinanzierte staatliche Ausgabenpolitik in Krisen eher nützlich oder schädlich? Kann sich Deutschland trotz hoher Neuverschuldung Steuersenkungen leisten? Werfen Leistungsbilanzsalden Probleme auf? Wenn ja, was ist zu tun? Auch wenn heute einzelne makroökonomische Schwerpunkte wie in Frankfurt existieren, bleibt gesamtwirtschaftliches Denken in Deutschland ein knappes Gut, ablesbar zum Beispiel, wenn in Debatten über das deutsche Modell Exporte mit Exportüberschüssen verwechselt werden. Hier geht der Punkt an die Neuerer wie Rüdiger Bachmann als Befürworter der Makroökonomik.
Wie nicht anders zu erwarten, hat keine Seite den "Methodenstreit" als klarer Sieger beendet. Das ist nicht erstaunlich: Gute Ökonomen haben keine Schwierigkeiten, sich über die Grundlagen ihres Faches zu verständigen. Zudem sollte die Krise alle Ökonomen zu weniger Selbstgewissheit verpflichten. Die Welt ist weder schwarz noch weiß.
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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