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Wirtschaftswissenschaften Quo vadis, Ökonomik?

Die Finanzmarktkrise setzt die Wirtschaftswissenschaften unter Druck. Ihre Kompetenz wird bezweifelt. In Deutschland kulminiert die Debatte in einem leidenschaftlichen Streit um die künftige Ausrichtung der Fakultäten für Volkswirtschaftslehre. Ein Gastbeitrag von Christoph M. Schmidt und Nils aus dem Moore.

© Vergrößern

Die zur Weltrezession ausgeweitete amerikanische Finanzmarktkrise setzt im öffentlichen Diskurs auch die Wirtschaftswissenschaften unter Legitimationsdruck. In Deutschland hat diese Selbstvergewisserung über Grundannahmen, Forschungsfragen und die zu ihrer Beantwortung eingesetzten Methoden jedoch einen merkwürdigen Sonderweg eingeschlagen: Unter dem Slogan „Austrocknung der Ordnungspolitik“ ist ein Streit über die angemessene Behandlung von Fragen der Wirtschaftspolitik ausgebrochen.

Dabei geht es um die allgemeine Tendenz deutscher Wirtschaftsfakultäten, bei der Neuausrichtung nicht länger den im deutschen Sprachraum lange üblichen Dreiklang „Wirtschaftstheorie – Wirtschaftspolitik – Finanzwissenschaft“, sondern zunehmend den international vorherrschenden, angelsächsisch geprägten Dreiklang „Mikroökonomik – Makroökonomik – Ökonometrie“ zu verfolgen.

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In der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise erblicken die Hüter des Status quo ante offenbar eine große Chance, um medienwirksam den „Bankrott der Ökonomen“ (Karen Horn), das „Waterloo der Ökonomik“ (Michael Hüther) oder die „Wertlosigkeit“ (Hans Willgerodt) der modernen Volkswirtschaftslehre auszurufen und auf dieser Basis für die Renaissance der Ordnungsökonomik an deutschen Fakultäten zu trommeln. Der Mainstream-Ökonomik wird dabei der Vorwurf gemacht, sie trage „als Wegbereiter der Politik eine gehörige Mitschuld daran, dass es so weit hat kommen können“, denn „wissenschaftliche Selbstüberschätzung und politischer Machbarkeitswahn sind im modernen Mainstream der Ökonomie eine unheilvolle Allianz eingegangen“. Inhaltlich spitzt sich die Kontroverse auf die Frage zu, ob in der modernen Wirtschaftswissenschaft, die mittlerweile in den deutschen Universitäten dominiert, zu viel Mathematik und zu wenig das Denken in großen Zusammenhängen verfolgt wird (siehe Debatte: Wie viel Mathe braucht die Wirtschaftswissenschaft?).

Top 1 Quer / Gaußsche Glockenkurve © Vergrößern Die quantitativ orientierte Forschung ist keineswegs blind für institutionelle Details

Die Diskussion geht jedoch genau an dieser Stelle völlig ins Leere, da es diesen Gegensatz bei genauerem Hinsehen gar nicht gibt. Das Denken in großen Zusammenhängen ist in der Tat nach wie vor eine der größten Herausforderungen für die Disziplin, denn einzelwirtschaftliche Analyse allein kann die Fragen nach dem besten ordnungspolitischen Rahmen und nach der angemessenen Form staatlicher Eingriffe ins Wirtschaftsgeschehen nicht ersetzen. Diese Aufgabe lässt sich jedoch nicht dadurch meistern, dass man auf die Vorzüge verzichtet, die aus der in den vergangenen Jahrzehnten erfolgten Mathematisierung des Fachs zu schöpfen sind.

Die Mathematik zwingt zur Konsistenz

Was macht die moderne Wirtschaftsforschung aus? Im Wirtschaftsleben fügen sich die Wünsche, Entscheidungen und Handlungen unterschiedlichster Akteure in ein komplexes Ganzes. Ihr Zusammenspiel lässt sich ohne ein mathematisch-formales, modellgestütztes Vorgehen nur selten zufriedenstellend analysieren. Das gilt gleichermaßen für die theoretische Analyse wie für die empirische Wirtschaftsforschung oder die angewandte Ökonometrie. Erst die Mathematik zwingt der theoretischen Analyse in komplexen Zusammenhängen die Disziplin auf, inhaltlich konsistent zu argumentieren, und sie legt der empirischen Forschung jene wissenschaftliche Bescheidenheit nahe, die einer weitgehend nichtexperimentellen Vorgehensweise angemessen ist.

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