03.09.2009 · Sind Ökonomen schon Egoisten, bevor sie beginnen, zu studieren? Oder studieren Egoisten am liebsten Ökonomie? Drei Wissenschaftler haben versucht herauszufinden, inwieweit das Wirtschaftsstudium die Werte der Studenten prägt.
Von Hanno BeckWas sagt der Beruf eines Menschen über seine Person aus? Sind Buchhalter von Natur aus penible Langweiler? Sind Verkäufer per se extrovertierte Menschen? Und sind Ökonomen schon Egoisten, bevor sie beginnen, den Homo oeconomicus zu studieren? Auf den Punkt gebracht: Ist es der Beruf, der den Menschen formt, oder ergreifen Menschen einen Beruf, ein Studium, weil es ihren Charaktereigenschaften entspricht?
Mit Blick auf die Ökonomen ist das eine Frage mit gesellschaftlicher Relevanz: Wenn es das Studium ist, das aus den Studenten rücksichtslose Eigennutzmaximierer und Effizienzanbeter macht, so könnte man den Studienkanon überdenken - eine zu strikte Ausrichtung des Studiums auf Eigennutz und Profitmaximierung könnte dazu führen, dass Unternehmenslenker zu häufig ethische Aspekte der Gewinnmaximierung opfern, weil sie im Studium darauf getrimmt worden sind.
Wenn also das Studium schuld ist, dann liegt die Idee nahe, mehr wirtschaftsethische Veranstaltungen in das Curriculum der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten zu integrieren.
Zwei Effekte müssen unterschieden werden
Um die Frage nach dem Einfluss des Vorlesungsstoffs auf die Werthaltungen der Studenten zu ermitteln, muss man allerdings zwischen zwei Effekten trennen: Der erste Effekt besteht darin, dass möglicherweise gerade solche Studenten sich für ein Ökonomiestudium entscheiden, die der Idee von Märkten, Effizienz und Eigennutzmaximierung gegenüber aufgeschlossener sind. Diesen Effekt kann man als Selektionseffekt bezeichnen. Der zweite Effekt ist der Lerneffekt: Wer mehr Ökonomievorlesungen hört, ändert möglicherweise seine Einstellung zu Märkten, Effizienz und Eigennutz. Hier prägt das Studium die Wertvorstellungen des Studenten.
Die Ökonomen Giam Pietro Cipriani, Diego Lubian und Angelo Zago haben in einer breitangelegten Fragebogenaktion versucht, zwischen diesen beiden Effekten zu trennen und herauszufinden, inwieweit das Ökonomiestudium die Werthaltungen der Studenten prägt oder nicht.
Zu diesem Zweck haben sie Studenten verschiedener Fachrichtungen und Semester befragt, um aus den Unterschieden in den Antworten auf den Einfluss des Studiums zu schließen. Dabei stellten sie den Studenten Fragen, mit deren Hilfe man die Einstellung zu marktwirtschaftlichen Ideen und zum Effizienzgedanken überprüfen kann.
Schon Erstsemester bevorzugen Auktionen
In der ersten Frage ging es um die Karten zu einem Footballspiel: Wie, so die Frage, solle man die knappen Eintrittskarten für ein Footballspiel verteilen - per Auktion, per Losverfahren oder nach dem Windhundprinzip, nach dem derjenige die Karten bekommt, der zuerst am Schalter ist?
Das Ergebnis war eindeutig: Die Auktion, die einem marktwirtschaftlichen Verfahren entspricht, wurde von Ökonomiestudenten stärker bevorzugt als von Studenten anderer Fachrichtungen; und je mehr mikroökonomische Vorlesungen sie gehört hatten, desto ausgeprägter war dieser Effekt. Damit finden sich in dieser Frage sowohl der Selektionseffekt als auch der Lerneffekt: Schon Erstsemesterstudenten der Ökonomie bevorzugen die Auktion als das gerechtere Verfahren, während die Studenten anderer Fachrichtungen diesem Verfahren skeptischer gegenüberstehen. Das deutet darauf hin, dass es auch die Einstellung zu Beginn des Studiums ist, die über die Wahl des Studienfaches entscheidet. Zugleich wird die Präferenz für die Auktion umso größer, je mehr Ökonomievorlesungen die Studenten genossen haben. Das deutet auf einen Lerneffekt hin.
Auch die zweite Frage der Forscher bestätigt diese Ergebnisse. Sie beschäftigte sich mit der Grundidee von Angebot und Nachfrage und lautete: Wenn ein Geschäft am Morgen nach einem Schneesturm die Preise für Schneeschaufeln anhebt - wie fair ist das? Die Ökonomiestudenten hatten mit dieser Handlungsweise des Geschäftes weniger Probleme als Studenten anderer Fachrichtungen, und je mehr Ökonomiekurse sie hinter sich hatten, desto deutlicher wurde dieser Unterschied. Auch hier zeigt sich demnach sowohl ein Selektionseffekt als auch ein Lerneffekt.
Es gibt eine natürliche Neigung zum Ökonomiestudium
Nicht ganz so eindeutig waren die Ergebnisse zur dritten Frage: Hier sollten die Probanden als Vorstand einer hypothetischen Firma entscheiden, wie viele Angestellte sie entlassen, um die Gewinne zu maximieren. Auch bei dieser Aufgabe waren die Ökonomen deutlich geneigter als die Studenten anderer Fachrichtungen, profitmaximierend zu agieren, allerdings war die Bereitschaft der Juristen, dies zu tun, noch ausgeprägter. Das deutet nur teilweise auf einen Selektionseffekt hin.
Anders hingegen war das beim Lerneffekt: Hier zeigte sich, dass mit steigender Semesterzahl - also zunehmender Anzahl von Ökonomiekursen - die Bereitschaft, Entlassungen vorzunehmen, sank, anstatt zu steigen. Besonders ausgeprägt war diese Beobachtung bei Management- und Marketing-Studenten. Ein möglicher Grund dafür ist, dass man in diesen Fächern stärker für Kundenwünsche und Reaktionen der Öffentlichkeit sensibilisiert wird.
Eine weitere mögliche Erklärung besteht darin, dass Studenten mit zunehmender Semesterzahl - und trotz steigender Zahl der Ökonomiekurse - mehr Sensibilität in Bezug auf soziale Belange entwickeln.
Unter dem Strich zeigt sich ein deutlicher Selektionseffekt: Wer eine größere Neigung zu marktwirtschaftlichen Systemen und zu Effizienzgedanken hat, neigt eher zum Studium der Ökonomie. Es gibt also eine natürliche Neigung zum Ökonomiestudium.
Der Lerneffekt hingegen ist weniger eindeutig: Er zeigt sich zwar in den ersten beiden Fragen. Sobald man aber in diese Fragen mehr soziale Komponenten - also die entlassenen Arbeitnehmer - einbaut, verschwindet dieser Effekt. Mehr Ökonomiekurse ändern die Einstellung der Studenten nicht. Zudem sollte man bei dieser Debatte nicht vergessen, dass Effizienz und soziales Verhalten keine Gegensätze sind. Richtig genutzt, ist es erst die Effizienz, die uns soziale Wohltaten ermöglicht.