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Wirtschaftswissenschaften Immer Ärger mit den Daten

07.11.2007 ·  Die Ökonomen haben den Computer entdeckt - und darüber die Theorie vergessen. Statistische Analysen haben der Wissenschaft geholfen. Doch im Extremfall bestimmt die Verfügbarkeit der Daten, nicht aber die sinnvolle Fragestellung, worüber Ökonomen forschen. Von Patrick Welter.

Von Patrick Welter
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Der technische Fortschritt verändert die Wirtschaftswissenschaften. Mit der wachsenden Rechenleistung der Computer auf ihren Schreibtischen wächst die Neigung der Forscher, Ökonomik als Spiel mit den Daten zu betreiben und darüber die Theorie gelegentlich zu vernachlässigen. Man kann dies mit dem „Kartoffeltheorem“ des Rolf Breitenstein beschreiben. „Jetzt sind die Kartoffeln da, jetzt werden sie auch gegessen“, sagte die Mutter, als die Kinder über die eintönige Speisefolge maulten. Ebenso gilt für die Ökonomen: Jetzt sind die Computer da, nun werden sie auch genutzt.

Das Angebot an Rechenkapazität treibt die Nachfrage der Ökonomen nach Daten an, die sie als Bits und Bytes durch die Prozessoren jagen können. Die Fülle an Daten kann gelegentlich erschlagend wirken: Mikrodaten, Makrodaten, Daten über Haushalte und deren Befindlichkeiten, Daten über Unternehmen und deren Gewinne und Standardklagen, Daten über ganze Volkswirtschaften und einzelne Branchen, Daten über eingeführte Reissäcke und Daten über ausgeführte Windeln.

Die Ökonometrie bestimmt das Denken

Der Drang der Ökonomen, durch statistische Untersuchung die Wirtschaft zu sezieren, ist scheinbar unersättlich - und verändert die Art und Weise, mit der Ökonomen sich Themen setzen. Im Extremfall bestimmt die Verfügbarkeit der Daten, nicht aber die sinnvolle Fragestellung, worüber man forscht. Der wissenschaftliche Fortschritt besteht dann oft nur noch darin, neue Methoden zu ersinnen, um - wie es in einem Ökonomenwitz heißt - die Daten so lange zu foltern, bis sie gestehen.

Die Ökonometrie, das im Wortsinn „Vermessen der Wirtschaft“, bestimmt das Denken. Dahinter steht die Vermutung, dass der Ökonom aus der Analyse der Daten etwas lernen kann. Das muss nicht falsch sein. Zweifel sind aber erlaubt.

Der Glanz empirischer Analysen

Wie kaum ein anderes Feld hat die neue Liebe der Ökonomen zu den Daten etwa die Forschung über die Gründe für langfristiges Wirtschaftswachstum befruchtet. Grob lässt die Geschichte des modernen Wissens über das Wachstum sich wie folgt skizzieren: Erst legten Forscher wie Robert Solow einen theoretischen Grundstein, dessen Inhalt sich eigentlich darin erschöpfte, dass es für eine gesunde Wirtschaftsentwicklung auf die richtige Kombination von Arbeit, Kapital und technischem Wissen ankommt. Das war nicht falsch, führte aber so richtig nicht weiter. Die meisten Ökonomen überließen nach dieser Erfahrung das Feld den Entwicklungsökonomen und deren Gutmenschentum, was die Entwicklungspolitik in verheerender Weise zum Experimentierfeld unausgereifter Theorien verkommen ließ. Mit Theorien des endogenen, sich selbstverstärkenden Wachstums blühte in den neunziger Jahren das Interesse am langfristigen Wohlergehen eines Landes wieder auf.

Zugleich erlaubte die Computerei und die neue Fülle an Wirtschaftsdaten, über lange Zeiträume und viele Länder vergleichend zu prüfen, was theoretisch schon immer plausibel, aber umstritten war: Hilft es dem Wachstum, wenn Länder sich dem internationalen Handel öffnen? Verhindern unsichere private Eigentumsrechte, dass Menschen sparen, Kapital bilden und damit die Basis für künftigen Wohlstand legen? Wachsen von politischen Kleptokraten beherrschte Länder langsamer als Demokratien? Mit solchen Fragen kehrte die Wachstumsökonomik zu ihren Wurzeln, der politischen Ökonomie zurück - und die Ergebnisse der Datenanalyse scheinen beeindruckend klar. Außenhandel hilft dem Wachstum, Malaria schadet ihm, Einkommensunterschiede treiben das Wachstum. Der Glanz solcher Aussagen auch in der politischen Kontroverse rührt nicht zuletzt daher, dass sie nicht auf Theorien, sondern auf Daten beruhen. Wer möchte einem ökonometrischen Vergleich der Wachstumsfaktoren, der auf Dutzenden Ländern und einer jahrzehntelangen Historie beruht, schon widersprechen?

Fragile Ergebnisse

Ganz so einfach ist es freilich nicht. Zum Ländervergleich werden Wachstumsdaten benötigt. Welche aber soll man nehmen: die Einkommens- und Wachstumszahlen vom Internationalen Währungsfonds, die von der Weltbank oder die - bei Ökonomen sehr beliebten - Penn World Tables, die in einem Forschungsprojekt an der amerikanischen Pennsylvania University immer wieder aktualisiert werden? All diese Datensammlungen unterscheiden sich darin, ob und wie sie die Einkommen zwischen den Ländern und zwischen den Jahren vergleichbar machen: auf Basis von Wechselkursen, von internationalen Warenkörben oder auf Basis von „internationalen Preisen“. Unerquicklich daran ist, dass die Einkommen sich in den Ländern ganz unterschiedlich entwickeln, je nachdem, welche Datenreihe man betrachtet. Mal schrumpft die Wirtschaft eines Landes nach den Penn World Tables, während andere Datenreihen Wachstum anzeigen - und umgekehrt. Gerade für Entwicklungsländer gilt, dass die Art der Datenaufbereitung gelegentlich wichtiger für das gemessene wirtschaftliche Schicksal ist als die tatsächliche Entwicklung.

Angesichts solcher Unterschiede kann es nicht überraschen, dass die ökonometrischen Aussagen über die Faktoren des Wachstums - wie es in einer Studie des CESifo-Instituts heißt - „sehr freundlich beschrieben fragil sind“. Je nach Datensatz sind Einkommensunterschiede in einem Land positiv für das Wachstum oder nicht, schiebt die Ausbildung der Arbeitskräfte das Wachstum an oder ist unerheblich; treibt die Entwicklung von Finanzmärkten das Wachstum oder nicht.

Auch Forscher des Centre for Economic Policy Research haben unlängst ähnliche Widersprüche demonstriert: Je nach Einkommens- und Wachstumsdaten ist die Verbreitung der Malaria schädlich für das Wachstum in den sechziger Jahren gewesen oder auch nicht, hilft die Öffnung zum Welthandel dem Land oder nicht, schadet ein fester Wechselkurs dem Wachstum oder nicht, schädigt eine hohe Geburtenrate die wirtschaftliche Entwicklung oder ist irrelevant. Auch über den Wert politischer Freiheit für das Wirtschaftswachstum geben die Daten kein endgültiges Urteil her: Mal schiebt sie die Wirtschaftsentwicklung an, mal ist sie irrelevant für die Wachstumsraten.

Trotz ihrer schnellen Rechner haben die Ökonometriker über die Gründe für das Wachstum bislang also wenig gelernt. Der Volksmund sagt dazu böse: „Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast.“ Nüchterne Ökonomenkollegen würden vielleicht raten, über die Daten die Theorie nicht zu vernachlässigen.

Jan Hanousek, Dana Hajkova, Randall K. Filer: A Rise by Any Other Name? Sensitivity of Growth Regressions to Data Source. CESifo Working Paper No. 2064, July 2007.

Antonio Ciccone, Marek Jarocinski: Determinants of Growth: Will Data tell?, CEPR-Discussion Paper Nr. 6544, Oktober 2007.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.11.2007, Nr. 44 / Seite 36
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