24.08.2009 · Warum waren die meisten Ökonomen blind für die größte Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten? Der Nobelpreisträger Paul Krugman stellt seiner Zunft kein gutes Zeugnis aus: „Der Großteil der Makroökonomie der vergangenen 30 Jahre war im besten Fall spektakulär nutzlos und im schlimmsten Fall schädlich.“
Von Lisa NienhausWenn Nobelpreisträger ratlos sind, dann ist der Zuschauer verwundert. Wenn ein Paul Krugman in ökonomischen Fragen ratlos ist, dann ist das sogar besonders bemerkenswert. Denn in der Regel hat der Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2008 wenig Schwierigkeiten, zu jedem ökonomischen Thema eine Meinung zu finden. Doch in seinem Vortrag an der London School of Economics über die Schwierigkeiten der Ökonomen, diese Krise vorherzusehen, gibt es einen Moment der Ratlosigkeit. Da sagt er: "Wir brauchen eine ganze neue Art, Ökonomie zu lehren", gibt aber zu: "Ich weiß auch nicht so genau, wie das gehen soll."
Natürlich hat Krugman trotzdem eine Idee, wie seine Wissenschaft wieder vorankommen kann. Er findet: Zunächst muss man verstehen, wie es so weit kommen konnte, dass die meisten Ökonomen blind waren für die größte Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Hierfür hat Krugman eine Erklärung, und zum Glück für den Zuhörer sagt er: "There goes a story with it" - es gibt eine Geschichte dazu.
Der große Vorhersageerfolg des Milton Friedman
Seine Geschichte beginnt so: Die erste ernsthafte makroökonomische Analyse von Krisen gab es mit der Weltwirtschaftskrise. Damals legte John Maynard Keynes, Krugmans großer Lehrmeister, die Grundlage für das Fach. Es sind die Einsichten aus dieser Zeit, die uns auch in dieser Krise weiterhelfen, findet Krugman. Und es sind beinahe nur diese Einsichten. Krugman diagnostiziert: "Der Großteil der Makroökonomie der vergangenen 30 Jahre war im besten Fall spektakulär nutzlos und im schlimmsten Fall schädlich."
Woran liegt das? Krugman antwortet: an den großen Erfolgen einiger großer Ökonomen und den Bemühungen anderer, diesen Erfolgen nachzueifern. Er holt etwas länger aus, um das zu erklären: Bis in die siebziger Jahre glaubten viele Ökonomen (und Politiker) daran, dass Inflation und Arbeitslosigkeit eng miteinander zusammenhängen. Hielt man die Preissteigerung niedrig, so stieg die Arbeitslosigkeit. Ließ man die Preise hingegen steigen, so konnte Vollbeschäftigung erreicht werden. Die Daten der sechziger Jahre schienen diese These zu bestätigen.
Ein berühmter Ökonom jedoch glaubte nicht daran: Milton Friedman. Er war der festen Überzeugung, dass es ein solches Phänomen höchstens übergangsweise geben konnte. Seine Erklärung dafür lautet verkürzt: Die Menschen verhalten sich rational. Gibt es lange eine hohe Inflation, dann erwarten sie diese auch für die Zukunft. In der Folge verlangen sie höhere Löhne, um die Verluste durch die Inflation wieder auszugleichen. Das wiederum führt dazu, dass die Firmen nicht mehr Menschen einstellen können. Es gibt zwar hohe Inflation, aber trotzdem nicht weniger Arbeitslosigkeit. Schon in den sechziger Jahren sagte Friedman voraus, dass der Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit deshalb nicht dauerhaft sein kann. "Das war einer der großen Vorhersageerfolge der Ökonomie", lobt Krugman. Denn kurz darauf trat die Prognose tatsächlich ein.
„Lucas nahm Friedman ernster als Friedman sich selbst“
Der Erfolg führte dazu, dass die Ökonomie sich neu orientierte. "Die Wissenschaftler glaubten nun, man komme voran in der Makroökonomie, wenn man die Menschen als klug und rational ansieht", sagt Krugman. In der Folge wurden sie immer strikter in ihren Rationalitätsannahmen. Mit anderen Worten: Sie übertrieben es. Der Höhepunkt war erreicht, als Robert Lucas die These aufstellte, der Mensch handle nicht nur rational, sondern er habe auch rationale Erwartungen. Damit meinte er, dass die Menschen mehr oder weniger über alle Informationen verfügten und ein eigenes Modell hätten, mit dem sie vernünftige Erwartungen über die Zukunft herleiten könnten. "Lucas nahm Friedman ernster als Friedman sich selbst nahm", kommentiert das Krugman.
Lucas' These hatte jedoch ein Problem: Sie konnte Konjunkturschwankungen und Krisen nur schlecht erklären, zumindest konnte sie sie nicht mit menschlichem Verhalten erklären. Denn die Menschen verhielten sich bei Lucas ja stets rational, neigten also nicht zu Übertreibungen wie Gier und Angst. So spaltete sich die Wissenschaft nach Lucas in zwei Lager: die einen, die weiterhin an den vollständig rationalen Menschen glaubten und die Schwankungen in der Konjunktur vor allem mit Technologieschocks erklärten (Real-Business-Cycle-Schule), und die anderen, die glaubten, dass Menschen eben nicht vollständig rational waren und dadurch Schwankungen in der Wirtschaft auslösen konnten (Neue Keynesianer). Oder, wie Krugman provokanter formuliert: Die Ökonomen spalteten sich in eine Gruppe, die sich die meiste Zeit mit Modellen beschäftigte, in denen diese Krise nicht passieren konnte (Neue Keynesianer) und in eine, die sich die ganze Zeit mit Modellen beschäftigte, in denen diese Krise nicht passieren konnte (Real-Business-Cycle-Schule).
Natürlich ist Krugman, selbst Keynesianer, parteiisch. Doch es ist interessant, dass er gerade auch den Teil der Ökonomen kritisiert, der ihm gedanklich nahesteht. Die neuen Keynesianer hätten sich kaum mehr mit Krisen beschäftigt, sagt er. Der Grund dafür sei, dass sie nur ganz kleine Abweichungen vom Konzept des rationalen Menschen zuließen. Denn in Wirklichkeit litten sie, so formuliert es Krugman, an "Maximisierungsneid". Sie hatten das Gefühl, erst dann theoretisch zu arbeiten, wenn sie auch komplizierte Mathematik verwendeten "mit ersten und zweiten Ableitungen". Und das ging nun einmal besser, wenn man vom rationalen Menschen ausging. So führte für Krugman der Erfolg der Rationalitätsannahme gepaart mit einer Mathematikmanie dazu, dass die Wissenschaftler in dieser Krise blind waren.
Bleibt die Frage, was nun passieren soll, da die Diagnose gestellt ist. Wie soll die Wissenschaft ein neues Menschenbild finden? Darauf findet Krugman am Ende doch noch eine Antwort: mit Hilfe der Wirtschaftsgeschichte. Damit meint er etwas anderes als das übliche Theorientesten an alten Daten. Als lobendes Beispiel hebt er die Arbeiten von Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart hervor, die die Gemeinsamkeiten vergangener Krisen studieren und beschreiben. "Wir müssen wieder sagen: Lasst uns einfach mal gucken, was passiert ist", sagt Krugman. Er plädiert also für einen Typ von Wissenschaftler, der zunächst beobachtet, nicht interpretiert. Die Theoretiker, so suggeriert er, haben schon genug Schaden angerichtet.
Lisa Nienhaus Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 9.006,74 | +0,67% |
| EUR/USD | 1,3239 | +0,01% |
| Rohöl Brent Crude | 118,24 $ | +0,29% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |