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Wirtschaftswissenschaft : Schadet es, wenn Ökonomen rechnen können?

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Thomas P. Gehrig Bild: Archiv

Ist die moderne Wirtschaftswissenschaft zu stark formalisiert? Nein, sagt der Freiburger Ökonom Thomas P. Gehrig. Der neue Methodenstreit untergrabe die Glaubwürdigkeit der Volkswirtschaftslehre. Ein Gastbeitrag.

          Einige Kommentatoren der modernen Wirtschaftswissenschaft machen dieser den Vorwurf, die starke Formalisierung der Ökonomik führe dazu, dass die gesellschaftliche Akzeptanz abnehme. Beispielhaft sei hier Viktor Vanberg genannt mit seinem Beitrag "Die Ökonomik ist keine zweite Physik" (F.A.Z. vom 14. April 2009). Es ist erstaunlich, dass diese Debatte gerade in dem Moment geführt wird, wenn andere konkrete wirtschaftspolitische Probleme vordringlich zu lösen sind. Anstatt die Debatte über eine stabilere Finanzarchitektur mit Vorschlägen zu bereichern, wird ein Methodenstreit vom Zaun gebrochen, der die Glaubwürdigkeit der eigenen Disziplin untergräbt.

          Tatsache ist doch, dass in den guten Jahren vor dem Ausbruch der Krise weder die nichtformalisierten, ordnungspolitischen Ratschläge noch die quantitativ basierten Warnungen prominenter Wirtschaftswissenschaftler in der politischen Praxis angemessen Berücksichtigung fanden. Basierend auf ökonomischen Bewertungsmodellen, hat beispielsweise Robert Shiller schon sehr früh auf Übertreibungen an den amerikanischen Immobilienmärkten hingewiesen. Im Nachhinein wären wir froh gewesen, wenn diese früher in der Politik beachtet worden wären.

          Die Ordnungspolitik konnte einst sehr gut mit quantitativer Arbeit harmonieren

          Die neueren Erkenntnisse der modernen Wirtschaftstheorie haben in der Tat ein besseres Verständnis für Situationen geschaffen, in denen Märkte versagen und Übertreibungen der Preise, sowohl nach oben als auch nach unten, möglich sind. Auf dieser Basis lassen sich zunehmend effektivere Indikatoren entwickeln.

          Auch bei langfristigen Betrachtungen stellt sich die Frage nach dem Nutzen oder Schaden quantitativ basierter Regeln. In der Diskussion über eine neue Finanzmarktordnung könnte man beispielsweise fragen, in welchem Umfang Fristentransformation im Bankensystem zulässig sein solle. Die britische Bank Northern Rock ist vor allem deswegen gescheitert, weil langfristige Hypothekendarlehen mit kurzfristigen Einlagen über den Geldmarkt refinanziert wurden. Sollte Fristentransformation grundsätzlich verboten werden, wie im 19. Jahrhundert von den Vertretern des "Narrow Banking" gefordert, oder sollte ein "Normalmaß" zugelassen werden? Wie wäre dieses aber festzustellen? Müsste man hier vielleicht auch rechnen?

          In der Diskussion über eine neue Finanzmarktordnung wird auch zu fragen sein, mit wie viel Eigenkapital riskante Anlagen zu unterlegen sind. Als Verlustpuffer übernimmt Eigenkapital eine wichtige Funktion, die das Vertrauen in die Solvenz der betrachteten Institution erhöhen soll. Wie hoch sollte dieser Verlustpuffer aus ordnungspolitischer Perspektive gewählt werden? Null prozent, hundert Prozent oder irgendwo dazwischen? Es wird möglicherweise auch zu fragen sein, ob Eigenkapitalvorschriften zyklisch angepasst werden, um die bekannten prozyklischen Verstärkungswirkungen von starren Eigenkapitalvorschriften zu mindern. Wie sollten aber solche antizyklisch ausgestalteten Regeln ohne quantitative Basis funktionieren? Welche Vorschläge liefert die moderne Ordnungspolitik? In den Worten von Rüdiger Bachmann und Harald Uhlig: "Die Welt ist nicht schwarz oder weiß: Wer die Wirtschaft verstehen will, muss quantitativ arbeiten" (F.A.Z. vom 30. April 2009).

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