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Wirtschaftswissenschaft Ökonomik in der Vertrauenskrise

Die Wirtschaftswissenschaft befindet sich, wie die Wirtschaft selbst, in einer Vertrauenskrise. Gerade deshalb ist der aktuelle Trend in der Ökonomik bedenklich: Traditionelle Lehrstühle sollen weichen. Doch es braucht mehr, nicht weniger Ordnungspolitik.

Das öffentliche Ansehen der Ökonomen ist in der aktuellen Krise stark gesunken. Kaum einer der bekannten Prognostiker hat den Absturz der Weltwirtschaft seit 2008 vorhergesehen, weder sein erschreckendes Ausmaß noch seine zerstörerische Dynamik. In den Jahren, als sich das Unheil der Kredit- und Häuserpreisblase in Amerika zusammenbraute, waren kaum kritische Stimmen zu hören. Zwar gab es vereinzelte Warnungen, etwa von Robert Shiller. Auch einige ordnungspolitisch ausgerichtete Ökonomen, die aus Sicht der österreichischen Konjunkturtheorie argumentierten, haben die Fehlallokationen durch zu viel billiges Geld kritisiert. Aber das blieben Außenseiterstimmen. Der Mainstream wollte die Risiken nicht wahrhaben.

Philip Plickert Folgen:    

Die Wirtschaftswissenschaft befindet sich damit, wie die Wirtschaft selbst, in einer Vertrauenskrise. In der Öffentlichkeit sind Ökonomen ohnehin nicht beliebt. Das liegt auch daran, dass sie gelegentlich unpopuläre Dinge fordern, beispielsweise Lohnzurückhaltung von den Tarifpartnern, damit Deutschland im internationalen Wettbewerb bestehen kann. Oder dass sie einer verfehlten Wirtschaftspolitik widersprechen, etwa dem staatlichen Mindestlohn. In der Bevölkerung gibt es ein Ressentiment gegen „die Professoren“, die sozialpolitisch verfehlten Ideen widersprechen. Um solche Fragen geht es aber nicht in der aktuellen Vertrauenskrise.

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Viele Ökonomen haben sich selbst überschätzt

Sie rüttelt grundsätzlich am Anspruch der Volkswirtschaftslehre, Aussagen über ökonomische Zusammenhänge zu treffen und Empfehlungen für eine günstige Entwicklung geben zu können. Vor einigen Jahren äußerte der heutige Vorsitzende der amerikanischen Notenbank Fed, Ben Bernanke, das Wissen über makroökonomische Zusammenhänge sei so weit fortgeschritten, dass größere Wirtschaftskrisen ausgeschlossen werden könnten. Man habe alles im Griff, könne rechtzeitig gegensteuern. Es kam ganz anders: Die Geldpolitik hat entscheidend dazu beigetragen, die Weltwirtschaft zu destabilisieren, indem schwerwiegende Ungleichgewichte und die Bildung von Preisblasen über Jahre toleriert wurden.

Der eklatante Irrtum eines so angesehenen Wissenschaftlers wie Bernanke ist symptomatisch für die Selbstüberschätzung vieler Ökonomen. Ihre makroökonomischen Modelle suggerieren, dass sie die großen Zusammenhänge der Volkswirtschaften und ihre weltweite Verflechtung recht präzise abbilden und letztlich damit auch beherrschbar machen. Dem liegt eine „Anmaßung von Wissen“ (Friedrich August von Hayek) zugrunde. Auch Mikroökonomen entwerfen oft ein zu simples Bild der Wirtschaft. Diese entwickelt sich eben nicht mechanisch und kontrolliert, sondern in gewissen Situationen auch chaotisch. Sie entsteht aus der komplexen sozialen Interaktion von Milliarden Menschen. Viele Modelle sind aber so reduziert, dass sie nur noch winzige Ausschnitte und Aspekte isoliert behandeln, wie Friedrich Schneider, der frühere Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik, kritisiert.

Entscheidende Faktoren werden ausgeblendet

In den hochabstrakten Modellen werden entscheidende Faktoren ausgeblendet, die das menschliche Verhalten prägen. Der plötzliche Verlust an Vertrauen, ausgelöst durch die Finanzkrise, der seit einem halben Jahr auch die Realwirtschaft lähmt, war in keinem Modell vorgesehen. Erst in jüngerer Zeit bemüht sich die Verhaltensökonomik zu verstehen, welche zum Teil auch irrationalen Motive (zum Beispiel das Herdenverhalten) die Marktakteure antreiben. Zugleich sollten nicht die fragwürdigen Motive der Politik unterschlagen werden, die den Rahmen für die Wirtschaft setzt. Auch hier herrscht wahrlich nicht die reine ökonomische Vernunft.

In diesem Zusammenhang ist auch der Streit in Deutschland um die Zukunft der akademischen Wirtschaftspolitik an den Universitäten zu sehen. Mehr als achtzig Professoren haben vergangene Woche in der F.A.Z. einen Aufruf zur Rettung der ordnungsökonomisch ausgerichteten Richtung verfasst (siehe Rettet die Wirtschaftspolitik an den Universitäten!). Diese wurde in den vergangenen Jahren mehr und mehr verdrängt durch die mathematisch-formalistisch arbeitende Richtung. Traditionelle Lehrstühle für Wirtschaftspolitik, wie in Köln, sollen weichen. Doch nicht nur viele Studenten, die unter einer extremen Formalisierung leiden, fragen sich, wie realitätsnah die Modellwelten sind, in die sie geführt werden. Die konkrete Kenntnis wirtschaftspolitischer und rechtlicher Institutionen und ihrer Anreiz- und Lenkungswirkungen ist das Thema guter Ordnungsökonomik. Davon braucht es mehr und nicht weniger.

Viele Aussagen der Ordnungsökonomen sind zwangsläufig normativ. Der Katalog konstitutiver Prinzipien, die Walter Eucken, der Urvater der deutschen Ordnungsökonomen, aufgestellt hat, enthält im Kern immer noch die Grundregeln einer guten Wirtschaftspolitik: Respekt für die Eigentumsrechte und die Vertragsfreiheit, eine stabile Währung, Wettbewerb und die Betonung der privaten Haftung. Einige dieser Prinzipien wurden grob verletzt, wie nun die meisten Ökonomen eingestehen. Die Krise sollte für sie nun Anlass sein, aus der Formelwelt in die reale Welt zurückzukehren und sich wieder stärker den Grundsatzfragen zu stellen.

Quelle: F.A.Z.

 
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