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Veröffentlicht: 03.12.2012, 08:26 Uhr

Wirtschaftswachstum Abschied vom Rekordwachstum

Die Wirtschaft wächst immer langsamer, und zwar seit Jahrzehnten. Ist die Demografie schuld, oder sind die „Grenzen des Wachstums“ erreicht? Wahrscheinlicher ist eine andere Erklärung: Das langsame Wachstum ist ganz normal.

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© Peter von Tresckow

Es war vor rund zwei Wochen, als der Bäcker der amerikanischen „Twinkie“-Kuchen die Schließung seiner Fabrik ankündigte. Das löste bei Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman einen Anflug von Nostalgie aus. „Die 50er - die Twinkie-Ära - lehrten uns Dinge, die auch im 21. Jahrhundert noch relevant sind“, schrieb Krugman und lobte den Erfolg von Amerikas Nachkriegswirtschaft.

Patrick Bernau Folgen:

In der Tat, das starke Wachstum der fünfziger Jahre ist in den Industrieländern heute praktisch unerreicht. Schlimmer noch: Seit den fünfziger Jahren wächst die Wirtschaft kontinuierlich langsamer - in Deutschland ebenso wie den anderen Industriestaaten. Beispiel Amerika: Lagen die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den fünfziger Jahren teils über 10 Prozent, haben sie heute schon seit zwölf Jahren die 5 Prozent nicht mehr erreicht. In Deutschland ist die durchschnittliche Wachstumsrate von 8,2 Prozent pro Jahr in den Fünfzigern auf gerade mal 1,1 Prozent pro Jahr in den vergangenen zehn Jahren gesunken.

Ökonomen beginnen sich zu sorgen, denn schrumpfendes Wachstum kostet nicht nur Wohlstand, sondern schadet Staat und Gesellschaft weit mehr, als im ersten Moment deutlich wird. „Wie kommt es, dass die Zentralbanken die Wirtschaft so lange so unglaublich unterstützt haben und das Wachstum trotzdem so gering ist?“, fragte zum Beispiel der ehemalige Vizepräsident der amerikanischen Zentralbank, Donald Kohn, diesen Sommer beim Notenbanker-Treffen in Jackson Hole. Danach kam die Suche nach den Gründen in Schwung.

Die Demografie ist nicht schuld, die „Grenzen des Wachstums“ auch nicht

Die zwei naheliegendsten Erklärungen haben Ökonomen schnell ausgeschlossen. Zuerst war die Bevölkerungsentwicklung in den Fokus gerückt: Wo die Bevölkerung langsamer wächst, wächst auch die Wirtschaft langsamer. Doch auch das BIP pro Kopf wächst immer langsamer.

Auch der Rückgriff auf die „Grenzen des Wachstums“, den berühmten Bericht des „Club of Rome“ aus den siebziger Jahren, hat keinen Grund für die aktuelle Wachstumsschwäche geliefert. Die Autoren des Berichts argumentierten, der Welt würden Nahrungsmittel und Rohstoffe ausgehen - doch wenn die ausgingen, würden sie zunächst erheblich teurer, und die Inflation wüchse. Dieses Ende des Wachstums sähe anders aus als das aktuelle, in dem zwar mancher Inflation erwartet, aber noch keine eingetreten ist.

Haben die Menschen schlicht genug? Wahrscheinlich nicht

Sind die Menschen schlicht gesättigt und kaufen nicht mehr zusätzliche Dinge ein, weil sie schon genug haben? Gegen diese These sprechen die Schlangen vor Apple-Stores und der Bedarf aus den Entwicklungsländern, die große Mengen aus den Industriestaaten importieren.

Weitgehend unwidersprochen ist dagegen die Erklärung von Ökonomen wie Tyler Cowen an der George Mason University nahe Washington. Er sagt: Der Wirtschaft sind schlicht die Ideen ausgegangen. Es gibt nicht viele Neuerungen wie das iPhone. Andere, wie das Internet, hätten zwar den Verbrauchern viel gebracht, aber wenige Stellen geschaffen.

Oder sind die Menschen einfach verwöhnt?

Viele Wachstumsexperten drehen die Geschichte aber um: Nicht die Wachstumsraten der vergangenen Jahre seien niedrig, argumentiert zum Beispiel der Wirtschaftstheoretiker Volker Caspari von der Technischen Universität Darmstadt. Sondern das Wachstum der fünfziger bis siebziger Jahre sei besonders kräftig gewesen. Damals hatten die Industrieländer die Zerstörungen aus dem Zweiten Weltkrieg aufzuholen - eine außergewöhnliche Situation. Caspari verweist auf Schätzungen des britischen Wirtschaftshistorikers Angus Maddison, der die Wachstumsraten früherer Jahrhunderte untersucht hat - und selbst in den besten Zeiten der industriellen Revolution selten Wachstumsraten von mehr als 2 Prozent fand.

„Ich finde 1,2 Prozent Wachstum in den vergangenen zehn Jahren okay“, sagt Caspari. Eine ähnliche Einschätzung hat Kai Carstensen am Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung: „2,5 bis 3,5 Prozent Wachstum sind zu viel erwartet“, sagt er.

Vom Wachstum getäuscht

Diese Einstellung teilen allerdings nicht alle Politiker, Notenbanker und Bürger. Manchen geht es wie Paul Krugman, sie hängen den alten Wachstumsraten nach. Finanzpolitiker und Notenbanker laufen sogar Gefahr, dass sie vom Sinken der Wachstumsraten hinters Licht geführt werden.

Zum Beispiel im Fall der „Schuldenbremse“. Sie legt fest, wie viel Kredit der deutsche Staat aufnehmen darf. In Jahren mit guter Konjunktur ist das weniger, in schlechten mehr. Ob ein Jahr gut ist oder schlecht, wird im Vergleich mit dem Wachstum früherer Jahre ermittelt. Wenn aber die früheren Jahre grundsätzlich ein stärkeres Wachstum haben, liegt plötzlich der Vergleichswert zu hoch. Viele Jahre gelten plötzlich als wachstumsschwach - und der Staat nimmt zu hohe Kredite auf. „Wenn das Trendwachstum sich anders entwickelt als die Konjunktur, wird das nicht richtig auseinandersortiert“, sagt Ifo-Ökonom Carstensen.

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Ähnliche Berechnungen zur „Output“-Lücke stellen die Notenbanken an, wenn sie abschätzen, wie viel Geld sie der Wirtschaft zur Verfügung stellen sollten. Auch sie könnten in vielen Jahren die Wachstumslücke überschätzen, die Leitzinsen zu niedrig halten und zu viel Geld bereitstellen.

Solche Probleme ließen sich lösen, indem die Deutschen ihre Wachstumserwartungen senken. Es gibt eine Szene von Wachstumskritikern, die ganz auf Wachstum verzichten wollen. Aber das ist nur eine Minderheit, viele wollen lieber das Wachstum früherer Jahrzehnte zurück. Dann sind die Deutschen schnell zurück bei Tyler Cowens Frage, wie sie mehr Ideen schaffen können. Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung fasst zusammen, was viele Wachstumsforscher wissen: „Wenn es kein Aufholwachstum mehr gibt, dann muss das Wachstum aus den Innovationen kommen.“

Quelle: F.A.Z.

 

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