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Veröffentlicht: 29.11.2015, 16:10 Uhr

Schulfach Wirtschaft Wenn der Versicherungsvertreter in die Schule kommt

Viele sagen, in der Schule solle mehr über das Wirtschaftsleben gelehrt werden. Aber auch die Vorbehalte sind groß. Wie soll ökonomische Bildung an der Schule aussehen?

von
© AP Schüler an der Tafel

Seit Jahrzehnten schon kämpfen Wirtschaftsdidaktiker, andere Ökonomen und Unternehmensverbände für ein Schulfach Wirtschaft, erteilt von in den Wirtschaftswissenschaften umfassend ausgebildeten Lehrern. Voran kommen sie nur in kleinen Schritten; von einem Pflichtfach in ganz Deutschland ist man noch immer weit entfernt. Aufgeschreckt hat sie nun ein Sammelband, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung. In dem Buch mit dem Titel „Ökonomie und Gesellschaft“, der Lehrern Anregungen für den Unterricht geben soll, wird eindringlich vor zu viel Wirtschaft in der Schule gewarnt.

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Gewarnt wird vor einem Wirtschaftsunterricht, der von an den Wirtschaftsfakultäten der Hochschulen „monoperspektivisch“ ausgebildeten Pädagogen erteilt wird. Die Gefahr sei groß, dass sie in einem eigenständigen Fach eine einseitige Sicht vermittelten und zum Beispiel die negativen sozialen Folgen wirtschaftlicher Entscheidungen nicht genügend berücksichtigten. Oder dass sie ein zu positives Bild von der Marktwirtschaft vermittelten.

Praxiskontakte? Nicht immer erwünscht.

Gewarnt wird auch vor der Zusammenarbeit von Unternehmen mit Schulen. Die Wirtschaft dränge in den Unterricht, um Kinder und Jugendliche zu manipulieren. Dabei seien positive Effekte der Kooperation mit der Privatwirtschaft empirisch nicht belegt.

Diese Aussagen gingen dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Ökonomische Bildung (Degöb) dermaßen gegen den Strich, dass er eine verärgerte Stellungnahme veröffentlicht hat. Wirtschaft als Schulfach werde in dem Buch als sittlich gefährdend dargestellt, als dürfe es nur unter der Kontrolle der politischen und sozialwissenschaftlichen Bildung unterrichtet werden, schimpfen die Professoren, deren Schwerpunkt die ökonomische Bildung ist. Diskreditiert würden auch die Praxiskontakte zur Wirtschaft, die notwendiger Bestandteil des Wirtschaftsunterrichts seien. „Es ist nicht zutreffend, dass ein Fach Wirtschaft den Interessen der Wirtschaft diene, etwa indem gewinnorientierten Unternehmen dadurch der Zugang zu Schulen erleichtert würde und sie die Schüler dort von den Vorteilen ihrer Produkte überzeugen können.“

Für Holger Arndt, den Vorsitzenden der Degöb, sind Praxiskontakte wie Experteninterviews, Betriebserkundungen und Praktika ein zentrales Element im Wirtschaftsunterricht. „Sie helfen Schülern, eine ganzheitliche Perspektive zu entwickeln, und wirken motivierend“, sagt der Wirtschaftsdidaktik-Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg. Das Ziel vieler Kooperationen sei die Berufsorientierung; davon profitierten Unternehmen und Schüler gleichermaßen. So stiegen die Chancen von Hauptschülern mit schlechteren Noten, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, erheblich.

Furcht vor Lobbyismus in der Schule

Die Gefahr der Manipulation sieht Arndt aber auch: „Jeder verfolgt Interessen, auch gewinnorientierte Unternehmen.“ Wenn zum Beispiel ein Versicherungsunternehmen seine Mitarbeiter in die Schulen schicke, dann bestehe die Gefahr, dass sie Schülern zu viele Versicherungen empfehlten. „Deshalb darf man Aussagen von interessengeleiteten Personen nicht unwidersprochen lassen“, mahnt Arndt. Komme ein Vertreter der Versicherungswirtschaft in den Unterricht, dann könne der Lehrer auch einen Verbraucherschützer einladen. Letztlich komme es ohnehin immer auf die Kompetenz der Lehrkräfte an. Interessenvertretern dürften sie keine freie Hand lassen. „Die sind oft sehr geschult, damit darf man Schüler nicht allein lassen.“

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