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Wirtschaftsnobelpreisträger : Leidenschaft und Ratio für Finanzmärkte

Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller Bild: dpa

Gemeinsam mit Lars Peter Hansen erhalten Eugene Fama und Robert Shiller den Wirtschaftsnobelpreis - überraschend für viele Beobachter, denn Fama und Shiller vertreten gegensätzliche Denkrichtungen.

          Am Telefon gibt sich Robert Shiller gerührt, aber auch bescheiden, als ihn das Nobelpreiskomitee frühmorgens anruft. Es ist kurz nach 7 Uhr in New Haven, wo Shillers Yale-Universität liegt. Nein, mit dem Preis habe er nicht gerechnet, sagt Shiller leicht schnaufend ins Telefon – obwohl er seit Jahren als heißer Kandidat für den Nobelpreis gilt. Die mitlauschenden Journalisten spitzten die Ohren. Es gebe so viele andere würdige Ökonomen, die den Preis ebenfalls verdienten, sagt Shiller bescheiden. Womit er aber wohl wirklich nicht gerechnet hat, war dass er den Preis ausgerechnet mit Eugene Fama teilen muss, dem Chicago-Theoretiker der effizienten Märkte. Manchen gelten Shiller und Fama als unvereinbar, wie Feuer und Wasser. Dass nun beide ausgezeichnet werden, gibt dem diesjährigen Nobelpreis eine pikante Note.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Viele Ökonomen sind von der Entscheidung deshalb überrascht. „Die beiden stehen für konträre Denkrichtungen“, sagt der Berliner Finanzmarktökonom Jörg Rocholl. „Fama hat sicherlich große wissenschaftliche Verdienste, aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass er nach der Finanzkrise noch den Preis erhalten würde.“ Nach dem Crash der Märkte galt vielen Famas Effizienzmarkttheorie als diskreditiert. „Leider gibt es viele Missverständnisse darüber, was diese Theorie eigentlich besagt“, entgegnet Harald Uhlig, deutscher Professor an der Uni Chicago. „Sie besagt nicht, dass Finanzmärkte Ressourcen effizient verwenden, sondern dass Informationen auf Finanzmärkten, etwa höhere oder niedrigere Dividenden, sofort effizient verarbeitet werden und dass es nicht einfach ist, systematisch gewinnbringend gegen den Markt zu wetten.“ Das habe Fama überzeugend dargestellt.

          Der Wirtschaftsnobelpreis geht an die amerikanischen Forscher: Eugene Fama, Lars Peter Hansen und  Robert J. Shiller (links nach rechts)
          Der Wirtschaftsnobelpreis geht an die amerikanischen Forscher: Eugene Fama, Lars Peter Hansen und Robert J. Shiller (links nach rechts) : Bild: dpa

          Schon in seiner Doktorarbeit hatte sich der 1939 geborene Ökonom mit Aktienmarktpreisen beschäftigt. Seinen bahnbrechenden Aufsatz zur „Effizienzmarkthypothese“ veröffentlichte er im Alter von nur 30 Jahren. Er war selbst überrascht, wie schnell alle neuen, relevanten Informationen am Markt aufgenommen wurden und zu Kursveränderungen führten. Daher könne man als einzelner Anleger kaum besser sein als der Markt allgemein. Sein praktischer Rat, der daraus folgte: Es sei besser, breit in alle Werte eines Marktes zu investieren, statt einzelne Werte herauszugreifen, weil man diese für unterbewertet halte.

          Einer von Famas Schülern, David G. Booth, griff diese Idee auf und entwickelte Fonds für Anleger. Damit machte Booth ein Vermögen. 2008 stiftete er der Universität Chicago 300 Millionen Dollar für eine neue Business-Schule – und Eugene Fama lehrt heute an ebenjener Booth School of Business. Noch immer „funkeln seine Augen, er liebt intellektuelle Diskussionen“, berichtet Uhlig, der ihn manchmal auf Kongressen trifft.

          Glückliches Timing

          Auch Shiller ist neben seiner Professur als Finanzunternehmer tätig, freilich hat er ein eher gespaltenes Verhältnis zu den Aktien- und Immobilienmärkten. Der 1946 in Detroit geborene Ökonom, der am Massachusetts Institut of Technology vom Geist Paul Samuelsons geprägt wurde, ist viel skeptischer, was die Rationalität von Marktteilnehmern angeht. Er sieht die Märkte manchmal auf schwindelerregenden Achterbahnfahrten. Besonderes Aufsehen hat ein Aufsatz Shillers in der „American Economic Review“ von 1981 erregt, in dem er exzessive Schwankungen der Bewertungen an Aktienmärkten feststellte, die sich nicht aus höheren und niedrigeren Dividenden erklären ließen. Manchmal schienen die Aktienkurse, gemessen an den Dividenden, überhöht zu sein. Später betonte Shiller, es gebe Herdenverhalten, weil Anleger sich von vergangenen guten Renditen antreiben ließen. Darüber schrieb er mit George Akerlof das Buch „Animal Spirits“ und gebrauchte dafür eine Formulierung, die er von Keynes geliehen hat. Shiller, der einer der Vorreiter der „Behavioural Economics“, der Verhaltensökonomie ist, kombiniert Ideen von Ökonomen mit denen von Psychologen und Soziologen.

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