30.10.2007 · Der Wohlfahrtsstaat schadet der Moral - das jedenfalls besagt eine neue empirische Studie. Eltern, die selbst an üppige Transfers gewöhnt sind, tun sich schwer, ihren Kindern Arbeitsmoral beizubringen. Und Umverteilung weckt Begehrlichkeiten. Die Folgen: Trägheit und Schummelei.
Von Karen HornKurt Beck hat eine Lawine losgetreten. Die Verlängerung der Bezugsdauer von Arbeitslosengeld I (ALG I) für Ältere rückt in greifbare Nähe - und damit das Zurückdrehen des Rades der Geschichte. Beliebt waren die schmerzhaften, aber notwendigen Hartz-Reformen natürlich nie.
Doch kaum wird der Aufschwung in Deutschland spürbar, kaum hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt erfreulich stabilisiert - da scheint dem populistischen SPD-Vorsitzenden schon die Zeit gekommen, sich im allmählich schon wieder beginnenden Wahlkampf aggressiv zu positionieren und die Reformen, die diese jüngste Besserung möglich gemacht haben, wieder zurückzudrehen. Teile der Union ziehen sogar mit. Und die Bevölkerung frohlockt ohnehin: Mehr als 80 Prozent der Bundesbürger stehen hinter dem Vorschlag. Und überhaupt wünscht man sich „mehr Gerechtigkeit“, was auch immer das heißen mag.
Langfristige Mentalitätsveränderungen
Das ist schon per se ein Armutszeugnis - sowohl für die Rationalität der Bürger als auch für die Fähigkeit der Politik, ihre Maßnahmen verständlich zu machen. Noch schlimmer ist, was nun folgen mag. Mindestlöhne sind auf dem Vormarsch. Vor allem die Leiharbeit ist Beck ein Dorn im Auge, auch an die Rente mit 67 Jahren will er Hand anlegen, und nun kommen wohl auch noch, wie es beschönigend heißt, „Korrekturen“ am ALG I. Vorbei ist die Zeit des Abspeckens sozialstaatlicher Leistungen. Der deutsche Wohlfahrtsstaat wird aufgemotzt.
Gefährlich ist das aus einer Vielzahl von Gründen. Das Problem liegt nicht nur darin, dass Deutschland sich das trotz verbesserter Staatsfinanzen immer noch nicht leisten kann; schließlich ist Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) von einem echten Schuldenabbau noch weit entfernt. Schlimmer sind die Anreizverzerrungen, die eine gedeihliche wirtschaftliche Entwicklung hemmen.
Auf Dauer gar nicht wiedergutzumachen sind die langfristigen Mentalitätsveränderungen, die ein allzu großzügiger Wohlfahrtsstaat über Generationen hinweg in der Bevölkerung auslöst: Eltern, die selbst an üppige Transfers gewöhnt sind, müssen besondere Kraft aufbringen, um ihren Kindern überhaupt noch Arbeitsmoral und Eigeninitiative beizubringen. Darüber hinaus gilt: Wo viel verteilt wird, werden Begehrlichkeiten geweckt, und um in den Genuss des staatlichen Geldsegens zu kommen, wird schon mal geschummelt. Die Jagd auf staatliche Mittel kann zum Lebensinhalt werden. Dabei bleibt die Moral auf der Strecke.
Sich an Normen zu halten ist teuer
Auf diese Gefahr hat der - über viele Jahre auch segensreich im Nobel-Komitee aktive - schwedische Wissenschaftler Assar Lindbeck vor einigen Jahren hingewiesen. Zu den sozialen Normen, auf denen jede moderne Gesellschaft aufbaut, gehört unter anderem, dass man nicht stiehlt, dass man nicht betrügt, dass man brav seine Steuern zahlt und nur solche Transfers einkassiert, auf die man tatsächlich Anspruch hat. Dieser gesellschaftliche Moralkonsens allerdings ist prekär, gerade im Wohlfahrtsstaat, wo der eine Bürger nicht sieht, was er dem anderen aus der Tasche zieht.
Ökonomisch gesprochen, erhöht jede Einführung von großzügigeren Transfersystemen die Opportunitätskosten von moralischen Normen, die sich einem erschlichenen Transferbezug in den Weg stellen. Irgendwann, so meint Lindbeck, mag es dann einfach individuell „zu teuer“ werden, sich an die hergebrachten Normen zu halten. Und wenn es erst genug Leuten so geht, dann bröckelt der Moralkonsens komplett. Seine These ist also: Das Wachstum des Wohlfahrtsstaats zerstört die gesellschaftliche Moral. Friedrich Heinemann, Wissenschaftler am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, ist dieser theoretischen Behauptung nun erstmals in einer empirischen Studie nachgegangen und sieht sie bestätigt.
Akzeptanz des illegalen Transferbezugs nimmt zu
Für seine Untersuchung hat Heinemann drei empirisch testbare Hypothesen aufgestellt. Erstens: Das Wachstum des Wohlfahrtsstaats in den vergangenen Jahrzehnten hat zu einem geringeren Niveau an gesellschaftlicher Moral geführt. Zweitens: Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahrzehnten hat sich negativ auf die gesellschaftliche Moral ausgewirkt. Drittens: Bürger, die vor der Ausdehnung des Wohlfahrtsstaats sozialisiert worden sind, haben eine höhere Moral als Bürger späterer Jahrgänge. Daneben berücksichtigt er auch noch Parameter wie Alter, Geschlecht, Einkommen, Familienstand und Religionszugehörigkeit. Die für die Untersuchung notwendigen, für 1981 bis 2001 verfügbaren Daten aus verschiedenen Ländern entnimmt er den „European and World Value Surveys“.
Dabei ergibt sich ein ernüchterndes Bild. In den meisten Ländern hat die gesellschaftliche Akzeptanz des illegalen Transferbezugs über die Jahre zugenommen. Am stärksten war die Erosion sozialer Normen in Schweden, dem Land mit dem ausgedehntesten Wohlfahrtsstaat überhaupt. In Westdeutschland war der Wertekonsens einigermaßen stabil. Allerdings ist die Moral in Ostdeutschland im Laufe der Zeit rapide gesunken. Dass sie anfangs höher war, erklärt Heinemann damit, dass sich die „Neubürger“ damals noch nicht so gut in den Transfersystemen auskannten.
Steigende Arbeitslosigkeit - schwindende Moral
Der in Hypothese I aufgestellte negative Zusammenhang zwischen Wohlfahrtsstaat und Moral trifft auf die meisten Länder zu; das gilt selbst für Dänemark, das mit seinem „Flexicurity“-Modell (geringer Kündigungsschutz bei großzügigen Sozialleistungen) immer wieder als Vorbild herhalten muss. Noch stärker ist der in Hypothese II aufgestellte Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Moral: Je stärker die Arbeitslosigkeit zunimmt, desto mehr schwindet die Moral. Bemerkenswert ist auch hier wieder Dänemark, wo trotz sinkender Arbeitslosigkeit die Moral erodiert. Auch Hypothese III ist gedeckt: Die Transfermoral ist in den Bevölkerungsjahrgängen, die vor 1936 geboren sind, ungefähr doppelt so hoch wie bei den nach 1970 Geborenen. Für alle drei Hypothesen ergeben sich ökonometrisch einwandfreie Korrelationen.
Heinemann zieht aus alledem die Schlussfolgerung, dass die Politik nicht länger ignorieren darf, dass die Transfermoral von Land zu Land verschieden und zudem veränderlich ist, dass sich Erfolgsmodelle wie in Dänemark nicht so einfach übertragen lassen - und vor allem, dass die Politik selbst mit ihrem wohlfahrtsstaatlichen Füllhorn die gesellschaftliche Moral aufs Spiel setzt. Hoffentlich kommt diese Botschaft auch bei den Sozialdemokraten in allen Parteien an.
Werte
Ralf Weis (RWeis)
- 30.10.2007, 14:27 Uhr
...die Erde ist eine Scheibe und sowieso geht alles den Bach runter....
gerd hodina (hodger)
- 30.10.2007, 15:30 Uhr
Hey na klar, und ein auto für jeden arbeitlosen...
Alexes van da Hole (Alexes)
- 30.10.2007, 15:47 Uhr
Vergleiche mit Skandinavien...
Martin Kronbichler (marrtin)
- 30.10.2007, 15:57 Uhr
Die Jugend ist verdorben
gisbert heimes (gisbert4)
- 30.10.2007, 16:36 Uhr
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