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Wirtschaftsforscher Herbert Giersch gestorben

In der Regierungszeit der Kanzler Brandt, Schmidt und Kohl war Herbert Giersch der wohl einflussreichste Ökonom der Bundesrepublik. Am Donnerstag starb der langjährige Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft im Alter von 89 Jahren in Saarbrücken. Ein Nachruf von Philip Plickert.

© dpa Vergrößern Herbert Giersch

In den letzten Jahren seines Lebens hatte sich Herbert Giersch weit entfernt vom alltäglichen Klein-Klein der Wirtschaftspolitik. Er blickte in die Vergangenheit und in die Zukunft und analysierte die großen Linien der Entwicklung: „Wir treten in das Zeitalter von Schumpeter ein“, sagte Giersch, mitten in der Finanzkrise, bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte auf der Tagung zum zehnjährigen Jubiläum der Herbert-Giersch-Stiftung. Das „Schumpeter-Zeitalter“ sah er bestimmt von der schöpferischen Zerstörung durch dynamische unternehmerische Kräfte, die alte Formen überwinden und nach neuen Möglichkeiten streben.

Giersch, der am Donnerstag im Alter von 89 Jahren nach langer, schwerer Krankheit in Saarbrücken verstorben ist, hat ganz entscheidend daran mitgewirkt, dass in Deutschland marktwirtschaftliches, ordnungspolitisches Denken wiederentdeckt wurde. Auch im hohen Alter und trotz der Finanzkrise wirkte der Ökonom nicht so, als würde ihm die beschleunigte Entwicklung der Globalisierung Angst machen. Giersch war Optimist. Er sah zwar auch Risiken, aber vor allem die Chancen der weltweiten wirtschaftlichen Integration über den Markt.

Die ersten zwei Drittel seines Lebens waren geprägt vom keynesianische Zeitalter, dem Glauben, dass wirtschaftliche Prozesse staatlich steuerbar und positiv beeinflussbar seien. „Auch ich habe in frühen Jahren einige der keynesianischen Irrtümer vertreten“, bekannte Giersch rückblickend. Den Versuch einer „Globalsteuerung“, den nach 1969 der SPD-Finanzminister Karl Schiller betrieb, fand er anfangs richtig. Er entwickelte dazu das Konzept der „Konzertierten Aktion“ von Arbeitgebern, Gewerkschaften und Staat. Bald aber hat Giersch die Schwächen, vor allem auch die politische Missbrauchsanfälligkeit der nachfrageorientierten keynesianischen Doktrin erkannt. Als Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel trug er zu einer wirtschaftspolitischen Wende bei: weg von der Nachfrage-, hin zur Angebotsorientierung.

IfW © IfW Vergrößern Das Institut für Weltwirtschaft an der Kieler Förde

Von Saarbrücken nach Kiel

Sein Weg zum wohl einflussreichsten Ökonomen der Bundesrepublik in der Regierungszeit von Willi Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl, führte über verschiedene Stationen: 1921 als Sohn eines Landwirts im schlesischen Reichenbach geboren, hatte Giersch noch im Krieg ein Volkswirtschaftsstudium in Breslau und Kiel absolviert, war dann zur Wehrmacht eingezogen worden und in Kriegsgefangenschaft geraten. 1948 arbeitete er kurz an der London School of Economics, wo er Friedrich August von Hayek kennenlernte, deren fundamentale Kritik am Keynesianismus er aber erst sehr viel später in ihrer Tiefe begriff. „Ich habe damals zwar Hayek gehört, aber nicht gleich verstanden.“

Zurück in Deutschland habilitierte sich Giersch 1950 in Münster und wirkte dort fünf Jahre als Privatdozent. Zwei Jahre arbeitete er dann bei der OEEC (heute: OECD) in Paris, wo er Freundschaft mit Robert Solow schloss. 1955 erhielt er einen Ruf als Professor an die Universität Saarbrücken.

Der Wechsel von Keynes zum Wirtschaftliberalismus

Im Jahr 1964 war Giersch Gründungsmitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage, dem er bis 1970 angehörte. Obwohl nicht Vorsitzender, war Giersch informeller Kopf des Rates, dessen jährliche Gutachten und Empfehlungen die Regierung manchmal in Rage brachten. Wo es ihm geboten erschien, etwa in der Frage der Aufwertung der D-Mark, ging er auf Konfrontation. 1969 wechselte Giersch von Saarbrücken nach Kiel und übernahm als Nachfolger des einflussreichen keynesianischen Ökonomen Erich Schneider die Leitung des Instituts für Weltwirtschaft. In kurzer Zeit drehte er dessen Orientierung weg vom Keynesianismus hin zum Wirtschaftsliberalismus.

Im berühmten Turmzimmer mit Blick auf die Förde wirkte Giersch zwanzig Jahre und prägte die ökonomischen Debatten in Deutschland wie kaum ein anderer. Unter dem Einfluss von Hayek, mit dem ihn eine lange Freundschaft und die Zusammenarbeit in der liberalen Mont Pèlerin Society verband, verabschiedete sich Giersch vom Keynesianismus. Die nachfrageseitigen finanzpolitischen Impulse hatten in den siebziger Jahren nur Strohfeuer und steigende Verschuldung bewirkt.

Giersch prägte den Begriff der „Eurosklerose“

Angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit prägte Giersch in den späten achtziger Jahren das Wort von der „Eurosklerose“ durch überregulierte Arbeitsmärkte, das „Kartell“ der Tarifparteien und einen lähmenden, weil überbordenden Sozialstaat. Von der Regierung Kohl, auf deren wirtschaftspolitische Wende er zunächst große Hoffnung setzte, war Giersch zuletzt enttäuscht, weil sie eine Öffnung und Liberalisierung des Arbeitsmarktes nicht wagte.

Giersch bezeichnete sich als „öffentlichen Ökonomen“. Als überzeugter Liberaler warb er unverdrossen für offene Märkte, Wettbewerb, Freihandel und weniger staatliche Gängelung und Bevormundung. Insgesamt mehr als 300 Bücher und Aufsätze hat er über die Jahre geschrieben und viele Ehrendoktorwürden und Auszeichnungen erhalten, darunter das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern. Auch international genoss er hohes Ansehen und hatte Gastprofessuren an der Yale-Universität.

Im Laufe seines langen akademischen Wirkens hat er viele Schüler hervorgebracht, die an Universitäten, Forschungsinstituten, im Sachverständigenrat, in Banken, Verwaltung und in der Politik tätig waren und sind. „Er war ein begnadeter Volkswirt, ein brillanter akademischer Lehrer, ein dynamischer Institutsleiter, ein leidenschaftlicher Berater der Politik, ein großzügiger Mäzen der Wissenschaft und daneben stets ein inspirierender Freigeist“, würdigt ihn die Stiftung in einer Pressemitteilung. Weit über seinen Tod hinaus wird Herbert Giersch damit Deutschland prägen.

Quelle: FAZ.NET

 
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