Wie viel Prozent der Deutschen verstehen die Finanzkrise zumindest in ihren Grundzügen? „Ich schätze 10 Prozent“, antwortet Hans Kaminski und fügt dann rasch hinzu: „Das ist schon hoch gegriffen.“ Das fehlende Wissen offenbare sich zum Beispiel in „dieser tumben Neoliberalismus-Debatte“. Ständig werde der Begriff wegen mangelnder wirtschaftshistorischer Kenntnisse falsch benutzt. Verfügen wenigstens viele Politiker über ökonomischen Sachverstand? „Nein“, sagt Kaminski entschieden. „Nur sehr wenige kennen sich aus.“ Viele, die sich auf den Vater der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland, Ludwig Erhard, bezögen, hätten noch keine zwei Sätze von ihm im Original gelesen.
Dass sich Kaminski in Ökonomie auskennt, ist hingegen zweifelsfrei. Er ist emeritierter Professor für Wirtschaftslehre, Leiter des Instituts für Ökonomische Bildung (IÖB) in Oldenburg und seit Jahrzehnten ein renommierter Streiter für eine fundierte ökonomische Bildung in Deutschlands Schulen. Etwas gebröckelt sind die Widerstände dagegen inzwischen immerhin. „Man kann machen, was man will, auf Dauer wird die ökonomische Bildung im allgemeinbildenden Schulsystem nicht zu verhindern sein“, sagt Kaminski mit einem Augenzwinkern.
Zu großes Vertrauen in die Politik
Die gesellschaftlichen und ökonomischen Auswirkungen einer mangelhaften Wirtschaftsbildung sind nach Auffassung von Kaminski gravierend. In der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise führe das Defizit dazu, dass die meisten Menschen die Krise viel zu stark auf persönliches Fehlverhalten der Banker und viel zu wenig auf systemische Fehler zurückführten. Unterschätzt werde, wie stark der Staat die Krise mit verursacht habe, zum Beispiel durch eine laxe Geldpolitik in den Vereinigten Staaten. „Wer nichts weiß, muss viel glauben“, beschreibt Kaminski das niedrige Niveau der gängigen Diskussionen über die Krise.
Leider sei eine wirtschaftlich schlecht gebildete Bevölkerung nur allzu bereit, den Politikern, die derzeit ein gewisses Omnipotenzverhalten an den Tag legten, zu folgen. Und die Politiker redeten, der Zustimmung der Wähler gewiss, lieber über zu hohe Managergehälter als über ihr eigenes Fehlverhalten oder die Grenzen ihrer Handlungsmöglichkeiten. All dies könne gefährliche Folgen haben, befürchtet Kaminski. „Derzeit sieht man, dass die Deutschen nicht besonders hartleibig sind, wenn es um die Abschaffung von Grundprinzipien der Marktwirtschaft geht.“ Die Erkenntnis, dass der Staat nicht so punktgenau handeln könne, wie viele es glaubten, setze eben eine fundierte Wirtschaftsbildung voraus.
Günstig für das Verstehen der Krise
Fundiert über die Finanzkrise sprechen können die Schüler von Karl-Josef Burkard. Vor kurzem hat der Oldenburger Gymnasiallehrer mit Neuntklässlern das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt besucht. Der dortige Gesprächspartner sei über die kompetenten Fragen der Jugendlichen verblüfft gewesen, erzählt Burkard. Seine Schüler glaubten keineswegs, dass nur die Banker schuld an der Krise seien. Das Fehlverhalten des Staates sei ihnen durchaus bekannt.
So habe man im Unterricht über die Landesbanken gesprochen und auch über die Geldpolitik in Amerika und die Entwicklung dort nach dem 11. September 2001. Günstig für das Verstehen der Krise war, dass Burkard und seine Schüler, als die Finanzkrise anfing, gerade Themen rund um das Geld behandelt hatten: Die Jugendlichen wussten, was ein Kredit ist - und an wen man einen vergeben sollte und an wen lieber nicht. „Mit Hilfe eines Wirtschaftskreislaufmodells haben wir dann überlegt, was passiert, wenn Darlehen in großem Umfang an kreditunwürdige Personen vergeben werden“, erläutert Burkard.
Schüler als Unternehmensgründer
Genauso wie Kaminski setzt auch er sich seit Jahren für ein Schulfach Wirtschaft an den allgemeinbildenden Schulen ein. Doch leider müsse man dafür nach wie vor hart kämpfen. Groß seien die Widerstände etwa in den Reihen der Politiklehrer, sagt Burkard. Vor allem ältere Politiklehrer beäugten mit Argwohn, dass Schüler, die gut über Marktwirtschaft informiert seien, oft auch eine gute Meinung von ihr hätten. Auf seiner Seite weiß Burkard hingegen Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU). Dieser hat aus Sorge wegen der geringen Kenntnisse deutscher Schüler über die Soziale Marktwirtschaft einen Informationsfilm zum Thema drehen lassen, den er nun mit anderem Unterrichtsmaterial 25.000 Schulen zur Verfügung stellen wird.
Burkard konnte trotz vieler Widerstände - auch aus der Politik - am Alten Gymnasium in Oldenburg Standards setzen. Dass in der Oberstufe Wirtschaft zusammen mit Politik gelehrt wird, gehört in Niedersachsen zum Kern-Curriculum. Doch das reichte Burkard nicht. Deshalb können an seinem Gymnasium schon Schüler der siebten Klasse reinen Wirtschaftsunterricht wählen, was sie mit großem und zunehmendem Interesse täten, wie Burkard berichtet. Und vom nächsten Schuljahr an gibt es sogar einen Leistungskurs Wirtschaft. Dafür hat Burkard nach zähem Ringen eine Ausnahmegenehmigung erwirkt.
Wirtschaftsunterricht macht „total Spaß“
Wenn der Lehrer über den Wirtschaftsunterricht spricht, kommt er ins Schwärmen. Der mache „total Spaß“, und die Schüler seien hoch motiviert. Schon in den unteren Klassen interessierten sie sich sehr für ökonomische Themen. Denn schon früh machten sie ihre eigenen wirtschaftlichen Erfahrungen: Sie seien Konsumenten oder erzielten über Jobs ein kleines Arbeitseinkommen. Der Phantasie seien im Unterricht kaum Grenzen gesetzt. So geht Burkard mit seinen Schülern in die Bank, wo Kreditgespräche simuliert werden. Oder sie besuchen eine Gewerkschaft, um sich über Tarifverhandlungen zu informieren.
Außerdem gründet jeder Schüler eine Firma. Eine Klasse hat beispielsweise „Shop und Event am Ago“ aufgebaut. Das Unternehmen beschaffte sich zunächst über einen Flohmarkt Finanzmittel. Mit dem Geld wurde für eine wohltätige Organisation ein Basar veranstaltet. Später bauten die Jungunternehmer einen eigenen Laden auf, in dem an der Schule „Schreibutensilien für vergessliche Schüler“ verkauft wurden. Mit den Erlösen wurde eine Klassenfahrt nach Frankfurt finanziert, wo die Börse und das Geldmuseum besucht wurden.
Grundeinsichten der Ökonomie
Dabei hätten die Schüler auch gelernt, dass Wirtschaft Regeln brauche, sagt Burkard. Zum Beispiel habe man festlegen müssen, welche Waren auf dem Flohmarkt verkauft werden durften. Nach Burkards Erfahrung können so schon Mittelstufenschüler einiges über das Wirtschaftssystem als solches lernen, doch sollten bei ihnen das Praktische und das eigene Erleben im Vordergrund stehen. In der Oberstufe könne man sich der Ökonomie dann auch über theoretische Erörterungen nähern. Für Kaminski steht außer Frage, dass Grundeinsichten der Ökonomie sogar schon in der Grundschule vermittelt werden können. Das sei nur eine Frage guter Didaktik und Methodik.
Eine ökonomische Ausbildung wie in Oldenburg sei an deutschen Schulen bislang allerdings die große Ausnahme, sagt Hans Kaminski. Besonders groß sei der Widerstand der Gymnasien. Dort sorge man sich immer noch, dass nützliche Fächer wie Wirtschaft das neuhumanistische Bildungsideal „verunreinigen“ könnten. Er selbst sei hingegen überzeugt, dass man wichtige gesellschaftliche Prozesse nur verstehen kann, wenn man über eine ökonomische Allgemeinbildung verfügt. Deshalb brauche man ein eigenständiges Pflichtfach Wirtschaft. Sehr unbefriedigend sei es dagegen, Wirtschaft an ein anderes Fach zu koppeln, wie das meistens geschehe. Das behindere eine solide ökonomische Ausbildung. Außerdem könne man dann weniger für Studiengänge eintreten, in denen Lehrer eigens für das Fach Wirtschaft ausgebildet werden. Diese seien ohnehin sehr rar.
Banker in der Schule
Auch der Bundesverband deutscher Banken fordert schon seit Jahren ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft. Und so mancher Banker geht sogar selbst in die Schule wie vor kurzem die Direktorin der Weberbank in Berlin, Andrea Schruff. Schruff hat zwei Töchter, die das Gymnasium Steglitz besuchen. Sie bemerkte, dass diese in der Schule wenig über Wirtschaft lernten, sich aber sehr dafür interessierten. Schruff bot der Schule an, mit Kollegen in den Unterricht zu kommen und in der 13. Jahrgangsstufe Seminare über Kapitalmärkte zu halten.
„Die Lehrer waren so begeistert und entgegenkommend. Die Direktorin bot sogar an, ihren Klausurplan nach uns zu richten“, erinnert sich Schruff. Später lud man die Schüler dann in die Bank ein und informierte sie dort über den Umgang mit dem ersten Geld, führte sie an den Wirtschaftsteil einer Zeitung heran und machte ein Börsenspiel. Ein wichtiges Thema war während der ganzen Zeit die Finanzkrise. Von der hatten die Schüler zwar gehört, konnten sie aber überhaupt nicht einordnen. „Für sie war die Krise über Nacht hereingebrochen“, sagt Schruff. Nach den Vorträgen seien die Schüler richtig froh gewesen. Nun habe ich das endlich mal verstanden, hätten viele gesagt. Im nächsten Frühjahr werden Schruff und ihre Kollegen ein zweites Mal in die Schule gehen.
Nur eine Frage
Chi Tamago (tamago)
- 28.12.2008, 22:55 Uhr
Wahrlich!
Peter Remmert (premmert)
- 28.12.2008, 23:08 Uhr
Wer versteht hier nicht genug von Wirtschaft?
Stefan Rehberger (stefanrehberger)
- 28.12.2008, 23:57 Uhr
Wie wahr...
Marcel Burlage (MBurlage)
- 29.12.2008, 00:35 Uhr
Freiheit ist lehrbar
(initial)
- 29.12.2008, 09:31 Uhr
