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Wirtschafts-Nobelpreisträger Markt-Ingenieure

Die frisch gekürten Nobelpreisträger lösen konkrete Probleme, die nichts mit Geld zu tun haben. Ihr Mechanismus schafft es, Studienplätze oder Organe besser an Bewerber oder Betroffene zu verteilen.

© dpa Vergrößern Er versteht sich selbst als Markt-Ingeneur: Alvin Roth bekam den Nobelpreis für seine Forschung in „Matching“

Von wegen, Ökonomie befasst sich nur mit abstrakten Problemen oder mit Geld. Hier geht es um das pralle Leben - und manchmal auch um Leben und Tod. Die Märkte, die die Wirtschafts-Nobelpreisträger Alvin Roth und Lloyd Shapley untersucht haben, handeln vom „Matching“, also der Suche nach optimalen Paaren. „Wer kriegt was?“, lautet die entscheidende Frage, formuliert es der Vertreter der Schwedischen Wissenschaftsakademie. Ganz intime Fragen wie die Wahl des Ehepartners, die Wahl der richtigen Schule, der Universität, eines Arbeitsplatzes, und lebenswichtige Fragen wie die Vergabe von Spendenorganen - all das kann man mit den Arbeiten der beiden frisch gekürten Nobelpreisträger besser verstehen und besser organisieren.

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„Roth versteht sich als Markt-Ingenieur“, sagt Axel Ockenfels an der Universität zu Köln, der mit Roth geforscht und publiziert hat. Der Harvard-Ökonom sucht wie ein Techniker nach Zuteilungsmechanismen, wenn Wettbewerb und Preise nur eine geringe Rolle spielen (sollen) - etwa bei der Vergabe von Studienplätzen, wo nicht nur die Kinder reicher Eltern zum Zuge kommen sollen, oder die Vergabe von Organen, die nicht einfach dem Meistbietenden versteigert werden sollen. Wie soll sonst die Zuteilung geschehen? Dazu hat Shapley, Jahrgang 1923, schon in den sechziger Jahren theoretische Arbeiten veröffentlicht. Zuvor hatte er als junger Mann für die Rand Corporation gearbeitet und im Zweiten Weltkrieg einen sowjetischen Funk-Code entschlüsselt, wofür er eine Bronze Star-Medaille erhielt.

Studienplatz-Verteilung per Gale-Shapley-Mechanismus

Es sind komplizierte, spieltheoretische Ansätze, die Shapley von der kalifornischen Universität in Los Angeles und der schon verstorbene Ökonom David Gale entwickelten. Roth, Jahrgang 1951, der zu den Pionieren der Experimentalökonomie zählt, hat sie auf konkrete Probleme angewendet. „Er macht Experimente, spricht mit den Leuten und stellt sich der Komplexität realer Institutionen und realen Verhaltens“, sagt Ockenfels.

Ein verkorkstes bürokratisches Zuteilungssystem ist die deutsche Zentrale Studienplatzvergabe (ZVS), der Schrecken von Hunderttausenden jungen Menschen. „Die ZVS hat zu einer absurden Zuteilung und einem riesigen Chaos geführt“, kritisiert der Münchner Mikroökonom Klaus Schmidt. „In manchen Fächern bewerben sich die jungen Leute an zehn oder mehr Universitäten, sie geben nicht immer ihre wahren Präferenzen an, sondern kreuzen strategisch an, die Hochschulen wissen zum Schluss nicht, wie viele der angenommenen Bewerber auch tatsächlich kommen, viele Universitäten und Fächer sind ganz aus dem System ausgestiegen.“ Würde man eine Zuteilung der Studienplätze vornehmen, der sich an dem Gale-Shapley-Mechanismus orientiert, dann könnte man „die Ergebnisse dramatisch verbessern“, ist sich Schmidt sicher.

U.S. economist Lloyd Shapley smile outside his home after being notified that he won the 2012 Noble Prize for Economics in Los Angele © REUTERS Vergrößern Lloyd Shapley entwickelte den Gale-Shapley-Mechanismus

„Das Schöne an diesem Gale-Shapley-Zuteilungsmechanismus ist, dass das Zuteilungsergebnis effizient und stabil ist“, erklärt Schmidt. „Kein Student kann durch einen Tausch mit einem anderen seine Situation noch verbessern, und es gibt auch keinen Anreiz dafür, seine Präferenzen falsch anzugeben oder einen zugewiesenen Studienplatz nicht anzutreten. Zugleich ist es ein stabiler Mechanismus - keine Universität und kein Student würden das System verlassen wollen“, erklärt Schmidt, der selbst zu Auktionstheorien und Verhaltensökonomik forscht.

In den Vereinigten Staaten wird etwa die Verteilung von 90000 Schulplätzen jährlich in New York nach dem Gale-Shapley-Verfahren organisiert. Zuvor gab es endlose Querelen, das neue Verfahren hat sich dagegen bewährt. Früher landeten bis zu 30000 New Yorker Kinder auf Schulen, die sie gar nicht wollten, jetzt sollen es nur noch 3000, also etwa 3 Prozent, sein.

Tabelle / Wirtschaftsnobelpreisträger © F.A.Z. Vergrößern Alle Nobelpreisträger seit 1969

Ein noch brisanteres Verteilungsproblem tritt bei Organen auf. Roth hat beim Aufbau des „New England Programm für Nieren-Austausch“ geholfen. Er löste dabei ein ganz konkretes Problem. Eltern, Ehepartner oder Geschwister wollen gerne für erkrankte Familienangehörige eine Niere spenden, doch passen diese wegen unterschiedlicher Blutgruppen oftmals nicht. Das „New England Programm“ organisiert daher Ring-Täusche: Der Familienangehörige spendet seine Niere für einen Fremden mit der passenden Blutgruppe, und dessen Familie schenkt dafür eine passende Niere zurück. Die Tausch-Ringe können auch noch ausgedehnter sein. Je größer der Pool von potentiellen Spendern und Empfängern ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man passende Paar findet. Das Verfahren sei „ein schönes Beispiel von einer anspruchsvollen ökonomischen Theorie, die praktisch nützt“, lobte die Schwedische Akademie der Wissenschaften.

Ockenfels beschreibt Roth als einen „unglaublich schnellen Denker“, dabei liebenswürdig und unabhängig. „Er gehört keinem Lager an und ist ein wirklich unabhängiger Geist.“ Für seine Studenten sei Roth stets erreichbar - „zu jeder Tages- und Nachtzeit antwortet er auf Emails, das ist wirklich faszinierend.“ In einem kleinen Aufsatz, der in die Zukunft des Jahres 2112 blickt, hat Roth vor kurzem seine Sicht der Wirtschaftswissenschaften in hundert Jahren beschrieben: „Die Ökonomik wird immer noch die Vorhut der Sozialwissenschaften sein, zum Teil weil sie weiterhin Einsichten und Daten umfasst, die einst als Soziologie und Politikwissenschaft angesehen wurden, und weil sie zum anderen begonnen hat, sich Einsichten der Psychologie und der Biologie einzuverleiben.“

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Quelle: F.A.Z.

 
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