Home
http://www.faz.net/-gqq-145ue
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Wirtschafts-Nobelpreis Die klugen Almbauern

Wenn alle Bauern ihre Kühe auf eine Wiese schicken, wächst dort bald kein Gras mehr. Passen die Bauern ein bisschen auf, dann muss es nicht so schlimm kommen. Für diese Einsicht erhielt Elinor Ostrom den Nobelpreis. Daraus lässt sich auch etwas für den Schutz von Luft, Wasser und dem Weltraum lernen.

© AP Vergrößern Im 16. Jahrhundert galt die Gemeinschafts-Weide („Allmende”) als Auslaufmodell. In den Alpen gibt es sie heute immer noch

Für den Bauern Jakob Marti war die Welt noch in Ordnung. Was auch immer geschah: Jeden Morgen trieb er seine Kühe auf die Weide, jeden Abend brachte er sie zurück in den Stall. Weit musste Bauer Marti nicht laufen, denn sein Hof grenzte unmittelbar an die große Weide, auf der auch seine Nachbarn ihr Vieh grasen liesen. Und wenn der Jakob Marti einmal Holz brauchte für seinen Ofen, dann ging er einfach in den Wald und fällte welches. Das machten sie damals alle so in Dürrenroth im Bezirk Trachselwald im Schweizer Kanton Bern. Und genau das war das Problem.

Denn nicht nur der Jakob Marti und seine Freunde, die Alteingesessenen, durften Wald und Weide benutzen, sondern auch die Neuzugezogenen - und die wurden immer mehr. Eng war es plötzlich auf der Weide und licht im Wald. Streit brach aus zwischen den Dorfbewohnern, die ihre Kühe nicht mehr satt bekamen. Der zuständige Schaffner Samuel Glasner musste einschreiten. Und das Ergebnis war, dass jeder Bauer seine eigene Wiese einzäunen durfte und von nun an jeder Herr über die eigenen Grashalme war.

Mehr zum Thema

Der Gemeinde-Acker lebt weiter

Im Jahr 1596 war das gewesen. Während der folgenden dreihundert Jahre folgten viele Dörfer diesem Beispiel. Die Gemeinde-Äcker wurden aufgelöst, sie galten als altmodisch, angestaubt und deshalb abwrackreif. Schon der griechische Philosoph Aristoteles hatte beobachtet, dass „dem Gut, das der größten Zahl gemeinsam ist, die geringste Fürsorge zuteil wird“. Zu Deutsch: Wenn etwas allen gehört, dann gehört's niemandem. Dann muss sich auch niemand kümmern oder einschränken. Eigentum verpflichtet, Gemeintum eben nicht - Hauptsache, die eigenen Kühe werden satt. Man nennt das „die Tragödie des Gemeindeackers“.

Muhkuh © AP Vergrößern Eine Kuh frißt noch keine Wiese kahl. Stehen zu viele Kühe im Gras, müssen sich die Bauern einigen. Oft gelingt das

Dummerweise sieht die Wirklichkeit heute ganz anders aus. Die Alpen sind weder von einem schwarz-weiß muhenden Millionenheer kahlgefressen, noch glaubt jemand, dass das droht. Mehr noch: Auch die Gemeinschaftswiesen sind nicht verschwunden. Im Gegenteil: Die Gemeindealm lebt. Jedes Jahr im Herbst treiben die Bauern in vielen Alpengegenden ihr Vieh von der Alm ins Dorf hinunter. Sie schmücken ihre Kühe aufwendig. Aus jeder Bauernfamilie muss einer mit, wenn keiner Zeit hat, ist sogar ein Obolus fällig. Anschließend begießen sie den Almabtrieb mit ausreichend Bier im Dorfgasthaus zu zünftiger Musik.

Zu viele Rinder auf die Weide schicken? „Das macht man nicht“

Was denn nun? Funktionieren Gemeinschaftsgüter jetzt doch, obwohl sie eigentlich gar nicht sein dürften? Eine Politikwissenschaftlerin namens Elinor Ostrom wollte das genau wissen und verließ den Elfenbeinturm, um überall auf der Welt anzuschauen, wie die Menschen im Kleinen verwalteten, was allen gehört und wofür per Gesetz niemand im Besonderen zuständig ist. Jahrzehntelang war Olstrom unterwegs, schrieb alles auf und stellte fest: Der Gemeinde-Acker funktioniert unter bestimmten Bedingungen sehr gut - gerade auch auf der Alm in den Bergen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Gabriels Einladung

Von Andreas Mihm

Für die Energiewende sind neue Leitungen notwendig. Wo aber welche geplant sind, wird protestiert. Wie Wirtschaftsminister Gabriel dabei agiert, schadet der Energiewende Mehr 1 3


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --