21.10.2009 · Wenn alle Bauern ihre Kühe auf eine Wiese schicken, wächst dort bald kein Gras mehr. Passen die Bauern ein bisschen auf, dann muss es nicht so schlimm kommen. Für diese Einsicht erhielt Elinor Ostrom den Nobelpreis. Daraus lässt sich auch etwas für den Schutz von Luft, Wasser und dem Weltraum lernen.
Von Alexander Armbruster und Christian SiedenbiedelFür den Bauern Jakob Marti war die Welt noch in Ordnung. Was auch immer geschah: Jeden Morgen trieb er seine Kühe auf die Weide, jeden Abend brachte er sie zurück in den Stall. Weit musste Bauer Marti nicht laufen, denn sein Hof grenzte unmittelbar an die große Weide, auf der auch seine Nachbarn ihr Vieh grasen liesen. Und wenn der Jakob Marti einmal Holz brauchte für seinen Ofen, dann ging er einfach in den Wald und fällte welches. Das machten sie damals alle so in Dürrenroth im Bezirk Trachselwald im Schweizer Kanton Bern. Und genau das war das Problem.
Denn nicht nur der Jakob Marti und seine Freunde, die Alteingesessenen, durften Wald und Weide benutzen, sondern auch die Neuzugezogenen - und die wurden immer mehr. Eng war es plötzlich auf der Weide und licht im Wald. Streit brach aus zwischen den Dorfbewohnern, die ihre Kühe nicht mehr satt bekamen. Der zuständige Schaffner Samuel Glasner musste einschreiten. Und das Ergebnis war, dass jeder Bauer seine eigene Wiese einzäunen durfte und von nun an jeder Herr über die eigenen Grashalme war.
Der Gemeinde-Acker lebt weiter
Im Jahr 1596 war das gewesen. Während der folgenden dreihundert Jahre folgten viele Dörfer diesem Beispiel. Die Gemeinde-Äcker wurden aufgelöst, sie galten als altmodisch, angestaubt und deshalb abwrackreif. Schon der griechische Philosoph Aristoteles hatte beobachtet, dass „dem Gut, das der größten Zahl gemeinsam ist, die geringste Fürsorge zuteil wird“. Zu Deutsch: Wenn etwas allen gehört, dann gehört's niemandem. Dann muss sich auch niemand kümmern oder einschränken. Eigentum verpflichtet, Gemeintum eben nicht - Hauptsache, die eigenen Kühe werden satt. Man nennt das „die Tragödie des Gemeindeackers“.
Dummerweise sieht die Wirklichkeit heute ganz anders aus. Die Alpen sind weder von einem schwarz-weiß muhenden Millionenheer kahlgefressen, noch glaubt jemand, dass das droht. Mehr noch: Auch die Gemeinschaftswiesen sind nicht verschwunden. Im Gegenteil: Die Gemeindealm lebt. Jedes Jahr im Herbst treiben die Bauern in vielen Alpengegenden ihr Vieh von der Alm ins Dorf hinunter. Sie schmücken ihre Kühe aufwendig. Aus jeder Bauernfamilie muss einer mit, wenn keiner Zeit hat, ist sogar ein Obolus fällig. Anschließend begießen sie den Almabtrieb mit ausreichend Bier im Dorfgasthaus zu zünftiger Musik.
Zu viele Rinder auf die Weide schicken? „Das macht man nicht“
Was denn nun? Funktionieren Gemeinschaftsgüter jetzt doch, obwohl sie eigentlich gar nicht sein dürften? Eine Politikwissenschaftlerin namens Elinor Ostrom wollte das genau wissen und verließ den Elfenbeinturm, um überall auf der Welt anzuschauen, wie die Menschen im Kleinen verwalteten, was allen gehört und wofür per Gesetz niemand im Besonderen zuständig ist. Jahrzehntelang war Olstrom unterwegs, schrieb alles auf und stellte fest: Der Gemeinde-Acker funktioniert unter bestimmten Bedingungen sehr gut - gerade auch auf der Alm in den Bergen.
„Wir haben seit vielen Jahren eine solche Gemeinschaftsalm“, sagt der Bauer Johann Mangold aus dem kleinen Eschenlohe bei Garmisch, unweit der Zugspitze. „Und es funktioniert gut.“ Mehr als 200 Kühe treiben die Bauern von Eschenlohe jedes Jahr auf die „unverteilten Gemeindegründe“, wie die Wiesen hoch droben in den Bergen offiziell heißen. Sie gehören der Gemeinde. Die Bauern haben nur ein gemeinschaftliches „Weiderecht“. Wie es sich für ein ordentliches bayerisches Dorf gehört, ist das Ganze institutionalisiert: Schon 1912 haben die Bauern von Eschenlohe einen Verein gegründet, in dem abgesprochen wird, wer wie viele Kühe hochtreiben darf, damit die Alm nicht überweidet wird. Streit gibt es zwar manchmal, wird aber rasch beigelegt. „Der Streit liegt im Bier“, sagt Mangold. Bis jetzt habe man sich noch immer einigen können.
Alpenbauern sind gar nicht so egoistisch
Sogar einen Hirten haben die Bauern eingestellt. Der lebt mit seiner Familie im Sommer oben auf der Alm und sorgt dafür, dass alles in Schuss bleibt und keine Tiere abstürzen. Bezahlt wird er von allen Bauern gemeinsam. Probleme, dass das Gras irgendwann weggefressen ist, haben die Bauern von Eschenlohe nicht. „Kein Bauer schickt da übertrieben viele Rinder auf die Weide“, sagt Mangold. „Das macht man nicht.“ Die Größe der Herde ist seit Jahren etwa gleich geblieben. Das mit dem Gemeinde-Acker klappt also doch. Menschen können ihn, und zwar egal ob's eine Wiese, ein Waldstück oder ein Fluss ist, auch so behandeln, dass er erhalten bleibt. Bestimmte Regeln sind dafür fast immer wichtig, ganz gleich, ob sie aufgeschrieben oder weitergesagt worden sind. Größe zahlt sich hier nicht aus, denn nur wenn jeder jeden kennt, droht Fieslingen, dass sie niemand mag - was oft stärker wirkt als ein komplizierter Gesetzestext. Offenbar sind die Menschen (oder wenigstens die klugen Alpenbauern) weniger egoistisch, als man denkt. Sie hegen und pflegen ihr Gemeingut, ohne dass es dafür den Staat braucht. „Ein einziges Lösungsprinzip für alle Probleme existiert aber nicht“, sagt der Sankt Gallener Wirtschaftswissenschaftler Martin Kolmar. Die einen machen es so, die anderen anders.
Und die einen sind erfolgreich, die anderen nicht. Nicht nur auf der Alm. Der amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamond hat gezeigt, warum ganze Gesellschaften untergegangen sind, während andere lange bleiben. Sein Ergebnis: Die „verschwundenen“, etwa die Bewohner der Osterinseln, haben zumeist ihren Gemeinde-Acker übernutzt. Die Osterinsulaner fällten ihre Bäume zu schnell - und hatten am Ende kein Holz mehr, um Kanus zu bauen oder Öfen zu befeuern.
Viele kleine Privathimmel sind unrealistisch
Sogar für die allergrößten Herausforderungen der Menschheit wie etwa die Kohlendioxidverschmutzung der Atmosphäre oder die Überfischung der Ozeane taugt dieses lokale und dezentrale Wissen. Denn wenn jeder so viel CO2 emittiert, wie er will, dann gibt's im Himmel bald so ein großes Gedrängel wie auf der Alm, auf der zu viele Kühe grasen. Und auch den Fisch, den einer fängt, kann kein anderer angeln. Viele kleine Privathimmel oder -ozeane „einzuzäunen“ ist schlicht nicht realistisch. Nicht mal eine Weltregierung, die ein Weltgesetz erlassen könnte, gibt es.
Deswegen werden sich in diesen Fällen die Staaten wohl oder übel ebenfalls zusammensetzen und die Probleme lösen müssen. Ganz so, wie es die Bauern von Eschenlohe mit ihrer Alm gemacht haben. Oder wie der Bauer Jakob Marti.
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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