21.03.2010 · Zentralbanken retten kranke Banksysteme. Die Bank of England war Ende des 19. Jahrhunderts in dieser Disziplin der Pionier. Diese Retter-Funktion ist zwar erfolgreich, war aber schon damals keineswegs unumstritten.
Von Gerald BraunbergerOverend, Gurney & Co. waren Mitte des 19. Jahrhunderts eine der führenden britischen Banken und vor allem auf Geschäfte mit Wechseln spezialisiert. Ihre Führung war allerdings nicht die kompetenteste - der angesehene Wirtschaftsjournalist Walter Bagehot schrieb von einer „Verrücktheit, die die übliche Grenze der vorstellbaren Unfähigkeit überschritt“ - und so brach die Bank im Jahre 1866 zusammen, worauf in den Finanzzentren der Welt eine Panik auszubrechen drohte. Die Bank of England, die einzige Bank im Lande mit dem Recht, eigene Banknoten auszugeben, erhöhte lediglich den Leitzins auf 10 Prozent, um verängstigte ausländische Investoren davon abzuhalten, ihr Kapital aus London abzuziehen. In der Folge kollabierten zahlreiche britische Unternehmen und die Wirtschaft fiel in eine Rezession.
Baring Brothers and Company war Ende des 19. Jahrhunderts eine der führenden und angesehensten britischen Banken. Doch dann verlor Barings in Geschäften mit argentinischen Anleihen hohe Summen und drohte im Jahre 1890 zusammenzubrechen, was vermutlich eine schwere Finanzkrise ausgelöst hätte. Die Bank of England organisierte ein aus 100 Mitgliedern bestehendes Konsortium, das Barings ohne Erschütterungen abwickelte.
Endlich eine Instanz, die den Zusammenbruch verhindern konnte
Die Bank of England war „Bank der Banken“ und zum „Geldgeber der letzten Instanz“ geworden und damit zu einem Vorbild für Zentralbanken in anderen Ländern. Nun gab es im Falle einer schweren Finanzkrise endlich eine Instanz, die den Zusammenbruch des gesamten Bankensystems durch Bereitstellung von Geld verhindern konnte.
Für die Rolle des Geldgebers der letzten Instanz war zum einen die Fähigkeit notwendig, innerhalb kurzer Zeit sehr hohe Beträge bereitzustellen. Das können Zentralbanken, weil sie für das in ihrem Lande oder Währungsgebiet kursierende Geld ein Ausgabemonopol besitzen. Heutzutage, wo das Geld ganz überwiegend nur noch virtuell existiert, kann eine Zentralbank per Knopfdruck auf einem Computer Abermilliarden erschaffen. Die Rechtfertigung für ein solches Handeln liefert das Systemrisiko, das mit dem Zusammenbruch bedeutender Banken verbunden ist: Kippt eine große Bank um, drohen die anderen Banken wegen der engen Vernetzung der Institute wie Dominosteine umzukippen. Sobald wieder Ruhe in das Banksystem eingekehrt ist, kann die Zentralbank das zur Sicherung der Zahlungsfähigkeit in der Krise bereitgestellte Geld wieder von den Banken zurückfordern.
Wie eine Zentralbank als Geldgeber der letzten Instanz agieren sollte, hat schon Walter Bagehot in seinem Buch „Lombard Street“ im 19. Jahrhundert beschrieben: Wenn eine Zentralbank sich veranlasst sieht, das Banksystem mit zusätzlichem Geld vor dem Zusammenbruch zu bewahren, solle die Zentralbank das Geld reichlich zur Verfügung stellen. Halbherziges Eingreifen schade mehr als es nützt.
Keinesfalls darf eine einzelne Bank gerettet werden
Genauso wichtig ist Bagehots Forderung, wonach die Zentralbank lediglich das Ziel verfolgen soll, den Kollaps des gesamten Banksystems durch vorübergehende Hilfen zu verhindern. Keinesfalls dürfe die Zentralbank eine einzelne Bank, die schlecht gewirtschaftet hat, von ihren Verlusten befreien. So agierte die Bank of England im Falle von Baring Brothers: Sie half, mit anderen Banken das dem Untergang geweihte Bankhaus abzuwickeln und stabilisierte gleichzeitig das britische Banksystem.
Die Rolle der Zentralbank als Geldgeber der letzten Instanz hat lange Zeit keine Rolle mehr gespielt. In der laufenden Finanzkrise jedoch haben sich die großen Zentralbanken veranlasst gesehen, mehrere Billionen Euro zur Verfügung zu stellen, um einen Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems vor allem nach dem Kollaps von Lehman Brothers zu verhindern. Ansonsten wären möglicherweise alle Banken umgefallen mit unabsehbaren Folgen für die gesamte Wirtschaft.
Der aktuelle Fall ist sehr lehrreich: Zum Zeitpunkt der Krise befand sich innerhalb des Banksystem genügend Geld für die Abwicklung des Zahlungsverkehrs. Nun gibt es immer Banken, die aus ihrem Geschäft einen Geldüberschuss erzielen und andere, aus deren Geschäft ein Geldbedarf entsteht. Im Normalfall leihen nun die Überschussbanken den Banken mit einem Geldbedarf diese Mittel. In der Krise jedoch verloren die Banken das Vertrauen untereinander, worauf sich die Überschussbanken weigerten, den Banken mit Geldbedarf die notwendigen Mittel zur Verfügung zu stellen.
Es ging darum, eine schwere Marktstörung zu überwinden
Hier nun griffen die Zentralbanken als Geldgeber der letzten Instanz ein und sorgten durch die Bereitstellung zusätzlichen Geldes dafür, dass die Banken mit Geldbedarf ihre Geschäfte weiterbetreiben konnten. Es ging nicht darum, verlustträchtige und konkursreife Banken zu retten - die allermeisten Banken mit Geldbedarf waren wirtschaftlich völlig gesund. Es ging darum, eine schwere Marktstörung zu überwinden.
Die Rolle der Zentralbank als Geldgeber der letzten Instanz wird überwiegend positiv gesehen. Gleichwohl existiert schon seit dem frühen 19. Jahrhundert Kritik an diesem Konzept. Eine Fundamentalkritik hält unser gesamtes Geldsystem mit einer als Staatsmonopolist agierenden Zentralbank und Geschäftsbanken mit hohem Freiheitsgrad in der Kreditgewährung für eine Fehlkonstruktion und Auslöser der großen Krisen.
In dieser Sichtweise ist dann natürlich auch die Rolle der Zentralbank als Retter des Banksystems inakzeptabel, weil sie selbst als Verursacher der Krise wahrgenommen wird. Diese Fundamentalkritik ist ebenso alt wie die von ihr präsentierten Alternativen, darunter Edelmetallwährungen. Sie nimmt auf aktuelle Debatten aber keinen spürbaren Einfluss.
Die gemäßigtere Form der Kritik will nicht das gesamte Finanzsystem ändern. Sie sieht zwar auch in falscher Geldpolitik und suboptimalen Aufsichtsregeln Ursachen für die Krise, die zum Einsatz der Zentralbank als Geldgeber der letzten Instanz führt. Sie hält allerdings Verbesserungen des aktuellen Regelwerks für notwendig. Bemerkenswert erscheint, dass die heute ausgetauschten Argumente für und wider optimale Geldordnungen im Kern nicht weiter sind als die Debatten im England des 19. Jahrhunderts.
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
Jüngste Beiträge
Sollen Kinderlose einen „Solidarzuschlag" zahlen?