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Serie: Wie wir reich wurden (20) Die Erfindung des Eigentums

05.02.2010 ·  Lange lebten die Menschen als Jäger und Sammler. Dann wurden sie sesshaft. Die neolithische Revolution brachte die große Wende. Das eigentlich Revolutionäre war der Übergang zu einer neuen Qualität des Eigentumsrechtes.

Von Werner Abelshauser
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In der älteren Steinzeit, dem Paläolithikum, lebten die Menschen über eine Million Jahre als Jäger und Sammler. Zahlreiche Funde in steinzeitlichen Höhlen, etwa im Tal der Dordogne, sprechen für ein gewisses kulturelles Niveau. So verweisen üppige Venusfiguren auf eine hohe Bedeutung des Fruchtbarkeitskults, Grabfunde auf einen ausgeprägten Totenkult. Materiell unterscheiden sich die Menschen aber kaum in ihrer Lebensweise von den Tieren.

Dies änderte sich erst vor etwa 10.000 Jahren, als die Menschen in der Jungsteinzeit von der aneignenden zur produzierenden Wirtschaftsweise übergingen. Der Historiker V. Gordon Childe hat diesen Umbruch als "neolithische Revolution", beschrieben. Die Landwirtschaft und in ihrem Gefolge das Handwerk sowie andere Arten der materiellen Produktion lösen die Jagd und die nomadische Suche nach essbaren Früchten ab.

Wichtigster Schauplatz des Geschehens war das Gebiet des "Fruchtbaren Halbmondes", eines sichelförmigen Streifens von Jericho in Palästina über das westliche Anatolien bis ins Zweistromland des heutigen Iraks. Aber auch in Mittelamerika, Peru und Nordchina finden wir frühe Zeichen dieser Umwälzung. Die Durchsetzung der neuen Wirtschaftsweise zog sich über Jahrtausende hin. Das Revolutionäre liegt aber nicht in der Sache selbst, sondern in ihrer institutionellen Ausprägung als vorherrschende Produktionsweise.

Siedlungen erreichen 300 bis 400 Köpfe

Über die Ursachen dieser ersten wirtschaftlichen Revolution gibt es plausible Vermutungen: Neue Bedingungen stellten die Menschen vor die Entscheidung, wo das Grenzprodukt der Arbeit höher lag, in der Jagd oder im Ackerbau. Ein größerer Arbeitseinsatz in der Jagd führt zu abnehmenden Erträgen, weil der Tierbestand biologisch determiniert ist. Dagegen ist bebaubares Land im Überfluss vorhanden, so dass es dort zu konstanten Skalenerträgen kommt. Die wirtschaftliche Wohlfahrt der Horde zu maximieren wurde zur Überlebensfrage.

Der Preis dafür war hoch. Mussten Jäger und Sammler zwei bis drei Stunden täglich arbeiten, waren es jetzt zehn. Auf der Suche nach den Auslösern begegnen wir den üblichen Verdächtigen: Eine Theorie sieht sie in Klimaänderungen am Ende der Eiszeit. Einerseits sterben viele Großtierarten, wie das Mammut, aus. Andererseits schaffen steigende Temperaturen fruchtbare Kernzonen, in denen die Menschen Pflanzen und Tiere domestizieren. Andere Erklärungsansätze machen das Wachstum der Bevölkerung und den daraus resultierenden Konkurrenzkampf um dieselben Gazellenherden zum Ausgangspunkt.

Die paläolithische Gesellschaft ist statisch. Allein schon, weil Frauen auf beschwerlichen Wanderungen jeweils nur ein Kind tragen können. Jäger und Sammler leben daher in Gruppen von 20 bis 25 Menschen. Dagegen wächst die neolithische Gesellschaft jährlich um bis zu ein Prozent. Ihre Siedlungen erreichen so 300 bis 400 Köpfe. Städte bringen es auf 5000 bis 20.000 Einwohner. Das ist im Kampf um Jagdreviere und bei der Verteidigung des Lebensraums ein entscheidender Vorteil.

In der Jagd herrscht Gemeineigentum - in der Landwirtschaft Exklusiveigentum

Geschichtsmächtig sind aber die Eigentumsrechte, die beide Produktionsweisen unterschiedlich ausprägen: In der Jagd herrscht Gemeineigentum mit relativ geringen Anreizen für den Einzelnen, Innovationen durchzusetzen. Landwirtschaft läßt sich dagegen von Anfang an kaum ohne exklusives Gemeinschaftseigentum denken, das Dritte von der Nutzung der Erträge ausschließt.

Hier liegt das eigentlich Revolutionäre. Der Übergang zu einer neuen Qualität des Eigentumsrechtes bedeutet ganz grundlegende Verschiebungen der Anreizstruktur: hin zum Erwerb von Wissen, zur Aneignung neuer Verfahren und zu Investitionen, die zu Lasten des Konsums gehen. Das erklärt den raschen Fortschritt, den die Menschen in der kurzen Zeitspanne seit dieser ersten wirtschaftlichen Revolution gemacht haben, im Vergleich zu ihrer langsamen Entwicklung davor.

Je anspruchsvoller die Landwirtschaft und je intensiver der Handel, desto rascher etablierte sich der Staat, um gewaltige Bauten zur Bewässerung der Felder zu organisieren oder die Kosten der Marktnutzung, die Transaktionskosten, niedrig zu halten. Kodifiziertes Recht schuf schließlich die Grundlage für individuelle Eigentumsrechte sowohl an Produktionsfaktoren wie an den Produkten.

Ein neuer Blick auf die industrielle Revolution

Steht unsere Wirtschaft also immer noch auf steinzeitlichen Grundlagen? Ja und nein. Seit dem 19. Jahrhundert gehörte es zum Weltbild, in der industriellen Revolution des späten 18. Jahrhunderts einen Bruch zu sehen, der unser Wirtschaftsleben seitdem bestimmt. Die Industriewirtschaft der Moderne unterscheidet sich total von der Wirtschaft der traditionalen Agrargesellschaft. Selbsttragendes Wirtschaftswachstum oder technischer Fortschritt von der Dampfmaschine bis zum Computer schienen bis in die jüngste Vergangenheit in immer neuen industriellen Revolutionen den Schlüssel zum Verständnis der wirtschaftlichen Entwicklung zu liefern.

Wirtschaftshistoriker zweifeln freilich schon lange an der Funktion der industriellen Revolution als Wasserscheide der wirtschaftlichen Entwicklung. Ihr revolutionärer Charakter hat sich unter dem akribischen Blick der Forscher weitgehend verflüchtigt. Sie gilt heute eher als Fluchtpunkt einer langen Modernisierungsphase denn als Ausgangspunkt für radikal Neues.

Nun hat die Forschung aber längst ein anderes wirtschaftliches Weltbild herausgearbeitet: die zweite wirtschaftliche Revolution, so wie es Douglass C. North formuliert hat. Der Nobelpreisträger und seine dynamische Denkschule, die Institutionenökonomik, knüpfen unmittelbar an die neolithische Revolution an, wenn sie im späten 19. Jahrhundert eine neue metaepochale Zäsur ausmachen.

Dort seien Wirtschaft und Wissenschaft erstmals ein produktives Verhältnis eingegangen. Es löste die materielle Produktionsweise zugunsten der immateriellen ab. Wie vor 10.000 Jahren können so gewaltige Produktivitätsreserven mobilisiert werden, die die Welt verändern. Seitdem sind auf der Weltuhr nur wenige Sekunden vergangen, und doch sind völlig neue, nachindustrielle Institutionen entstanden, die weitere Wege zum Wohlstand öffnen. Der institutionelle Wandel, wie ihn die neolithische Revolution brachte, ist dadurch aber nicht obsolet.

Werner Abelshauser lehrt Wirtschaftsgeschichte an der Universität Bielefeld und ist einer der Direktoren des Instituts für Weltgesellschaft.

Quelle: F.A.S.
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