24.11.2009 · Ein verzweifelter Universitätsprofessor gab den Anstoß: Mit einer ungewöhnlichen Aktion lockte er hunderte Technik-Pioniere in den amerikanischen Westen. Das brachte Wohlstand für Kalifornien und die ganze Welt.
Von Patrick BernauWürde diese Geschichte irgendwo anders auf der Welt spielen, kein Mensch würde sie glauben. Aber im Silicon Valley ist sie tatsächlich passiert: Der 12 Jahre alte Steve soll für die Schule einen Frequenzzähler bauen, hat aber keine Teile. Jemand rät ihm, William Hewlett anzurufen, den Gründer des Computerriesen Hewlett-Packard (HP).
Steve findet im Telefonbuch einen „William Hewlett“, ruft ihn an - und Hewlett plaudert tatsächlich 20 Minuten mit ihm und packt dem kleinen Steve anschließend die benötigten Teile in eine Tasche. Der kleine Steve heißt mit Nachnamen Jobs, arbeitet später in den Ferien bei HP und gründet schließlich mit einem HP-Kollegen die Computerfirma Apple.
Flache Hierarchien, die Begeisterung für Technik und enorme Innovationskraft - das macht den Mythos des Silicon Valley aus. Das Tal auf einer Landzunge südlich von San Francisco gehört zu den stärksten wirtschaftlichen Kraftzentren der Welt. Erfinder aus dem 80 Kilometer langen Streifen melden jährlich mehr Patente als ganz Baden-Württemberg. Der Mythos des Tales ist so groß, dass Politiker und Unternehmer weltweit den Erfolg kopieren wollen. Wie groß die Vorbildfunktion des Silicon Valley ist, verrät Wikipedia: Dort sind 35 Regionen weltweit aufgelistet, die nach dem Silicon Valley benannt wurden: Vom „Silicon Cape“ nahe Kapstadt über die „Dubai Silicon Oasis“ bis zum „Silicon Saxony“ in der Nähe von Dresden.
Ständig zog der begabte Nachwuchs in den Osten
Das Silicon Valley selbst zeigt seinen Stolz dagegen kaum. Auf einer schlichten Metalltafel an einer Garage in der Stadt Palo Alto steht heute, dies sei der Ursprung des Silicon Valley. In dieser Garage entwickelten Bill Hewlett und Dave Packard von 1939 an einen Oszillator, der Töne einer bestimmten Frequenz erzeugen kann.
Dabei waren diese beiden gar nicht die wichtigsten Köpfe der Region. Das war ihr Professor an der Universität Stanford: Frederick Terman, Sohn des Erfinders des Intelligenz-Quotienten. Terman war Ingenieur mit außerordentlichem Interesse an der Praxis. Seine Lehrbücher waren Bestseller. Terman rief regelmäßig in großen Konzernen an, um zu erfahren, welche Methoden die wichtigsten waren.
Doch eines trieb ihn zur Verzweiflung: Ständig zogen seine Absolventen in den Osten der Vereinigten Staaten, weil es dort bessere Stellen gab. Schließlich bestand die Gegend rund um Stanford nur aus Obstplantagen. Auch die Universität war auf einem riesigen Acker errichtet worden.
Hewlett Packard war erst der Anfang
So zog es 1935 David Packard, einen von Termans liebsten Absolventen, in den Staat New York, weil Packard dort eine Stelle bei General Electric bekam. Terman hätte Packard lieber als Firmengründer in der Nähe von Stanford gesehen. Er machte sich zunutze, dass Packards Frau aus San Francisco stammte, und holte Packard zurück. Als Packard dann gemeinsam mit Bill Hewlett die Firma HP gründete, machte der Professor Werbung für die beiden und besorgte ihnen die ersten Kunden. Zu denen gehörten Radiostationen und ein Militärflughafen.
Doch aus der jungen Firma HP allein wäre noch kein Silicon Valley entstanden, hätte Fred Terman seine Mission nicht weiter verfolgt. Seine beste Idee hatte er in den späten 40er Jahren, als seine Universität dringend Geld brauchte. Land hatte sie noch reichlich. Also vermietete Terman den Boden von 1951 an - und zwar bevorzugt an junge Firmengründer. Ein Gründerzentrum mit bestem Universitätsanschluss entstand: der „Stanford Industrial Park“. Der zog HP an, General Electric und Kodak. Um sie herum ließen sich weitere Firmen nieder.
Mit diesem Erfolg im Rücken konnte Fred Terman auch den Miterfinder des Transistors in die Gegend locken, William Shockley, der in Palo Alto aufgewachsen war und bei Bell Laboratories arbeitete. Shockley gründete eine eigene Firma, in der er den Halbleiter Silizium (englisch: „Silicon“) zur Marktreife entwickeln wollte. Shockley selbst hatte wenig Erfolg. Als Chef war er misstrauisch und cholerisch, die Arbeit seiner Mitarbeiter ließ er von Ex-Kollegen im Bell-Labor prüfen. Als er seine Angestellten auch noch mit Lügendetektoren überprüfen wollte, hatten sie genug - und kündigten.
Große Tradition, selbst Firmen zu schaffen
Das war gut für das Valley. Denn Shockleys ausgestiegene Mitarbeiter gründeten eigene Firmen. Sie schufen „Fairchild Semiconductor“, deren Mitarbeiter wiederum gründeten die Chipriesen Intel und AMD. So wurde die Landzunge zwischen der Bucht von San Francisco und dem Pazifischen Ozean zum Geburtsort der Siliziumchips und erfreute sich der Kultur des ständigen Gründens.
Fairchild Semiconductor schenkte der Welt nicht nur weitere Chipfirmen, sondern auch die beiden großen Risikokapital-Fonds KPCB (Kleiner Perkins Caufield & Byers) sowie Sequoia Capital, die dann die Gründung vieler weiterer Firmen finanzierten. Das war 1972.
Damals hatte das Silicon Valley schon alles, was andere Regionen heute nachahmen wollen: Hochtechnologiefirmen, einen intensiven Austausch mit einer renommierten Universität, Kapital für mutige Gründer und die Tradition, selbst Firmen zu schaffen.
Die Helden finanzierten die Nachfolger
Immer wieder kamen neue, mutige Gründer hinzu. In den 80ern wurde zwar die Chipindustrie totgesagt, doch schon entstanden Software-Firmen wie Oracle, Sun und der Spielehersteller Electronic Arts. Als die ihren größten Boom hinter sich hatten, kamen die Internetfirmen Yahoo, Ebay und Google. Die jüngste Welle sind die „Web 2.0“-Firmen wie Facebook - auch dessen Zentrale liegt inzwischen in dem Bürozentrum nahe der Universität, das heute „Stanford Research Park“ heißt.
Und die Helden der einen Technologie-Welle finanzierten häufig die Gründungen ihrer Nachfolger. Sun-Gründer Andreas von Bechtolsheim zum Beispiel: Der hatte zwar nur zehn Minuten Zeit, ließ sich aber von einer neuen Internet-Suchmaschine überzeugen und schrieb schnell einen Scheck über 100.000 Dollar für „Google, Inc.“. Daraufhin mussten Larry Page und Sergej Brin diesen Firmennamen erst schleunigst ins Handelsregister eintragen lassen, um den Scheck einlösen zu können.
Nur eines wurde nicht im Silicon Valley erfunden: der Name. Den gab die amerikanische Ostküste dem Tal. Es waren die Geschäftsleute, die in den 70ern immer häufiger von New York an die Westküste reisen mussten.
Patrick Bernau Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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