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Wie wir reich wurden Porzellan für die Kasse des Kurfürsten

 ·  In Meißen wurde das erste Porzellan Europas hergestellt. Für August den Starken wurde es zum Exportschlager.

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Die Geschichte von Johann Friedrich Böttger entbehrt einer gewissen Tragik nicht. Um das Jahr 1700 war es dem Spross einer weitverzweigten Goldschmiedefamilie, der in Berlin eine Apothekerlehre gemacht hatte, gelungen, Silber in Gold zu verwandeln - oder es zumindest so aussehen zu lassen. Als das dem Preußenkönig Friedrich I. zu Ohren kam, ließ der nach ihm fahnden. Gold konnte ein Staat schließlich nie genug haben.

Böttger entfloh dem preußischen Zugriff jedoch ins sächsische Wittenberg. Offenkundig vertraute er den eigenen Gaukeleien nicht - und fürchtete, wohl nicht ganz zu Unrecht, den Zorn des Monarchen.

Der König wollte Gold - und bekam Porzellan

In Sachsen aber kam Böttger vom Regen in die Traufe: Dort regierte August der Starke, sächsischer Kurfürst und König von Polen. Zu seiner Art, Stärke zu demonstrieren, gehörten eine rege Bautätigkeit (ein Großteil des barocken Dresden stammt von ihm), ein großes stehendes Heer (es waren viele Kriege zu führen, etwa gegen Frankreich oder Schweden) und eine äußerst prunkvolle Hofhaltung. Das alles war teuer: Kein Wunder, dass der Kurfürst den vermeintlichen Goldmacher Böttger inhaftieren ließ. Auch er hoffte auf Kunst-Gold zur Sanierung seiner Staatsfinanzen.

Ausgerechnet diese Haftzeit Böttgers jedoch führte zu einer Erfindung, die nachhaltig die Geschichte nicht nur Sachsens, sondern ganz Europas beeinflussen sollte: der Entdeckung des Verfahrens, wie man feines Porzellan herstellt. In China war es seit Jahrhunderten bekannt, in Europa aber bis dahin nicht herausgefunden.

Geburtsstunde eines Exportschlagers

Für Sachsen sollte diese Erfindung die Geburtsstunde eines Exportschlagers bedeuten - für Europa aber eine neue Tischkultur, ein Kult der Zierlichkeit, ein Schritt zur Zivilisierung des Alltags.

Wie viele Dinge, so wurde auch das Porzellan dabei nicht an einem Tag erfunden. Es war der sächsische Hofphysiker und Kurfürstliche Rat Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, dem es gelang, den sächsischen Kurfürsten von der Fixierung aufs künstliche Gold abzubringen - und den mit den modernen chemischen Techniken erfahrenen Böttger für die eigene Forschung einzuspannen: den Versuch, feines Porzellan, wie es bis dahin mit unendlichem logistischem Aufwand aus China importiert wurde, auch in Europa herzustellen.

In mehreren Stufen, zwischen 1707 und 1710, glückte das Experiment. Der 23. Januar 1710 gilt dann als offizielles Gründungsdatum der ersten europäischen Porzellanmanufaktur im sächsischen Meißen, deren Nachfolge-Institution bis heute besteht. Sie ist für die gekreuzten blauen Schwerter auf der Unterseite des Porzellans berühmt. Das Symbol wird häufig auch als die älteste Handelsmarke bezeichnet, die ununterbrochen noch im Einsatz ist.

Burgmauern als Schutz vor Spionage

Zunächst war der Standort der Manufaktur die spätgotische Albrechtsburg. Deren Mauern sollten das Geheimnis der Porzellanrezeptur vor Betriebsspionage sichern: keine vollkommen unberechtigte Furcht, wie sich noch herausstellen sollte. Später wurde die Produktion dann ins nahe gelegene Triebischtal verlegt.

Vermarktet wurde das Porzellan zunächst über die Leipziger Messe. Zielgruppe waren vor allem die Adeligen und Höfe, die bis dahin weitgehend auf Silbergefäße oder Porzellan aus China zurückgreifen mussten. Innerhalb weniger Jahre wurde das sogenannte weiße Gold zu einem der wichtigsten Exportgüter Sachsens.

Ein Beispiel dafür, wie teuer chinesisches Porzellan in jener Zeit sein konnte, ist ein Tauschgeschäft Sachsens mit Preußen aus dem Jahre 1717. Für 151 große chinesische Vasen und andere Porzellan-Gegenstände der Kangxi-Ära gab der sammelbegeisterte Sachsen-Kurfürst dem preußischen König immerhin 600 Landeskinder einschließlich Pferden und Ausrüstung als Dragoner-Regiment: Das war für Landesherren der damaligen Zeit ein Vermögen.

Der nachfolgende Siegeszug des Porzellans war eng verknüpft mit dem Prinzip des Merkantilismus. Vielen Fürsten jener Zeit, die im kleinteiligen Heiligen Römischen Reich deutscher Nation in scharfem Wettbewerb zueinander standen, förderten das Aufkommen von Manufakturen auf ihrem Territorium, um an Exportartikel zu kommen. Und zwar möglichst an luxuriöse, die es in anderen Ländern noch nicht gab und für die sich dementsprechend höhere Preise erzielen ließen. Ein Überschuss der Exporte über die Importe in der Handelbilanz sollte die Goldvorräte des Landes mehren und so für die nötigen Mittel für Kriege und eine feudale Hofhaltung sorgen.

So dachte es sich der sächsische Kurfürst - nicht ohne Erfolg. Meißen wurde zum Synonym für Porzellan, wie Jahrhunderte später Tempo für Taschentücher.

Das sächsische Monopol hielt nur wenige Jahre

Für einige Jahre immerhin hatten die Sachsen sogar ein Monopol auf die Porzellanproduktion in Europa, bevor in Wien die zweite Manufaktur aufmachte. Nicht zufällig entstand sie in unmittelbarer Nähe eines anderen wichtigen Herrscherhauses, der österreichischen Kaiser.

Dem österreichischen Hofkriegsratsagenten Claudius Innocentius du Paquier gelang es 1718, das Geheimnis der Sachsen auszuspionieren: Er warb dafür über den österreichischen Gesandten einige Mitarbeiter der Meißener Porzellan-Manufaktur ab. Unter ihnen war Samuel Stöltzel, ein Arkanist (von lat. "arcanum", Geheimnis), wie man die frühen Porzellan-Chemiker nannte. Stöltzel gelangte zu trauriger Berühmtheit: Er floh auch aus privaten Gründen nach Wien - er hatte in Sachsen eine Frau geschwängert. Die Österreicher sagten ihm ein Jahresgehalt von 1000 Gulden, eine freie Wohnung und eine Kutsche samt Gespann zu. Dafür sollte er sich für zehn Jahre verpflichten.

Solange blieb Stöltzel jedoch nicht: Schon ein Jahr später kehrte er reumütig nach Meißen zurück - nicht ohne vorher die Wiener Brennöfen zerstört und die Porzellan-Masse unbrauchbar gemacht zu haben. Vorher schon war Böttger gestorben - wie es heißt, an den Folgen seiner Experimente mit giftigen Stoffen.

Menschliche Dramen, die zeigen, wie wichtig Europas Herrschern in jenen Zeiten der Kampf um das sogenannte weiße Gold war. Das sollte sich dauerhaft erst mit der Industrialisierung ändern, als aus dem Tischgeschirr der feinen Leute eine Massenware für das Volk wurde. Handgefertigtes Porzellan aus Meißen allerdings hat sich bis heute ein wenig vom Glanz jener Jahre bewahrt.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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