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Was ist schiefgelaufen? Die Ökonomen in der Sinnkrise

05.04.2009 ·  Den Crash der Weltwirtschaft hat kaum ein Volkswirt vorhergesehen. Wozu brauchen wir diese Wissenschaft noch? Das Fach sucht nach einem neuen Selbstverständnis.

Von Lisa Nienhaus und Christian Siedenbiedel
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Es ist erstaunlich, dass alles trotzdem weitergeht. Während so manches Unternehmen sich weigert, überhaupt noch einen Ausblick auf das laufende Geschäftsjahr zu wagen, scheint die Vorhersage für die gesamte Volkswirtschaft weitaus einfacher zu sein. Die professionellen Prognostiker jedenfalls machen weiter. Komme, was da wolle, sie geben ihr Votum ab. Minus drei Prozent, minus vier Prozent, minus fünf Prozent: Munter korrigieren sie das Wachstum nach unten - mit gewohnter Verve und Überzeugung.

Ein Frechdachs, wer nachzuschlagen wagt, was sie vor einem Jahr gesagt haben. Doch aufschlussreich ist es in jedem Fall. Anfang 2008 war die Welt nämlich noch in Ordnung. Die Ökonomen sprachen von einer Abkühlung im Jahr 2009. Ein Wachstum von 1,2 Prozent, 1,5 Prozent, 1,8 Prozent sei zu erwarten, hieß es damals, aber weiß Gott keine Rezession, nicht einmal Stagnation. Ach ja.

Dann kam die Krise - und mit ihr wurde offenbar, wie sehr die professionellen Prognostiker in Deutschland danebengelegen haben. Sie haben sich täuschen lassen, sind kollektiv der Illusion erlegen, die Finanzmärkte seien stabiler, als sie es tatsächlich waren. Sie haben die Kreditkrise erst nicht kommen sehen - und dann nicht geglaubt, dass sie sich zur Wirtschaftskrise auswachsen würde.

Jeder hätte warnen können

Das Versagen betrifft nicht nur die Institute der Konjunkturforscher. Es betrifft alle Ökonomen. Jeder von ihnen betrachtet die Weltwirtschaft oder Teile von ihr mit einiger Aufmerksamkeit. Jeder hätte warnen können. Doch kaum einer hat erkannt, was kommen könnte. Und die wenigen, die etwas ahnten, haben nicht laut genug um Hilfe gerufen.

Jetzt hat die Wirtschaftskrise die Ökonomen in eine Sinnkrise gestürzt. Die Debatte hat gerade erst begonnen. Die Fragen lauten: Was ist da schiefgelaufen? Und was kann Ökonomie überhaupt?

Einige Nicht-Ökonomen haben ihre Antwort schon gefunden. Der SPD-Fraktionschef Peter Struck etwa schlug Ende vergangenen Jahres vor, den renommierten Sachverständigenrat, auch Rat der fünf Weisen genannt, kurzerhand abzuschaffen. Er produziere mit seinen Prognosen sowieso "vor allem viel heiße Luft". Und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück - ein studierter Ökonom - lästert gerne, dass man von zwei Ökonomen immer mindestens zwei Ratschläge bekomme.

Viele Wissenschaftler sehen ein Versagen

Die Ökonomen selbst reagieren verschreckt: Die einen geben sich zerknirscht, die anderen behaupten, alles immer schon gewusst zu haben. Letztere nerven besonders. Denn wenn sie tatsächlich schon in ihrer Doktorarbeit vor fehlender Bankenregulierung gewarnt haben, so fragt man sich, wieso sie nicht all ihre Macht und Prominenz eingesetzt haben, die Öffentlichkeit zu warnen.

Die zerknirschten Wissenschaftler sind angenehmer - und sie sind in der Überzahl. "Ich habe versagt, weil ich die Tiefe des Abschwungs so nicht erwartet hätte", sagt etwa Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrats. Der Finanzwissenschaftler Clemens Fuest von der Universität Oxford erinnert sich an ein Gespräch, das er vor einigen Jahren mit einem hochrangigen Bankenregulierer führte. "Er sagte mir, er habe ein sehr schlechtes Gefühl, weil die Rating-Agenturen so stark mit den Firmen verbandelt sind, die sie eigentlich kontrollieren sollen", erzählt Fuest. "Ich habe das nicht ernst genug genommen."

Und Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, sagt: "Es ist eine Katastrophe. Was wir in den letzten zehn bis 15 Jahren in der Makroökonomie gemacht haben, ist durch die Krise komplett über den Haufen geworfen worden." Ein Schlag. Jetzt geht es darum, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Klar ist: Ökonomen sind keine Wahrsager. Könnten sie das Wirtschaftswachstum auf den Prozentpunkt genau vorhersagen, die Rohstoffpreise in drei Monaten korrekt prognostizieren und die Bewegung an den Aktienmärkten im Detail vorhersehen - sie wären allesamt reich.

Die Krise hat die Gräben tiefer werden lassen

Sollen die Wirtschaftswissenschaftler Prognosen also einfach bleiben lassen? Wohl kaum. Denn was die meisten Menschen an der Arbeit der Ökonomen zuerst interessiert, sind die Vorhersagen. Unternehmen brauchen sie für ihre Unternehmungen, Politiker für ihre Politik. Und Arbeitnehmer wollen wissen, ob sie Angst um ihren Arbeitsplatz haben müssen.

Wie geht es also weiter mit der Ökonomie? Eine ganze Wissenschaft sucht nach einem neuen Selbstverständnis. Die Krise hat die Gräben zwischen den verschiedenen Forschungsrichtungen, die es immer schon gab, tiefer werden lassen. Noch nicht einmal über den Gegenstand der Forschung ist man sich einig. Sollen die Ökonomen sich wie Physiker mit der Welt befassen, wie sie ist? Oder wie die Astrologen darüber spekulieren, wie sie sein wird? Oder sollen sie wie die Philosophen Regeln dafür aufstellen, wie die Welt besser werden kann?

Wie stark die Verunsicherung der gesamten Wirtschaftswissenschaften ist, zeigt ein heftiger Streit an einer der traditionsreichsten Fakultäten in Deutschland: der Universität zu Köln. Viele große Ökonomen lehrten dort als Professoren. Seit der Nachkriegszeit hatte in Köln eine ökonomische Richtung das Sagen, die mit besonderem Selbstbewusstsein auftritt: die Ordnungsökonomen. Diese Spezies, die es praktisch nur in Deutschland gibt, rühmt sich selbst, besonders kritisch mit der Politik umzugehen: Statt sich mit komplexen mathematischen Modellen aufzuhalten, arbeiten sie eher wie Philosophen. Sie leiten aus wenigen Grundsätzen wirtschaftspolitische Ratschläge für die Politik ab. Das Ergebnis geht dabei meist in dieselbe Richtung: weniger Staat, mehr Markt.

Die Ordnungsökonomen haben Angst, „ausgerottet“ zu werden

Jetzt herrscht Heulen und Zähneklappern bei den Ordnungspolitikern. Denn man will ihre altehrwürdigen Lehrstühle an andere weitergeben: an neue, junge Makroökonomen, die vor allem mit mathematischen Modellen arbeiten. Die Ordnungsökonomen selbst äußern die Angst, "ausgerottet" zu werden. Es geht um Geld und Macht - vor allem aber um Deutungshoheit.

Denn die mathematisch orientierten Makroökonomen haben nicht nur völlig andere Methoden - sie kommen auch häufig zu entgegengesetzten Ergebnissen. Eingriffe des Staates in die Wirtschaft beurteilen sie oft pragmatisch und weniger kritisch. Grund genug für die Ordnungspolitiker, zum großen Angriff zu blasen. Selbst einige emeritierte Professoren fühlten sich bemüßigt, in einem Brandbrief auf den Niedergang der Kölner Tradition hinzuweisen.

Der Kölner Professorenstreit wird nicht über die Zukunft der Welt entscheiden - aber er ist das Symptom einer grundlegenden Identitätskrise der Wissenschaft. In langen Blogs im Internet und in vielen Artikeln zeigt sich immer wieder dasselbe Bild: Eine Wissenschaft, die in der Stunde ihrer größten Herausforderung versagt hat, muss sich neu definieren.

Wirtschaftsforscher Snower etwa fordert nicht weniger als eine Revolution. "Wir stehen am Anfang einer spannenden Zeit, in der sich die Wirtschaftswissenschaft grundlegend ändern wird." Ein Richtungswechsel in einer bislang hochnäsigen Wissenschaft, die gern den "Siegeszug des ökonomischen Paradigmas in alle Wissenschaften" verkündete. Jetzt sollen die Ökonomen von ihren einst geschmähten Kollegen lernen, findet er. "Erkenntnisse vor allem aus den Neurowissenschaften, aber auch aus Psychologie und Anthropologie müssen herangezogen werden, um die Annahmen über menschliches Verhalten realitätsnäher zu machen." Sie sollen sich also von nun an mehr um das normale Leben kümmern und empirisch arbeiten.

Der Herdentrieb hat dem Fach geschadet

Längst nicht jeder Volkswirt ist der Ansicht, dass schon ein bisschen mehr Psychologie helfen wird, um künftige Krisen besser zu erkennen. So wollen einige die komplizierten Modelle lieber gleich ganz abschaffen und fordern eine Rückkehr zur eher philosophischen Ökonomie des gesunden Menschenverstands. Andere sind der Ansicht, dass die heutigen Methoden der Ökonomen durchaus ausreichen, eine Krise zu erkennen, dass die Wissenschaftler aber ihren eigenen Ergebnissen nicht getraut hätten. Die Rolle des Crash-Propheten ist vielen nicht geheuer, glaubt etwa Clemens Fuest. "Wer ein sehr unwahrscheinliches Ereignis mit katastrophalen Auswirkungen gebetsmühlenartig ankündigt, der gilt leicht als Spinner."

Das bestätigt der Mann, der es wirklich vorher gewusst hat: der amerikanische Ökonom Robert Shiller. Er sagt: "Menschen in Expertengruppen sorgen sich ständig um ihre persönliche Bedeutung und ihren Einfluss. Sie haben den Eindruck, wenn sie zu weit vom Konsens abrücken, werden sie in keine ernsthafte Position gelangen." Das Versagen der Ökonomen angesichts ihrer Jahrhundertaufgabe, einer rechtzeitigen, lautstarken Krisenwarnung, erklärt er mit dem Herdentrieb in seiner eigenen Wissenschaft - und einem unheilvollen Hang zum Dogmatismus. Dies zu verändern fordert mehr als neue Modelle.

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