Home
http://www.faz.net/-gqq-72r38
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Vom „kranken Mann“ zur „starken Frau“ Wie Altkanzler Schröder die Agenda 2010 verteidigt

War die Agenda 2010 „ein Segen“ für Deutschland? In Göttingen zog Altkanzler Gerhard Schröder nach 10 Jahren Bilanz. Im Publikum saß auch sein Intimfeind Oskar Lafontaine.

© dpa Vergrößern „Die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt sind nicht wie Manna vom Himmel gefallen“: Gerhard Schröder

War die Agenda 2010 „ein Segen“ für Deutschland, wie kürzlich ein bekannter Ökonom lobte? „So weit würde ich nicht gehen, jede Form der religiösen Überhöhung liegt mir fern“, sagte Gerhard Schröder am Montag im vollbesetzten Hörsaal der Universität Göttingen. Die Reformen hätten aber dabei geholfen, dass sich Deutschland vom „kranken Mann“, wie es in der angelsächsischen Presse hieß, „zur starken Frau“ gewandelt habe, sagte Schröder. Der Altkanzler sprach auf Einladung des Vereins für Socialpolitik, der Vereinigung der deutschsprachigen Wirtschaftswissenschaftler, auf dessen Jahrestagung. Im Publikum saßen mehrere hundert Ökonomen, die ihm größtenteils zustimmten, aber auch sein Intimfeind Oskar Lafontaine.

Philip Plickert Folgen:    

Durch die Arbeitsmarktreformen seien Verkrustungen beseitigt worden, betonte Schröder, dies habe die hohe Sockelarbeitslosigkeit abgebaut. Die Jugendarbeitslosigkeit habe sich auf 8 Prozent halbiert. Kritiker verweisen auf den Niedriglohnsektor, der entstanden sei. „Der ist politisch gewollt gewachsen“, sagte Schröder. Zugleich warb er aber für die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes.

Bilanz 10 Jahre Agenda 2010 - Gerhard Schröder © dpa Vergrößern Gerhard Schröder im Hörsaal der Universität Göttingen

Die Agenda 2010, zu der auch Steuersenkungen und Rentenreformen zählten, sei ein Vorbild für die heutigen Euro-Krisenländer, sagte Schröder. Gleichzeitig warnte er, sparen allein sei kein Mittel, um die Krise zu überwinden. „Es besteht die Gefahr, dass eine übertriebene Austeritätspolitik Volkswirtschaften stranguliert.“ Man müsse Griechenland mehr Zeit geben. Die von der Europäischen Zentralbank (EZB) angekündigten Anleihenkäufe könnten „nur begrüßt“ werden. EZB-Präsident Mario Draghi habe gegen den Widerstand Deutschlands eine „kluge Entscheidung“ getroffen. Damit der Euro bestehen bleibe, müssten die Krisenländer sich aber tiefgreifend reformieren - wie Deutschland seinerzeit.

Lafontaine: Nur noch Sozialisten im Bundestag

Während die Mehrheit der Ökonomen für Schröders Bilanz der Agenda 2010 kräftig Beifall spendete, hielt Lafontaine, der inzwischen zur Linken übergetretene frühere Finanzminister in Schröders Kabinett, einen Gegenvortrag. Über die einstige Koalition schimpfte er: „Die rot-grüne Regierung hat sich so verhalten, als sei sie von Agenten des Gegners gesteuert worden.“ Falsche Begriffe pervertierten das Denken. Statt „Arbeitsmarkt“ müsste es „Menschenmarkt“ heißen.

Arbeitskreis Real World Economics - Lafontaine © dpa Vergrößern Auch Oskar Lafontaine war da: Er musste sich bei einer Alternativ-Veranstaltung mit einem kleinen Seminarraum begnügen.

Statistiken über sinkende Arbeitslosigkeit seien manipuliert. Die Agenda 2010 habe zudem zu den Problemen anderer Eurostaaten beigetragen, für deren Lösung nun statt Anleihenkäufen direkte Kredite der EZB nötig seien. „Das deutsche Lohndumping ist einer der Gründe für die Euro-Krise“, sagte Lafontaine. In Anspielung auf staatliche Rettungspakete bemerkte er: „Wir haben nur noch Sozialisten im Bundestag, bei CDU/CSU, FDP, SPD und Grünen, denn private Schulden werden sozialisiert.“

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Bundeswehr Bundestag behält Mitspracherecht bei Auslandseinsätzen

Das Parlament wird weiterhin über jeden Einsatz der Streitkräfte im Ausland einzeln entscheiden. Die Union scheitert mit ihrem Versuch, das Verfahren zu vereinfachen. Mehr

07.12.2014, 13:26 Uhr | Politik
Bundesregierung verabschiedet die Digitale Agenda

Gestern noch Neuland, heute ganz oben auf der To-do-Liste. Am Mittwoch hat die Bundesregierung eine Digitale Agenda verabschiedet, die Deutschland in Sachen Internet an die Spitze führen soll. Um dieses Ziel zu erreichen haben sich gleich drei Ministerien zusammengetan. Mehr

20.08.2014, 16:53 Uhr | Wirtschaft
Gastbeitrag Freizügigkeit verträgt keine Engstirnigkeit

Während in Deutschland seit mehr als einem Jahrzehnt politisch und juristisch darüber gestritten wird, ob die Hartz-IV-Regelsätze gegen die Menschenwürde Mehr Von Thorsten Kingreen

10.12.2014, 16:10 Uhr | Politik
Britischer Junge mit Hirntumor jetzt in Prag

Die Odyssee des kleinen, sehr kranken Ashya King geht weiter. Am Montagmittag wurde er in ein Prager Krankenhaus eingeliefert, er kam geradewegs aus Spanien. Die nächste Station auf dem Weg des Kindes und seiner Familie, deren Schicksal in den vergangenen Tagen nicht nur die Briten umtrieb. Mehr

08.09.2014, 16:25 Uhr | Gesellschaft
Denkmalschutz in den Bergen Schätze im Hochgebirge

Die Schutzhütten in den Alpen stehen nun selbst unter Schutz: Seit Jahrzehnten nicht verändert, sind sie wertvolle Dokumente der Architektur geworden. Mehr Von Stephanie Geiger

10.12.2014, 09:24 Uhr | Stil
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 10.09.2012, 17:53 Uhr

Bescherung im Bundesrat

Von Heike Göbel

Die jüngsten Beschlüsse im Bundesrat bringen den Ländern mehr Geld. Für den Bund ist das nicht so gut. Mehr 2


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --