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Volkswirtschaftslehre Rettet die Wirtschaftspolitik an den Universitäten!

83 Professoren der Volkswirtschaftslehre verfolgen mit Sorge die zunehmenden Bestrebungen, die Lehre von der Wirtschaftspolitik an den Universitäten zurückzudrängen. Ein Aufruf.

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Mit Sorge verfolgen wir, 83 Professoren der Volkswirtschaftslehre, die zunehmenden Bestrebungen, die Lehre von der Wirtschaftspolitik an den Universitäten zurückzudrängen. Professuren für Wirtschaftspolitik sollen zweckentfremdet oder umgewidmet werden, und betriebswirtschaftliche Bachelor-Studiengänge sehen wirtschaftspolitische Lehrveranstaltungen nicht mehr vor.

Die Lehre von der Wirtschaftspolitik behandelt normativ und positiv bedeutsame Fragestellungen: Woran sollten sich die wirtschaftspolitischen Ziele (zum Beispiel in Hinblick auf Staatsanteil, öffentliche Finanzen, Verteilung, Stabilität und Ähnliches) orientieren? Welche wirtschaftspolitischen Institutionen und welche wirtschaftspolitischen Instrumente sind geeignet, bestimmte wirtschaftspolitische Ziele zu erreichen? Wie kann politökonomisch erklärt werden, weshalb wirtschaftspolitische Institutionen versagen können? Wodurch können Veränderungen in den wirtschaftspolitischen Zielen und in der Effizienz wirtschaftspolitischer Instrumente erklärt werden? Die systematische Analyse solcher wirtschaftspolitischer Fragestellungen ist ohne normative Grundlagen nicht möglich.

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In der volkswirtschaftlichen Theorie herrscht die Tendenz vor, aus jeweils gewählten Annahmen logische Schlussfolgerungen abzuleiten. Das jeweilige Ergebnis ist bereits vollständig in den Annahmen enthalten. Diese Methodik garantiert formale Rigorosität, ist aber für die Analyse realweltlicher Wirtschaftspolitik wenig geeignet. Eine gute wissenschaftliche Analyse der Wirtschaftspolitik fußt immer auf solider Wirtschaftstheorie. Aber sie geht darüber hinaus, indem sie untersucht, inwieweit die theoretisch abgeleiteten Schlussfolgerungen in der Realität anwendbar und umsetzbar sind. Dazu ist unter anderem eine Kenntnis der realen Institutionen und ihrer (Anreiz-)Wirkungen notwendig. Nur hiermit können letztlich wissenschaftlich fundierte Empfehlungen an die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger abgeleitet werden.

Zu einem Versagen in der realen Wirtschaftspolitik kommt es in der Regel nicht deshalb, weil den Entscheidungsträgern logische Fehler unterlaufen, sondern weil sie die Wirkungen ihrer Instrumente falsch eingeschätzt haben oder weil von den wirtschaftspolitischen Institutionen falsche Anreize ausgehen oder weil Verhaltensweisen bei den Wirtschaftssubjekten vorherrschen, die mit der reinen Theorie nicht übereinstimmen. Über diese Zusammenhänge zu informieren ist Aufgabe der Lehre von der Wirtschaftspolitik. Kunstfertigkeit in der Ableitung logischer Schlussfolgerungen ist manchmal nur von begrenztem Nutzen, wenn es darum geht, Realität zu verstehen und zu beurteilen.

Auch in anderen Ländern opfern immer mehr Ökonomen die Realitätsnähe ihrer Analysen dem Ziel formal-logischer Stringenz, und auch dort wird diese Tendenz in der Öffentlichkeit lebhaft beklagt. Die Vereinigten Staaten sind keine Ausnahme. Die Ökonomen ziehen sich aus der Wirklichkeit zurück, weil die Karriereanreize in ihrem Fach verzerrt sind. Die vorherrschende Ausrichtung der universitären Forschung und Lehre bietet kaum einen Anreiz für Nachwuchswissenschaftler, sich mit wirtschaftspolitischen Fragen zu beschäftigen. Denn die Ergebnisse der wirtschaftspolitischen Analyse sind häufig kontrovers und - da sie empirischer Natur sind - nie mit letzter Gewissheit beweisbar. Für die Zurschaustellung logischer Virtuosität bleibt wenig Raum.

Da somit die Anreize nicht stimmen, vernachlässigt das Fach Volkswirtschaftslehre zunehmend den Beitrag, den es zur Lösung praktischer wirtschaftspolitischer Probleme leisten könnte - und sollte! Aber die Wissenschaft hat eine gesellschaftliche Verantwortung. Sie ist gehalten, anwendbare Ergebnisse zu produzieren. Professuren für Wirtschaftspolitik müssen daher unabdingbarer Bestandteil der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung und Lehre bleiben.

Die Unterzeichner

Gerd Aberle, Jürgen Backhaus, Hartwig Bartling, Hartmut Berg, Peter Bernholz, Norbert Berthold, Ulrich Blum, Kilian Bizer, Armin Bohnet, Gertrud Buchenrieder, Rolf Caesar, Dieter Cassel, Dietrich Dickertmann, Norbert Eickhof, Gisela Färber, Cay Folkers, Siegfried F. Franke, Bruno S. Frey, Andreas Freytag, Oskar Gans, Herbert Giersch, Heinz Grossekettler, Gerd Habermann, Walter Hamm, Rolf Hasse, Fritz Helmedag, Klaus-Dirk Henke, Rudolf Hickel, Carl-L. Holtfrerich, Stefan Homburg, Klaus Jaeger, Erhard Kantzenbach, Gerhard D. Kleinhenz, Henning Klodt, Rainer Klump, Günter Knieps, Andreas Knorr, Lambert T. Koch, Ulrich Koester, Hans-Günter Krüsselberg, Jörn Kruse, Bernhard Külp, Hans-Otto Lenel, Helga Luckenbach, Chrysostomos Mantzavinos, Joachim Mitschke, Josef Molsberger, Christian Müller, Hans-H. Nachtkamp, Renate Neubäumer, Bernhard Neumärker, Peter Oberender, Renate Ohr, Hans-Georg Petersen, Ingo Pies, Bernd Raffelhüschen, Hermann Ribhegge, Walter Ried, Dirk Sauerland, Wolf Schäfer, André Schmidt, Ingo Schmidt, Michael Schmitz, Gunther Schnabl, Friedrich Schneider, Alfred Schüller, Christian Seidl, Jürgen Siebke, Olaf Sievert, Joachim Starbatty, Ulrich van Suntum, Theresia Theurl, Horst Tomann, Viktor Vanberg, Roland Vaubel, Christian Watrin, Gerhard Wegner, Paul J.J. Welfens, Dirk Wentzel, Rainer Willeke, Hans Willgerodt, Manfred Willms, Artur Woll.

Quelle: F.A.Z.

 
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