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Tony Atkinson : Der große Ungleichheitsforscher ist tot

Tony Atkinson (1944-2017) Bild: OECD/Andrew Wheeler

Der britische Ökonom Tony Atkinson hat wie wenige andere die Wirtschaftslehre vorangebracht. Nun ist er gestorben. Ein Nachruf.

          Anthony Barnes Atkinson, für Freunde und Bekannte schlicht Tony, zählt zu den renommiertesten Wirtschaftsforscher der Gegenwart. Sein wichtigstes Thema und Anliegen ist nach wie vor hochaktuell: Die gewachsene materielle Ungleichheit in vielen Industrieländern.

          Alexander     Armbruster

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Sie ist ein Grund, weswegen Menschen mittlerweile sogar Globalisierung und technologischen Fortschritt in Frage stellen - und immer häufiger Parteien und Politiker wählen, die versprechen, sie davor zu schützen. Der designierte amerikanische Präsident Donald Trump ist nur das jüngste Beispiel dafür; viele Amerikaner, die sich in irgendeiner Form abgehängt fühlen und auch tatsächlich Jahrzehnte lang keine realen Einkommenszuwächse erzielten, haben ihm ihre Stimme gegeben.

          „Die Menschen haben nicht annähernd gleiche Chancen“

          Tony Atkinson hat diese Thematik schon vor langer Zeit angesprochen. „Wenn es zu viel Ungleichheit in einer Gesellschaft gibt, hat das irgendwann Folgen für den wirtschaftlichen Erfolg“, sagte er im Frühjahr 2015 etwa in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und weiter: „Wollen Sie wirklich in einem Land leben, in dem sich einige Leute Tickets für Reisen ins Weltall leisten können, während andere ihr Essen von der Suppenküche beziehen müssen, obwohl sie Arbeit haben?“ In dem Interview machte Atkinson auch klar, dass es ihm nicht darum geht, jedwede materiellen Unterschiede zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft einzuebnen: „Ich habe nichts dagegen, wenn jemand einen neuen Impfstoff erfindet und dafür gut bezahlt wird. Ungleichheit zu bekämpfen bedeutet nicht, alle Unterschiede zwischen den Leuten abzuschaffen. Aber in unseren Gesellschaften haben die Menschen im Moment nicht einmal annähernd gleiche Chancen, einen Impfstoff zu erfinden. In einer ungleichen Gesellschaft gibt es auch keine Chancengleichheit.“

          „Wegen ihm nehmen wir Ungleichheit ernst“

          Atkinsons politische Botschaft verbindet sich dabei mit einer großartigen Karriere auch als forschender und lehrender Ökonom. Er, der ursprünglich Mathematiker werden wollte, studierte in Cambridge Volkswirtschaftslehre. Nach seinem Master-Abschluss im Jahr 1966 wechselte er an die Fakultät des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston.

          Dort lernte er unter anderem die späteren Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Peter Diamond kennen und hörte die Wachstumstheorie-Vorlesung des ebenfalls mit dem höchsten akademischen Preis ausgezeichneten Robert Solow. Im Herbst 1967 hielt Atkinson seine erste Vorlesung über die Rolle des Staates im Wirtschaftsgeschehen (Public Finance), er lehrte darin etwa Formen und Folgen von Besteuerung, Wohlfahrt, Verteilung, Verschwendung und sogenannten Externalitäten. Grob zusammenfasst verbergen sich dahinter (unbeabsichtigte) Auswirkungen auf eigentlich Unbeteiligte.

          Atkinson machte sich in der akademisch Welt schnell einen Namen, wurde sehr schnell Gründungs-Redakteur eines neuen, eigens auf seinen Bereich zugeschnittenen Fach-Journals. Die erste Ausgabe des „Journal of Public Economics“ erschien im Jahr 1972 - für die erweiterte fachliche Führung der Zeitschrift gewann er unter anderem die Ökonomen Paul Samuelson, Richard Musgrave, James Buchanan und Martin Feldstein.

          Atkinson zählte zu den Schöpfern der Theorie der optimalen Besteuerung. Das zusammen mit Joseph Stiglitz entwickelte Atkinson-Stiglitz-Theorem besagt, dass unter bestimmten Bedingungen ein optimales Steuersystem ausschließlich auf der direkten Besteuerung von Arbeitseinkommen beruht, aber nicht auf der Besteuerung von Kapitaleinkommen. Ein vor gut 35 Jahren mit Stiglitz verfasstes Lehrbuch zur Finanzwissenschaft („Lectures on Public Economics“) gehörte viele Jahre zum Rüstzeug ernsthafter Studenten dieses Gebiets.

          Für Forschungen auf dem Gebiet der Ungleichheit entwickelte er zudem das sogenannte „Atkinson-Maß“, das sich zur Berechnung von Verteilungen von Einkommen und Vermögen eignet. Stark beeinflusst durch Atkinsons Arbeiten sind moderne Ungleichheitsforscher wie der Franzose Thomas Piketty. Mit weiteren Ökonomen arbeiteten Atkinson und Piketty an der Erstellung einer Datenbank, die international vergleichende Analyse der Verteilung gestatten.

          Atkinson wurde vorübergehend Präsident verschiedener internationaler Ökonomen-Vereinigungen. Im Jahr 2000 schlug die Queen den gebürtigen Briten zum Ritter, ein Jahr später ernannte Frankreich ihn zum Ritter der Ehrenlegion. Er erhielt die Ehrendoktorwürde zahlreicher Universitäten, darunter auch der Frankfurter.

          Nun ist der im Jahr 1944 geborene Tony Atkinson verstorben, wie unter anderem die britische Ökonomen-Vereinigung „Royal Economic Society“ mitteilte. Viele führende Ökonomen auf der ganzen Welt äußerten über den Kurznachrichtendienst Twitter ihre Trauer und Bestürzung.

          Als „Pionier der Ungleichheits-Forschung und wundervolle Person“ würdigte Nobelpreisträger Paul Krugman ihn. Branko Milanovic, der vielleicht führende Fachmann auf diesem Gebiet heute, sprach von einem „großen Verlust für das Fach“. Als „Pionier darin, warum wir Ungleichheit heute ernst nehmen“, bezeichnete Mike Konczal ihn. Atkinsons Forschung jedenfalls wird weitergehen, das Thema bleibt.

          Quelle: FAZ.NET

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