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Universitäten : Studenteninitiative beklagt einseitiges VWL-Studium

Wirtschaftsstudenten in Leipzig Bild: dpa

Im Studium lernen VWL-Studenten zwar viel über Mikro- und Makroökonomie, aber selbst nachgedacht werde viel zu wenig, klagt eine Studenteninitiative.

          An deutschen Universitäten werden VWL-Studenten zu wenig zum Nachdenken über das eigene Fach angeregt. Diese Kritik hat die Studenteninitiative Netzwerk Plurale Ökonomik nun mit einer Untersuchung über 57 Bachelor-Studiengänge in Volkswirtschaftslehre untermauert. Die Ergebnisse zeigen, dass nur ein verschwindend geringer Anteil von 1,3 Prozent der Lehrveranstaltungen „reflexive“ Fächer ausmacht. Dazu zählt die Studenteninitiative die Geschichte des ökonomischen Denkens, Wirtschaftsethik, Wissenschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte. Wenig überraschend sei das starke Abschneiden der Kernbereiche Mikro- und Makroökonomie, die 9 Prozent und 11,6 Prozent der Curricula ausmachen. Das entspricht auch in etwa dem internationalen Durchschnitt, den ein Verbund von Studenteninitiativen mit einer Auswertung von fast 350 Studiengängen in zwölf Ländern ermittelt hat.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Überdurchschnittlich viel gelehrt werden in deutschen VWL-Bachelor-Studiengängen jedoch BWL-Themen, vor allem im Grundstudium, sowie Jura. Der Anteil dieser Fächer macht hierzulande mehr als 21 Prozent aus. International und auch in Deutschland wird im VWL-Studium laut der Untersuchung viel Wert auf die Vermittlung statistisch-ökonometrischer und anderer mathematischer Methoden gelegt (durchschnittlicher Anteil von 20 Prozent, in Deutschland rund 18 Prozent).

          Das Netzwerk Plurale Ökonomik kritisiert seit Jahren eine zu enge und einseitige Ausbildung von Ökonomen. „Es ist höchste Zeit, dass wir im Wirtschaftsstudium wieder über Wirtschaft und Wissenschaft nachdenken, statt eine Rechenaufgabe nach der anderen zu lösen“, sagt Gustav Theile, einer der Sprecher des Netzwerks. „VWL-Studierende lernen kaum, wie die Wirtschaftswissenschaft wurde, was sie ist. Wie sollen sie dann beurteilen können, ob sie gut ist, wie sie ist?“, fragt er. Es zeige sich, dass es im VWL-Studium „nicht ums Nachdenken geht, sondern darum, eine vorgegebene Meinung rechnerisch zu reproduzieren“.

          Das Netzwerk kritisiert auch, dass die Studenten zu wenig Kontakt mit angrenzenden Sozialwissenschaften bekämen. Weniger als einer von zehn Kursen könne dort belegt werden. „Forschung ist nicht nur, große Datensätze mit vielen Zahlen durch den statistischen Reißwolf zu jagen. Forschung heißt auch: Menschen beobachten, interviewen, Diskurse analysieren“, meint Theile. Das Netzwerk Plurale Ökonomik existiert seit 2011. Zuvor gab es einen ähnlichen Arbeitskreis. Er wurde inspiriert von einem Aufruf von Studenten an der Pariser Sorbonne, die 2000 gegen eine „autistische“ Wissenschaft protestierten. Das Netzwerk ist Mitglied der Studenteninitiative ISIPE (International Student Initiative for Pluralism in Economics), die am Osterwochenende in Paris ihre zweite Generalversammlung abhält.

          Der Wirtschaftsprofessor Volker Caspari von der TU Darmstadt schloss sich der Kritik der Studenten an. „In VWL-Studiengängen ist zu allererst zu viel BWL enthalten. Würde man sie reduzieren, entstände automatisch Raum für Theoriegeschichte und Wirtschaftsgeschichte“, sagte Caspari, der Vorsitzender des Ausschusses für die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften im Verein für Socialpolitik, der deutschen Ökonomenvereinigung, ist. Dass die Anteile von BWL- und Recht-Kursen auf der einen Seite sowie Mikro- und Makroökonomie auf der anderen Seite im VWL-Curriculum annähernd gleich gewichtet sind, sei allein schon „skandalös“, denn es bedeute einen Etikettenschwindel. Caspari stimmte auch zu, dass im VWL-Studium zu wenig Raum für Reflexion sei.

          Quelle: F.A.Z.

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