30.06.2010 · Auf den Ökonom John Maynard Keynes berufen sich Staatslenker rund um die Welt, wenn sie große schuldenfinanzierte Ausgabenprogramme beschließen. Doch selbst der Meister warnte seine Jünger: Schuldenfinanzierung hat auch Grenzen.
Von Philip PlickertIn seinen späten Jahren beobachtete John Maynard Keynes, der die Wirtschaftswissenschaft revolutioniert hatte, mit zunehmendem Ärger, welch extreme ökonomische Positionen viele seiner Anhänger vertraten. Sie drehten immer weiter und weiter am Rad der Revolution, bis sie nach Keynes' Geschmack weit übers Ziel hinausschossen. „I am not a Keynesian“, soll Keynes ein Jahr vor seinem Tod einmal gesagt haben, als er sah, was in seinem Namen alles propagiert wurde.
„Das ganze modernistische Zeug“, schrieb er 1946 kurz vor seinem Tode, „geht in die Irre, wird sauer und albern.“ Und Keynes, der mit seiner „General Theory“ die klassische Ökonomik vom Sockel gestoßen hatte, lobte nun plötzlich Adam Smith, den Ahnvater der klassisch-liberalen Ökonomen. Er erinnerte an klassische „ewige Wahrheiten von großer Bedeutung . . . natürliche Kräfte, könnte man sie nennen, oder sogar die unsichtbare Hand“. Dieser letzte publizierte Aufsatz von Keynes über Zahlungsbilanzfragen war seinen Jüngern immer peinlich. Sie haben ihn ignoriert oder als Geschreibsel eines alten Mannes abgetan, der zuletzt hinter den eigenen Erkenntnisstand zurückgefallen sei.
Dann könnte ein Rückfall in eine Rezession drohen
Keynes, der Krisenökonom, hat in den vergangenen drei Jahren eine erstaunliche Renaissance erlebt. Auf ihn haben sich Staatslenker rund um die Welt berufen, als sie große schuldenfinanzierte Ausgabenprogramme beschlossen. Das entsprach, grob vereinfacht, Keynes' Ansatz, dass der Staat in Krisenzeiten, wenn die private Nachfrage wegbreche und daher die Wirtschaft lahme, in die Lücke springen müsse. Er solle Defizite machen und das geliehene Geld ausgeben (“deficit spending“), um so die Konjunktur anzukurbeln. Inzwischen ist, so zeigen die Zahlen, die Weltwirtschaft wieder zurück auf dem Wachstumspfad.
Amerikas Präsident Obama hat aber kurz vor dem G-20-Gipfeltreffen in einem Brandbrief gewarnt, nicht „die Fehler der Vergangenheit“ zu wiederholen und staatliche Konjunkturstimuli zu früh zurückzuziehen. Dann könnte ein Rückfall in eine Rezession drohen. Die Warnung Obamas zielte kaum verholen auf Deutschland, das seine Haushaltsdefizite vom kommenden Jahr reduzieren will, während die Vereinigten Staaten weiter nachlegen wollen. In diesem Jahr beläuft sich ihr Defizit auf rund 10 Prozent der Wirtschaftsleistung, die Schuldenquote steigt in großen Sprüngen auf 100 Prozent (in absoluten Zahlen: rund 14 Billionen Dollar).
Das ist richtig so, findet Obama, denn der Staat stütze so die Erholung. In besonders scharfen Worten ging sein ökonomischer Berater Paul Krugman jüngst die Europäer an. „Die Deutschen“, schimpfte er (und kurioser nannte er darauf auch „die Franzosen“), „hassen es, auch nur kurzfristig Defizite aufzunehmen, sie hassen eine lockere Geldpolitik, klammern sich an jeden Vorwand, um dagegen zu sein“, so Krugman. „Wir Amerikaner sehen das ganz anders.“
Ja, ja, und deshalb nahm auch die von billigem Geld genährte Finanz- und Schuldenkrise ihren Ausgang in den Vereinigten Staaten, könnte man hinzufügen, doch Krugman würde das ganz anders sehen.
Es ist fraglich, was Keynes in der heutigen Situation raten würde, wenn sein Geist beim G-20-Gipfeltreffen sprechen könnte. Ob er Obama und den neokeynesianischen Ökonomen Krugman, Notenbank-Chef Ben Bernanke und Christina Romer, der Vorsitzenden des Council of Economic Advisers, zustimmen würde, die mit Hinweis auf die 10-Prozent-Arbeitslosenquote im Amerika eine andauernde, breite Konjunkturstimulierung auf Pump und mit billigem Geld befürworten. Oder ob Keynes vielleicht doch Bedenken äußern würde, wie zielführend weitere große Konjunkturprogramme noch sind.
Keynes plädierte für ein Ende der breiten Ausgabenprogramme
Aufschlussreich für diese Frage ist der Aufsatz „Keynes versus the Keynesians“, den der britische Ökonom und Wissenschaftstheoretiker T. W. Hutchison vor gut dreißig Jahren veröffentlicht hat. Er ruft darin einige vergessene Äußerungen von Keynes aus dem Jahr 1937 in Erinnerung, sieben Jahre nach dem Ausbruch der großen Depression, auf die seit etwa 1933 eine wirtschaftliche Erholung folgte. In England, das lange unter seinem überbewerteten Pfund zu leiden hatte und erst spät abwertete, war die Erholung schleppend. 1937 betrug die Arbeitslosenquote noch mehr als 11 Prozent. Und trotzdem plädierte Keynes für ein Ende der breiten Ausgabenprogramme!
„Genauso, wie es ratsam war für die Regierung, während des Konjunkturrückgangs Schulden aufzunehmen, so ist es nun aus demselben Grund ratsam, dass sie nun zur umgekehrten Politik neigen“, schrieb Keynes. Weiter liest man in dem „Times“-Artikel von Januar 1937 unter der Überschrift „Wie man eine Krise (slump) vermeidet“, dass immer neue zentralstaatliche Investitionsprojekte nichts mehr brächten. „Ich glaube, dass wir uns dem Punkt nähern oder ihn schon erreicht haben, wo es keinen weiteren Vorteil bringt, einen weiteren allgemeinen Stimulus anzuwenden.“ Hört, hört.
Eine Lehre für die heutigen Freunde immer neuer Konjunkturpakete
Wie Hutchison zeigt, hatten Keynes' Schüler und Nachfolger aus Cambridge wie Joan Robinson oder Lord Kahn nach dem Krieg für solche Warnungen völlig taube Ohren. Man kann sie als Turbo-Keynesianer bezeichnen, die immer nur auf dem Gaspedal standen und auch im Aufschwung permanent „deficit spending“ propagierten. Dass die forcierte Nachfragepolitik auf Pump zu einer erst schleichenden, dann chronischen Inflation führte und die Wirtschaft nicht mehr anregte, sondern lähmte, wollten sie nicht sehen. Großbritannien hatte in den siebziger Jahren all sein konjunkturpolitisches Pulver verschossen. Es war schwer überschuldet, unproduktiv und gelähmt. Weil sie so hilflos erschienen angesichts der Stagflation - der Mischung aus Stagnation und Inflation - gerieten die Keynesianer dann für viele Jahre ins Abseits der Wirtschaftswissenschaften.
Vielleicht enthält diese Geschichte eine Lehre für die heutigen Freunde immer neuer Konjunkturpakete. Sie zeigt, dass Turbo-Keynesianer, die immer nur Gas geben wollen, den Wagen der keynesianischen Ökonomie gegen die Wand fahren. Sie zeigt, dass Keynes' übereifrige Anhänger mit ihrem übertriebenen Glauben an die Steuerbarkeit der Konjunktur letztlich schuldig waren, dass Keynes' Theorie und Politik in den siebziger Jahren in Misskredit geriet. Neue schlechte Erfahrungen und Enttäuschungen mit schuldenfinanzierten Programmen könnten auch eine neuerliche Abwendung von Keynes bringen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
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| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.779,40 | −0,86% |
| Nasdaq 100 | 2.550,18 | −0,54% |
| S&P500 | 1.351,95 | +0,15% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3186 | −0,73% |
| Rohöl Brent Crude | 117,28 $ | −1,19% |
| Gold | 1.748,00 $ | 0,00% |
| Bund Future | 138,48 € | +0,91% |