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Veröffentlicht: 10.10.2010, 16:12 Uhr

Sozialismus Wenn Nordkorea am Ende ist

Schon bald könnte das kommunistische Nordkorea wirtschaftlich so am Ende sein wie vor 20 Jahren die DDR. Was ist zu tun, damit die Einheit dann in den Schoß fällt - und nicht auf die Füße?

von Ulrich Blum
© Illustration Peter von Tresckow

Deutschland feiert gegenwärtig den zwanzigsten Jahrestag der Wiedervereinigung. In Korea jährt sich derweil der Beginn des Kriegs zum sechzigsten Mal. Wenn das steinzeit-kommunistische Regime im Norden eines nicht zu fernen Tages am Ende ist, können die Koreaner einiges von den Erfahrungen Deutschlands lernen, was bei einer Vereinigung ökonomisch richtig und falsch gemacht werden kann.

Historisch gesehen war Nordkorea stärker industrialisiert als der Süden; in Deutschland war die Industrialisierung im Westen und in Mitteldeutschland, dem heutigen Ostdeutschland, etwa gleich. Etwa ein Drittel aller Koreaner lebt im nördlichen Teil der Halbinsel, in Deutschland betrug die Einwohnerzahl im Osten etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Ökonomisch ist der kommunistische Landesteil weit abgehängt. In Korea liegt der Norden bei einer Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung von nur einem Zwanzigstel des Südens; in Deutschland lag der Osten 1989 bei nur einem Viertel des Westens. Betrachtet man die Altersstruktur, so ist in Korea der kommunistische Teil – ganz ähnlich wie die DDR damals – jünger wegen einer höheren Geburtenrate und einer erheblich früheren Sterblichkeit.

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Erheblich entfremdet

Die DDR war zu Wendezeiten deutlich mehr in den internationalen Handel eingebunden als der kommunistische Norden Koreas heute, der vor allem mit China kooperiert und zudem auch über die Sonderwirtschaftszonen mit Südkorea. Nordkorea ist vom Weltkommunikationssystem weitgehend abgeschnitten. Kim Jong-ils Untertanen können kein südkoreanisches Fernsehen oder Radio empfangen.

Nordkoreas Machthaber nimmt mit Sohn Parade ab © dpa Vergrößern Kim Jong-ils 27 Jahre alter Sohn war erst vor zwei Wochen zum General ernannt worden

Diese harte Trennung und der Korea- Krieg, auch ein Bürgerkrieg, haben beide Teile erheblich von einander entfremdet. Trotzdem ist sich der Süden bewusst, dass er sich einer Wiedervereinigung praktisch nicht widersetzen können wird, sobald sich das System im Norden ändert – es schlimmstenfalls kollabiert. Anders als in der SED-Diktatur der DDR könnte die Politik Nordkoreas durch das Erbführerprinzip volatiler und unberechenbarer sein. Die Entwicklung ist damit kaum voraussehbar.

Ein Wiedervereinigungsministerium gibt es schon in Südkorea

Vielleicht deshalb analysiert der Süden seit Jahren intensiv, wie die Einheit – so sie denn kommt – bewältigt werden kann, indem er ein Wiedervereinigungsministerium und diverse Forschungsinstitute und Lehrstühle an Hochschulen eingerichtet hat. Was kann Südkorea vom deutschen Vereinigungsprozess lernen?

Einheit bedeutet die Gleichzeitigkeit von Transformation und Integration: Die Wettbewerbsintensität erhöht sich durch offene Märkte innerhalb kürzester Frist; Transformation aber benötigt Zeit – zur Änderung von Mentalitäten ebenso wie beim Kapitalstock der Unternehmen. Damit entstehen Spannungen im Übergang, die erhebliche Zeit nachwirken. Das Lernen aus der Transformation bedeutet insbesondere auch, Lehren aus den Post-Transformationsprozessen zu ziehen. Grundsätzlich gilt, dass Südkorea infolge eines leistungsfähigen Bildungssystems, seiner diversifizierten Wirtschaftsstruktur und seiner Technologieorientierung gute Chancen besitzt, die Herausforderung zu bewältigen, wenn diese sich – weit stärker als bei Deutschland – in planbare Bahnen lenken lässt.

Erster Schritt wäre eine Währungsunion

Transformation bedeutet Umbau der Staatswirtschaft, also Liberalisierung und Privatisierung, eine Neuaufstellung des Staats bis hin zur neuen Rolle der Bürokratie und der Aufgaben, die öffentliche Haushalte erfüllen müssen. Integration, im ersten Schritt durch eine Währungsunion, zieht weltwirtschaftliche Anpassungsreaktionen nach sich, welche die Transformationsprozesse gleichsam katalytisch beschleunigen. Zugleich verändert sich die gesamtwirtschaftliche Einordnung des Landes. Dazwischen geraten gesellschaftliche Prozesse unter Druck, beispielsweise das Bildungssystem; die Infrastruktur muss nun neuen Bedürfnissen gerecht werden, die räumliche Siedlungsstruktur wandelt sich, und insbesondere der Informations- und Kommunikationssektor muss sich völlig neu ausrichten.

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