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Kommentar : Mehr Einfluss für die Ökonomen

Politiker ignorieren den Rat von Experten. Das ist ein Problem. Das müssen die Experten lösen. Es gäbe einen Weg.

          Es geht nicht nur um TTIP. Das Freihandelsabkommen mit Amerika ist nur der jüngste Fall, in dem sich der Wirtschaftsminister gegen den Rat der Fachleute stellt. Rund zwei Drittel der deutschen Ökonomen sind davon überzeugt, dass das Abkommen Arbeitsplätze schafft und das Wachstum stärkt. Doch Sigmar Gabriel (SPD) redet das Projekt lieber tot. Es ist nicht das erste Mal, dass Politiker den Rat von Ökonomen missachten. Gabriel sagte vor zwei Jahren dem französischen Ökonomen Thomas Piketty sogar öffentlich ins Gesicht, dass es eigentlich egal sei, ob seine Thesen richtig seien oder nicht – Hauptsache, es lasse sich eine politische Bewegung damit anstoßen.

          Zu viele Politiker nehmen den Rat von Wirtschaftsforschern nur dann an, wenn er ihnen gerade in den Kram passt. In den Medien werden Ökonomen zwar immer häufiger zitiert, wie die Einflussrangliste der F.A.Z. zeigt, doch gleichzeitig wird der Einfluss in der Politik geringer. So wird etwa der Mindestlohn eingeführt, obwohl Ökonomen laut davor warnen. In Großbritannien stimmen die Bürger für den „Brexit“, obwohl zahlreiche Ökonomen vorher ausgerechnet haben, wie viele Milliarden das die britische Volkswirtschaft kostet.

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          F.A.Z.-Rangliste der Ökonomen : Deutschlands einflussreichste Ökonomen

          Nun klagen Politiker seit Jahrzehnten über den Rat ihrer Wirtschaftsforscher. Vielen sind die Ratschläge nicht zuverlässig genug. Die Ökonomen hätten doch auch die Finanzkrise nicht vorhergesehen, heißt es gerne. Dabei wird unterschlagen, dass Ökonomen sehr wohl vor den Problemen des Euros gewarnt haben.

          Manchmal sind den Politikern die Ökonomen auch zu zerstritten – zu fast jeder politischen Position gibt es einen Wirtschaftsforscher, der sie unterstützt. Das ist kein Wunder: Die Wirtschaftsforschung ist eine vergleichsweise junge Wissenschaft, die noch längst nicht auf alle Fragen eine eindeutige Antwort hat. Dass allerdings Unternehmensfusionen schädlich sind, wenn sie übermäßige Marktmacht zementieren – darüber herrscht Einigkeit. Dennoch will Gabriel die Fusion von Edeka und Kaiser’s Tengelmann gegen den fast einvernehmlichen Einspruch der Fachleute genehmigen.

          Warum ignorieren Politiker den Rat? Weil sie es können

          Warum ignorieren Politiker den Rat von Wirtschaftsforschern? Die Antwort ist so simpel wie wichtig: weil sie es können. Wer auf den Rat von Ingenieuren pfeift, dem stürzt vielleicht eine Brücke ein. In der Wirtschaft sind die Zusammenhänge nicht so klar: Wäre der Mindestlohn nicht eingeführt worden, es wären wahrscheinlich mehr Stellen geschaffen worden – doch nachzählen kann das niemand, es bleibt unsicher. Sicherlich aber kann Gabriel auf Wählerstimmen hoffen, wenn er den Mindestlohn einführt und das Freihandelsabkommen bekämpft. Die Ökonomen haben die Bevölkerung häufig gegen sich.

          Das ist kein neues Phänomen. Auch Helmut Kohl soll einst gesagt haben, er wolle Wahlen gewinnen und nicht den Ludwig-Erhard-Preis. Nur in einer kurzen Phase drangen die Experten mit ihren Lehren tatsächlich bis an die Stammtische durch: Es war die Zeit der Massenarbeitslosigkeit in Deutschland, die Jahre kurz nach der Jahrtausendwende. Damals überschnitten sich ausnahmsweise die Ziele von Ökonomen und Bevölkerung: Die Ökonomen wollten Wachstum und Arbeitsplätze, und die Deutschen litten unter hoher Arbeitslosigkeit.

          Inzwischen ist Deutschland nahe an der Vollbeschäftigung, kaum noch jemanden treibt die Angst um Arbeitsplätze um. Wenn Wirtschaftsforscher sich gegen den Mindestlohn aussprechen, weil der Arbeitsplätze kosten könnte, reden sie an den meisten Deutschen vorbei. Während Ökonomen die transatlantischen Freihandelsabkommen loben, weil diese Arbeitsplätze sichern und die Wirtschaft stärken, haben die Leute andere Sorgen.

          Die Ökonomen müssen reagieren

          Es sind die Ökonomen, die darauf reagieren müssen. Ihre Ziele sind nicht falsch, sie fördern den langfristigen Wohlstand. Doch gute Politikberatung ist damit noch nicht erledigt. Ein guter Politikberater hat auch ein Auge darauf, welche Werte den Wählern kurzfristig wichtig sind. Dafür ist die Wirtschaftsforschung schlecht ausgestattet. Traditionell sagt sie: Die Menschen benehmen sich auf dem Markt schon so, dass es ihren Werten entspricht. Märkte sollen so aufgestellt werden, dass sie alle Wünsche zur Geltung bringen – welche Werte das im einzelnen sind, das ignorieren Ökonomen oft. Doch wer politische Entscheidungen beeinflussen will, dem kann das nicht reichen. Er muss auch Argumente liefern, mit denen Politiker die Wähler auf ihre Seite ziehen können – idealerweise sogar Argumente, gegen die Politiker überhaupt nicht mehr ankommen.

          Der vor kurzem verstorbene Wirtschaftsnobelpreisträger Reinhard Selten hat erste große Schritte auf dem Weg gemacht, das Verhalten der Menschen zu verstehen. Auch der Sieger der F.A.Z.-Ökonomenrangliste gehört zu den Pionieren: Ernst Fehr. Er hat analysiert, was Menschen fair finden. Unsere Rangliste zeigt: Innerhalb der Wissenschaft bauen andere schon auf seinen Erkenntnissen auf. So kann es weitergehen. Wenn Ökonomen nicht nur wissen, was wichtig ist, sondern wenn sie auch wissen, was Wähler überzeugt, dann bekommen sie den Einfluss, der nötig ist.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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          Quelle: F.A.Z.

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