04.01.2010 · Für mehr Produktivität sorgen Maschinen. Doch um Maschinen zu erfinden, braucht es Köpfchen. Das ist der Wert des Humankapitals. Die Zahl der Studenten darf aber nicht in die Höhe getrieben werden, indem das Studium einfacher wird.
Von Hans D. BarbierKapital, Arbeit, technischer Fortschritt. Das sind die drei Faktoren, mit denen Ökonomen traditionell zu erklären versuchten, was ein Land oder eine Region wirtschaftlich leisten kann - und welche Güter und Dienstleistungen es herstellen kann. Theoretiker errechneten daraus, wie ergiebig diese Faktoren sind, und nannten das "Produktivität". Die Empiriker wiederum schrieben auf, wie viel eine Gesellschaft zusätzlich produzieren kann, wenn mehr Arbeit oder mehr Kapital eingesetzt wird - oder wenn die Technik sich verbessert.
Wo aber bleibt nun der Mensch? Er hat eine Funktion als Lieferant von Arbeitsstunden, die aber auf den ersten Blick etwas trist anmutet. Warum werden Sachkapital und Arbeit immer produktiver und bringen immer mehr Produkte? Was bestimmt den technischen Fortschritt und dadurch den Reichtum der Nationen? Genau das leistet erst der Mensch.
In den fünfziger Jahren begannen Ökonomen und Statistiker wie auf ein geheimes Kommando nach den Ursachen für die steigende Ergiebigkeit und Qualität der Produktionsfaktoren zu suchen. Die Erkenntnis war einfach: Maschinen trainieren sich nicht selbst. Produktivere Fertigungsmethoden entstehen nur sehr selten durch Zufall. Wenn Arbeit durch neue Verfahren produktiver werden soll, muss irgendwie die Leistungsfähigkeit steigen. Die Leistungsfähigkeit im Erfinden und Nachahmen.
Diese Kraft der Innovation stammt von einem vierten Faktor - einem, der die Produktivität der drei ursprünglichen Faktoren erhöht. Es ist die Ausbildung - das Wissen, das in der Arbeit der Menschen steckt. Wissenschaftstheoretiker, Philosophen, Philologen, Ökonomen, Physiker, Chemiker, Ingenieure, Tansportsachverständige, Tüftler aller Art: Das sind die Produktionsfaktoren des Fortschritts, der sich dann als "technischer Fortschritt" im Sachkapital und als "kostensenkender Fortschritt" in den Vertriebsmethoden bemerkbar machen kann, indem er die Kosten senkt und den Ertrag steigert.
Von der Bildung profitieren sogar Leute, die selbst nicht gebildet sind
Dass zusätzliches Wissen die Arbeit leistungsfähiger macht, wurde in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zuerst in den Vereinigten Staaten erkannt. Später fiel auf, dass auch die Entwicklung von Produktivkapital wie Maschinen davon profitierte. Und schließlich setzte sich - in einem weiteren Schritt - die Erkenntnis durch, dass die Ausbildung für den technischen Fortschritt und den Wohlstand der ganzen Gesellschaft zentral ist. Wenn die Bildung besser wird, verbessert sich die Produktivität, das Sozialprodukt wächst, und schließlich bekommen alle Arbeitnehmer mehr Lohn. Sogar die, die nicht so viel Wissen haben. Wo aber werden die Methoden vermittelt, mit denen man neue Erkenntnisse gewinnt und das sogenannte "Humankapital" steigert? In einer guten Ausbildung.
Dass diese Idee ausgerechnet in den fünfziger Jahren und ausgerechnet in den Vereinigten Staaten aufkam, hat möglicherweise einiges mit der Vertreibung von Wissenschaftlern aus Europa durch die Nationalsozialisten zu tun. In Amerika entstand eine "Economics of Education", eine Ausbildungsökonomie, die von Wissenschaftlern wie Fritz Machlup vorangetrieben wurde, der 1933 von Österreich nach Amerika emigriert war.
Bald entstand eine regelrechte Bildungslobby und schließlich eine Bildungsindustrie, die Ausbildung als treibendes Element dessen sah, was eine Volkswirtschaft produzieren kann. Die Ausbildung, so war klar, ist auch Karrierechance für jeden Einzelnen und ein Vehikel, mit dem sich Herkunftsunterschiede einebnen lassen. Diese Welle schwappte von den Vereinigten Staaten nach Europa. Die Bundesrepublik Deutschland war vorn mit dabei.
Die Forschung rund um das Humankapital kam in Mode. In den sechziger Jahren entstand eine wahre Flut von Veröffentlichungen über den Produktionsfaktor "Ausbildung" und über das Wirtschaftswachstum.
Die Ausbildungsgänge müssen differenziert werden
Weite Teile der ökonomischen Theorie wurden darauf untersucht, ob sie den Fortschritt durch Ausbildung erklären können. Die Sorge um die Bildungschancen des Arbeiterkindes, das damals oft bemüht wurde, bekam eine neue Basis durch die Bildungsökonomie. Die machte die Sorge methodisch plausibel und unter Verteilungsgesichtspunkten verständlich: Wenn die Ausbildung über die Chancen einer ganzen Volkswirtschaft entschied, dann war es politisch geradezu geboten, die Bildung nicht an den Einkommens- oder Vermögensverhältnissen des Elternhauses scheitern zu lassen.
Damals litt die Qualität von Forschung und Lehre noch nicht daran, dass möglichst viele möglichst gut ausgebildet werden sollten, wie es heute der Fall ist. In den sechziger Jahren, der Blütezeit der "Ausbildungsökonomie" in Deutschland, fasste die Bildungsökonomie an den Fakultäten Fuß. Damals wurden die Studentenzahlen nicht dadurch in die Höhe getrieben, dass das Studium einfacher wurde - das war nicht das Mittel der Wahl, um mehr Bildungsgerechtigkeit zu schaffen.
Diese Entwicklung setzte erst ein, als sich die Gesellschaft einen neuen Blick auf das Studium zulegte: Sie sah die Universitäts-Ausbildung nicht mehr in erster Linie als Chance zur Verbesserung des Humankapitals und damit der gesamtwirtschaftlichen Produktionsfunktion. Sondern sie sah Bildung als Vehikel, um Herkunftsunterschiede einzuebnen.
Heute heißt es, die Studentenzahlen müssten abermals steigen. Dieses Bemühen hat ohne Zweifel mit dazu geführt, dass das Niveau der Hochschulabschlüsse nicht mehr zu halten ist - und dass die Unterscheidung zwischen Bachelor- und Masterabschluss notwendig wurde, die heute als "Bologna"-Prozess bekannt ist. Denn wenn die Anforderungen im Studium nicht allzu sehr sinken sollen, müssen Ausbildungsgänge und Ausbildungsziele differenziert werden.
Um das Konzept der "Produktionsfunktion" noch einmal aufzunehmen: Dem Produktionsprozess Universitätsausbildung hat man damit keinen Gefallen getan. Auch wenn die Bildungsökonomie in der Tat zum Teil technisch und gelegentlich auch sozialreformerisch anmutet, darf sich "Bologna" auf die "Economics of Education" gerade nicht berufen.