25.12.2009 · Vor 80 Jahren glaubte John Maynard Keynes, dass seine Enkel nur noch 15 Stunden in der Woche arbeiten müssen. Davon sind wir noch weit entfernt - trotzdem arbeiten wir heute viel weniger als früher. Langweilig ist es trotzdem nie.
Von Joachim VothWas soll nur aus den Menschen werden, wenn sie erst mal richtig reich sind? Mitten in der letzten Weltwirtschaftskrise schrieb John Maynard Keynes einen Essay mit dem Titel „Die ökonomische Zukunft unserer Enkel“. Seitdem sind gut 80 Jahre vergangen - und die Enkel und Urenkel von Keynes' Generation sind wir. Was erwartete er also für uns?
Trotz der massiven Arbeitslosigkeit und einer starken Ablehnung des kapitalistischen Modells in weiten Teilen der Bevölkerung ging Keynes davon aus, dass langfristig mit „business as usual“ zu rechnen sei. Die Wirtschaftsleistung pro Arbeitsstunde werde mit 1 bis 2 Prozent pro Jahr wachsen und die Enkel vier- bis achtmal wohlhabender machen als seine Generation.
Mit zunehmender Produktivität aber werde die Menschheit langsam aller materiellen Zwänge enthoben. Das „ökonomische Problem“, wie Keynes es nannte, würde verschwinden. Die Bedürfnisse der Menschen könnten leichter befriedigt werden. Allenfalls noch 15 Stunden pro Woche würden wir arbeiten. Deshalb, so seine Prognose, werde man an einem anderen Problem kranken: dem Mangel an Sinnstiftung. Menschen definieren ihre Identität über die Arbeit, die sie verrichten. Daher werde als Problem um sich greifen, dass sich alle - nicht nur die Damen der englischen Oberschicht - fragen würden, was mit dem eigenen Leben nun anzufangen sei.
Früher endete das Arbeitsleben mit dem Tod, heute mit der Rente
Heute wissen wir: Keynes gab gleichzeitig eine hochgenaue Prognose ab und lag weit daneben. Das englische Pro-Kopf-Einkommen ist heute tatsächlich fünfmal höher als 1930. In puncto Arbeitszeit sagte er die Tendenz richtig vorher, doch beim Umfang lag er massiv daneben. Während in den 30er Jahren noch oft 45 oder 50 Stunden gearbeitet wurde, beträgt die Regelarbeitszeit für heutige Vollzeitjobs rund 37 Stunden. Rechnet man allerdings die Feiertage und Urlaube mit, dann ist der Rückgang der Arbeitszeit drastischer - die Jahresarbeitszeit ist von 2100 auf 1550 Stunden gefallen. Berücksichtigt man auch die Tatsache, dass viele heute erst mit 20 oder 25 Jahren in den Beruf einsteigen und dass ein Großteil der Lebenszeit im Ruhestand verbracht wird, kommt man auf einen noch dramatischeren Rückgang der Arbeitszeit. Doch von 15 Stunden Wochenarbeitszeit, wie sie Keynes vorhersagte, sind wir noch weit entfernt
Im Jahr 1930 erschien diese Prognose nicht ganz weit weg, wie sie heute erscheint. Verglichen mit der Hochphase der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, war die Arbeitszeit 1930 bereits deutlich kürzer. Noch 1860 arbeiteten Fabrikarbeiter häufig 12 bis 14 Stunden pro Tag, sechs Tage die Woche. Das Arbeitsleben begann für viele, noch bevor sie 10 Jahre alt waren, und endete erst mit dem Tod.
Der berühmte Nationalökonom Keynes extrapolierte einfach den Trend, den er vor Augen hatte. Wie kam es zu den ungeheuer langen Arbeitszeiten um 1850? Und warum gingen sie seitdem stark zurück? Wenn die Produktivität steigt, können mehr Güter konsumiert werden - oder die gleiche Menge von Gütern kann mit weniger Arbeit hergestellt werden. Langfristig spielten beide Faktoren eine Rolle. Der zusätzliche Konsum spielte allerdings die wichtigere Rolle. Deshalb lag Keynes kräftig daneben: Er konnte sich nicht vorstellen, wie viele neue Güter - vom Fernseher zur Designerbrille, vom iPod bis zur Flugreise - sich die Menschen gönnen wollen.
„Samstags gehört Vati mir!“
Bevor ein Rückgang der Arbeitszeit möglich war, kam es häufig zu massiven politischen Konflikten zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern. Denn wo Maschinen früher abgeschaltet werden müssen, leidet der Gewinn. Karl Marx zitierte einen Industriellen mit den Worten: „Wenn ein Arbeiter einen Spaten niederlegt, macht er Kapital im Wert von 18 Pence wertlos; wenn ein Arbeiter die Fabrik verlässt, verschwendet er 100 000 Pfund.“
Lange Jahrzehnte kämpfte die organisierte Arbeiterschaft für die Einführung des 8-Stunden-Tages. Überall in Europa hatte der Erste Weltkrieg die Arbeiterschaft gestärkt, und eine der ersten Forderungen war: weniger arbeiten! In Deutschland war es erst 1918 so weit, dass der 8-Stunden-Tag eingeführt wurde, nach der Revolution und der Absetzung des Kaisers. In den 60er und 80er Jahren ging es bei der Abschaffung der Samstagsarbeit („Samstags gehört Vati mir!“) und der Einführung der 35-Stunden-Woche zwar ruhiger zu, aber der Interessenkonflikt war der gleiche.
Wie lange die Menschen vor den Spitzenarbeitszeiten von 1850 arbeiteten, ist umstritten. Arbeitstage in der Landwirtschaft waren oft sehr lang und dauerten von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Vor allem im Sommer, zur Ernte, schufteten die Bauern 14 bis 16 Stunden. Im Gegenzug dazu war der Winter deutlich entspannter. Hinzu kamen viele Feiertage. Gesellen und Bedienstete arbeiteten häufig sechs Tage pro Woche. Andere Arbeiter zeigten deutliche „Disziplinprobleme“, in vielen Gegenden wurde sogar der „blaue Montag“ zelebriert. Man schwänzte am Montag einfach die Arbeit. Zwar mangelt es vor 1850 an guten Quellen, doch wo man Daten findet, zeigen sie deutlich kürzere Arbeitszeiten.
Plötzlich gab es mehr zu kaufen als Bier, Brot und Schnaps
Wie kam es zu den ungeheuer langen Arbeitsstunden um 1850? Zum einen erzwang die Industrialisierung mit hohen Kapitalfixkosten lange Maschinenlaufzeiten: Arbeiter waren mangelhaft organisiert, und dank Bevölkerungswachstum war ihre Zahl größer geworden. Sie hatten eine schlechte Verhandlungsposition. Zum anderen schuf die industrielle Entwicklung viele neue Güter. Noch 1750 gab es außer Bier, Brot, Schnaps und Wollkleidung wenig zu kaufen. 1850 aber hatte sich eine Flutwelle neuer Produkte über die Konsumenten ergossen, die nun auch Textilien, Steingutgeschirr, Marmelade genießen konnten.
Damit aber nahm der Wert einer zusätzlichen Arbeitsstunde im Vergleich zur Freizeit zu. Die Menschen waren außerdem sehr arm, so arbeiteten sie viele Stunden. Noch 1959 gewann der Brite Harold Macmillan die Unterhauswahl mit dem Satz „You never had it so good!“ (Euch geht es besser als je zuvor!) Die gleiche Schlussfolgerung kann man aus dem Wohlstandsindikator Pro-Kopf-Einkommen ziehen - für heute. Tatsächlich aber sieht es noch besser für uns aus: Wir konsumieren massiv mehr und arbeiten gleichzeitig viel weniger als unsere Ururgroßväter. So wird die Zunahme unseres Wohlstands enorm unterschätzt.
Ob wir aber jemals die Mini-Arbeitszeiten erreichen, die Keynes vorhersagte, darf bezweifelt werden. Vor der Sinnkrise, die er sah, retten uns bisher noch die iPods, Playstations und unsere jährlichen Bali-Urlaube.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.788,80 | +0,59% |
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| MDAX | 10.356,30 | +0,39% |
| SDAX | 5.020,58 | +1,11% |
| REX | 421,13 | +0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.522,34 | +0,37% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 81,31 | +0,42% |
| Dow Jones | 12.890,50 | +0,05% |
| Nasdaq 100 | 2.563,93 | +0,72% |
| S&P500 | 1.351,95 | +0,15% |
| Nikkei225 | 8.979,05 | −0,26% |
| EUR/USD | 1,3274 | −0,07% |
| Rohöl Brent Crude | 118,09 $ | −0,51% |
| Gold | 1.748,00 $ | +0,11% |
| Bund Future | 137,23 € | −0,37% |