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Peter Thiels Buch „Zero to one“ : Ein Monopol ist keine Krankheit

„Vermeiden Sie den Konkurrenzkampf, wo immer es geht“: Peter Thiel Bild: Reuters

Der deutschstämmige Investor Peter Thiel hat Paypal gegründet und Facebook entdeckt. Jetzt hat er ein Buch für Gründer geschrieben. Er lobt die Monopole - und hat damit mehr Freunde, als man denkt.

          Eine solche Hymne auf das Monopol liest man in dieser Offenheit selten: „Konkurrenz verdirbt das Geschäft“, schreibt der Investor Peter Thiel ganz unverblümt in seinem neuen Buch. Dem brutalen Überlebenskampf des Wettbewerbs entkomme ein Unternehmen nur, wenn es sich eine komfortable Monopolstellung aufbaue.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Peter Thiel weiß, wovon er spricht. Er ist ein Star im Silicon Valley, exzentrisch, mit Spaß an der Provokation. Reich geworden ist er das erste Mal mit dem Online-Bezahlsystem Paypal, das er vor rund 15 Jahren gemeinsam mit Gleichgesinnten gründete und das heute zu Ebay gehört. Der zweite große Coup gelang ihm einige Jahre später mit seiner Investition in Facebook. Damals noch völlig unbekannt, lieh Thiel dem Unternehmen Geld. Später bekam er dafür einen milliardenschweren Anteil der Aktien.

          In seinem Buch wendet er sich vor allem gegen das Dogma, allein der Wettbewerb treibe den Kapitalismus voran. Und sein Lob der Monopole hat Charme. Er denkt dabei nicht an die Post oder Energieversorger oder andere Monopolisten, die durch staatlich verordnete Marktzutrittsschranken vor der kalten Zugluft des Wettbewerbs geschützt werden. Thiel redet von Internetunternehmen wie Google, Facebook und Twitter, die ihre Monopolstellung selbst geschaffen haben, indem sie Neues geschaffen haben und ihren Vorsprung dadurch bewahren, dass sie technisch den anderen stets mehrere Schritte voraus sind: „Die Geschichte des Fortschritts ist eine Geschichte von alten Monopolisten, die durch bessere abgelöst werden“, schreibt Thiel.

          Sein Buch soll ein Ratgeber für Gründer sein. Entstanden ist es aus einem Seminar, das er im Jahr 2012 an der Stanford University in Kalifornien gehalten hat. Ein aufmerksamer Student notierte damals, was Thiel erzählte, und als sich der Mitschrieb später auf dem Campus und darüber hinaus immer mehr verbreitete, überarbeitete Thiel das Skript und gab es gemeinsam mit dem Studenten Blake Masters als Buch heraus.

          Peter Thiel (mit Blake Masters): Zero To One. Wie Innovation unsere Gesellschaft rettet, Campus Verlag. Gebundene Ausgabe: 22,99 Euro
          Peter Thiel (mit Blake Masters): Zero To One. Wie Innovation unsere Gesellschaft rettet, Campus Verlag. Gebundene Ausgabe: 22,99 Euro : Bild: Verlag

          Die Gründerzeit im Silicon Valley ist seine Idealwelt. Thiel erzählt von den schweren Anfängen des kommerziellen Internets zu Beginn der 90er Jahre als das Netz vor sich her dümpelte und der Nerd noch ein missachteter Streber war. Technische Fächer seien damals bei Studenten als abseitig verpönt gewesen. Wer etwas auf sich hielt, studierte Wirtschaft oder Jura, so wie Peter Thiel selbst.

          Seinem anfänglichen Konformismus hat er aber abgeschworen. Ursprünglich wollte er eine Stelle am obersten Gerichtshof und hatte auch gute Aussichten darauf. Als es dann doch nicht klappte, sei er am Boden zerstört gewesen. Dass er am Ende eine hollywoodreife  Karriere als Starinvestor gemacht hat, lässt ihn rückblickend mit Genugtuung sagen: „Am obersten Gerichtshof hätte ich vermutlich den Rest meines Lebens damit zugebracht, eidesstaatliche Aussagen entgegenzunehmen oder anderer Leute Geschäftsverträge zu entwerfen, statt etwas Eigenes auf die Beine zu stellen.“

          Die Trägheit der Großkonzerne

          Wie es sich für einen Ratgeber für Gründer gehört, kommt Thiel mit viel Motivation daher. Er lobt die Start-Up-Mentalität kleiner Firmen. Auch wenn es alle anderen ehrgeizigen Kommilitonen zu namhaften und prestigeträchtigen Großunternehmen ziehe, sei es doch Tatsache, dass sich in großen Unternehmen kaum etwas Neues schaffen lasse. In manchen großen Unternehmen sei es „besser für die Karriere, Arbeit vorzutäuschen als tatsächlich zu arbeiten“.  Auf wessen Arbeitgeber das zutreffe, der solle unbedingt noch heute kündigen.

          Der Ratgeber wendet sich unausgesprochen an Gründer, die ein Technologie-Unternehmen gründen wollen, weniger an Kleingründer, die sich mit einem Laden oder einem Restaurant selbständig machen wollen. Überhaupt hält er von Nachahmern herkömmlicher Ideen wenig -  da gibt er sich großspurig. Das gilt nicht nur für die kleinen, sondern auch für die großen Ideen. Der nächste Bill Gates programmiere kein Betriebssystem. Und der nächste Mark Zuckerberg erfinde auch kein soziales Netzwerk, schreibt er gleich zu Beginn seines Buches. Aber man könne von ihnen dennoch lernen.

          „Vermeiden Sie den Konkurrenzkampf wo es geht!“

          Thiel interessiert vor allem die Frage, wie man als Gründer im Internetzeitalter mit „kühlem Kopf ein Monopol errichten kann“.  Und zwar eines, das einige Zeit Bestand hat. Jedes Monopol sei einmalig, schreibt er, doch die meisten bringen eine Kombination aus vier Punkten mit: eigene Technologie, Netzwerkeffekte, Größenvorteile und Markenbildung. Thiel lobt Googles Suchalgorithmen, die mit ihren extrem kurzen Ladezeiten besser seien als die Programme sämtlicher Konkurrenten. Facebook und seine Nutzer profitierten extrem von Netzwerkeffekten, weil das Produkt umso nützlicher sei, je mehr Menschen es nutzen. Für Start-Ups sei das zu Beginn sehr schwierig, weil man zunächst eine kritische Masse an Nutzern benötige, damit der Effekt zum Tragen komme. Mark Zuckerberg sei dabei aber sehr klug vorgegangen, weil er die kritische Masse möglichst gering hielt, indem er das soziale Netz zunächst auf die Harvard-Universität beschränkte und erst dann vorsichtig für andere Nutzer öffnete. Der Markt könne zunächst klein sein, wichtig sei, dass man ihn von Beginn an dominiere.

          „Vermeiden Sie den Konkurrenzkampf wo es geht!“, ruft Thiel seinen Lesern zu. Seine Hymne auf das Monopol hält sich nicht lange mit den volkswirtschaftlichen Nachteilen auf. Er feiert das Monopol aus betriebswirtschaftlicher Sicht. Doch auch für die Gesamtwirtschaft seien kreative Monopole von Vorteil: "Ein Monopol ist weder eine Krankheit noch ein Ausnahmezustand“.

          Wenn Peter Thiel in seinem Buch gegen das Idealbild des Wettbewerbs giftet, klingt das rebellisch, weil er scheinbar mit Dogmen der Wirtschaftswissenschaften bricht.

          Dass Monopole von Ökonomen stets nur negativ gesehen werden, ist indes ein weit verbreiteter Irrglaube. Zwar ist es richtig, dass in volkswirtschaftlichen Lehrbüchern meist vom Idealbild des vollkommenen Wettbewerbs die Rede ist; das Monopol wird dabei oft nur als ärgerlicher Problemfall abgehandelt. Doch je tiefer sich Ökonomen mit Monopolen befassen, umso vielschichtiger wird das Bild.

          In den 70er Jahren etwa kam der amerikanische Ökonom William Baumol in seiner „Theorie der angreifbaren Märkte“ zu dem Schluss, dass aus der Zahl der Anbieter auf einem Markt überhaupt keine Schlüsse auf das Marktergebnis gezogen werden dürfen. Entscheidend sei vielmehr, ob es Marktzutrittsschranken gebe, die den Monopolisten vor potentiellen Wettbewerbern schützen. Ist der Marktzutritt grundsätzlich frei, könnten sich auch Monopolisten nicht unflätig verhalten. Die These blieb nicht ohne Widerspruch, doch die Theorie war nicht die erste, die Monopolisten in einem anderen Licht erscheinen ließ. 

          Auch große Volkswirte wie Joseph Schumpeter und Friedrich August von Hayek würden Thiel - wenn sie denn noch leben würden - wohl lauthals unterstützen. Für sie war wirtschaftlicher Fortschritt stets „schöpferische Zerstörung“ und ähnlich dynamisch wie die Evolution. Jemand hat eine gute Idee und schöpft etwas Neues. Die Erfindung mag Altes dann zerstören, womöglich kann der Erfinder zeitweise eine Monopolstellung aufbauen, doch im Laufe der Zeit werden die Ideen anderer auch diese Machtstellung wieder zerstören. Thiels Lob auf den Monopolisten würden die beiden Ökonomen allerdings noch ein zweites Lob für die Nachahmer hinterher schieben. Denn anders als von Thiel dargestellt, haben auch die ganzen Nachahmer ihre Berechtigung. Sie lassen die alten Machtstellungen immer wieder aufs Neue erodieren und bereiten so den Boden für den Fortschritt. Beide bringen die Wirtschaft langfristig voran.

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