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Ökonomie In Krisen gehen auch Doktrinen unter

07.04.2009 ·  In Wirtschaftkrisen gerät immer auch die herrschende Lehrmeinung der Ökonomen ins Wanken. So war es in den dreißiger Jahren und auch in den Siebzigern. Welche neuen Theorien können sich stattdessen durchsetzen? Zu revolutionär dürfen sie nicht sein. Aber kompliziert. Das verschafft Respekt beim akademischen Nachwuchs.

Von Gerald Braunberger
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Wirtschafts- und Finanzkrisen belasten nicht nur Unternehmen und Konsumenten, Aktionäre und Arbeitssuchende. Sie können auch den Wechsel dominierender ökonomischer Doktrinen befördern. In der aktuellen Krise stellen Kritiker (zu Recht oder zu Unrecht) den Liberalismus an den Pranger, während der häufig totgesagte John Maynard Keynes eine Wiederkehr erlebt, deren Dauerhaftigkeit freilich ungewiss bleibt. Wie es weitergehen könnte, zeigt ein Blick auf zwei vergangene Erfahrungen, die der kanadische Ökonom Harry G. Johnson (1923 bis 1977), ein anerkannter Meister seines Faches, analysiert hat.

In der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre gerieten der Liberalismus und die von ihm geprägte neoklassische Ökonomik in die Kritik - ob zu Recht oder zu Unrecht, sei wiederum dahingestellt. In der öffentlichen Meinung hatten beide jedenfalls versagt. Die Reaktion kam in Gestalt dessen, was später bombastisch als "Keynesianische Revolution" bezeichnet wurde: Keynes zeigte in seiner "General Theory" einen Weg, wie mit Hilfe überschaubarer Staatseingriffe eine Wirtschaft die Krise verlassen kann. Seine Nachfolger bauten die Lehre aus und interpretierten sie auf ihre Weise, die sich teilweise von den Überzeugungen Keynes' unterschied. Gleichwohl: Der Keynesianismus löste den Liberalismus als herrschende Doktrin ab.

Fünf Voraussetzungen für den Paradigmenwechsel

Um 1970 herum war der Keynesianismus in der öffentlichen Wahrnehmung am Ende, gescheitert an der Inflation, für die Keynesianer (tatsächlich oder angeblich) keine Lösung wussten. Der Liberalismus kehrte, gegenüber dem Altliberalismus und der Mises-Schule ein wenig glattgebügelt, mit Milton Friedman als Bannerträger zurück und löste die Herrschaft des Keynesianismus ab.

Wird der Keynesianismus in der aktuellen Krise den Liberalismus wieder entthronen? Befragen wir Johnson, der fünf Voraussetzungen für den Wechsel der führenden Doktrin ausgemacht hatte:

1. Die neue Doktrin attackiert die zentrale Botschaft der führenden Lehre auf eine neue, aber akademisch akzeptable Weise und verkehrt die Botschaft in ihr Gegenteil. Gleichzeitig spricht sie ein aktuelles und wichtiges ökonomisches Problem an - im Falle von Keynes die Weltwirtschaftskrise mit Massenarbeitslosigkeit, im Falle Friedmans die Inflation -, für das die alte Lehre tatsächlich oder vermeintlich keine Antwort parat hatte.

2. Die Angreiferin muss neu sein, aber gleichzeitig so viel brauchbare Bestandteile wie möglich der alten Lehre einbauen, ohne dies einzuräumen. "In diesem Prozess hilft es erheblich, alten Konzepten neue und verwirrende Namen zu geben und als entscheidend solche Analyseschritte herauszustellen, die man früher als Plattitüden verstanden hatte", schrieb Johnson nicht ohne Sarkasmus.

3. Sie muss einen angemessenen Schwierigkeitsgrad besitzen, was Johnson wiederum sarkastisch kommentierte: Die neue Theorie muss so kompliziert sein, dass die älteren, etablierten Fachkollegen sie nicht richtig verstehen, sich daher irrtümlich mit irrelevanten Details befassen und so ihre Kritik selbst entwerten. Die neue Theorie muss gleichzeitig so kompliziert sein, dass der akademische Nachwuchs sich von ihr angezogen fühlt.

4. Sie muss den talentierteren Ökonomen eine neue Methodologie, also eine neue Herangehensweise an ökonomische Fragen, ermöglichen.

5. Sie enthält genügend Futter für die wachsende Zunft der Ökonometriker. Wendet man die Liste Johnsons auf die aktuelle Lage an, dann hätte ein neuer Keynesianismus die Punkte 1, 2 und 5 auf seiner Seite. Er kann mit Blick auf die Finanzkrise die Marktgläubigkeit der Liberalen attackieren und damit in der Öffentlichkeit überzeugen, auch wenn Liberale diese Interpretation zurückweisen würden (Punkt 1). Der Keynesianismus bedeutet keine theoretische Wende; er trägt viel liberales Gedankengut in sich (Punkt 2). Und fraglos würden sich Ökonometriker darauf stürzen (Punkt 5). Die Punkte 3 und 4 sind nicht so offensichtlich.

Man kann noch aus einer anderen Perspektive auf die wissenschaftlichen Doktrinenwechsel der dreißiger und der späten sechziger Jahre schauen: Die jeweils herrschenden Doktrinen besaßen überhaupt keine Chance, und zwar nicht, weil die Angreifer so furchterregend gewesen wären. Die Vertreter der jeweils herrschenden Lehre haben den Fehler begangen, den Herausforderer großzureden, indem sie ihn heftig attackierten. So schlagen auch heute die Liberalen wild auf Kritiker und neue Keynes-Fans ein - und spielen damit das Spiel ihrer Herausforderer.

Die Geschichte lehrt etwas ganz anderes: Die angegriffene Schule muss selbstkritisch in sich gehen und prüfen, ob ihr Programm einer Revitalisierung bedarf. Wer die aktuelle Krise ausschließlich mit Staatsversagen begründen will, darf nicht klagen, wenn sich die Deutungshoheit woanders befindet.

Nach seiner Niederlage gegen Keynes hatte sich der alte Liberalismus erneuert: in Gestalt eines gezähmten Neoliberalismus etwa, wie er auf der Pariser Konferenz 1939 angedacht und in Deutschland als Ordoliberalismus konzipiert wurde. Oder in Gestalt eines gezähmten Liberalismus à la Friedman, der die Extreme der Mises-Schule ablehnte und am staatlichen Geldmonopol festhielt.

Erneuert hat sich auch der Keynesianismus. Keynesianer haben akzeptiert, dass eine Feinsteuerung der Konjunktur nicht funktioniert, dass Inflation schadet, anstatt zu nutzen, und expansive Finanzpolitik nicht zwingend die Wirtschaft ankurbelt. Das erleichtert ihnen jetzt ihr Comeback. Ob auch die heutigen Liberalen in sich gehen werden?

Harry G. Johnson (1971): „The Keynesian Revolution and the Monetarist Counter-Revolution“; in: American Economic Review, Vol. 61(2), S. 1-14.

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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