Home
http://www.faz.net/-gqq-vwr5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ökonomie Das Irrationale im Gehirn

05.12.2007 ·  Warum ist es so schwer, mit dem Rauchen aufzuhören? Abstinenz kostet zwar kurzfristig einige Mühe, zahlt sich langfristig aber aus. Doch das Verhalten vieler Raucher ist so irrational, dass sich sogar Ökonomen dafür interessieren. Irgendetwas läuft da schief im Kopf - ein Gehirnscanner soll zeigen was.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Die Fabel vom unbekümmerten Grashüpfer und der fleißigen Ameise geht so: Während die Ameise den Sommer über damit beschäftigt ist, Vorräte für den Winter anzuhäufen, genießt der Grashüpfer den Sommer, ohne einen Gedanken an den drohenden strengen Winter zu verschenken - mit entsprechenden Folgen.

Nun haben wir Menschen beides in uns, die Ameise und den Grashüpfer: Wir wissen um die Notwendigkeit langfristig vorausschauenden Handelns, wir wissen, dass wir fürs Alter vorsorgen müssen, dass Rauchen langfristig schadet, und manchmal handeln wir dann auch im Sinne der Ameise und sparen, respektive stellen das Rauchen ein. Doch da ist auch immer wieder der Grashüpfer in uns, der uns unsere guten Vorsätze verwerfen lässt, der uns dazu bringt, dass wir bereits am 2. Januar wieder eine Zigarette anstecken oder dem Fitness-Club den Rücken kehren. Nirgends treten unsere Schwächen klarer zutage als bei guten Vorsätzen, langfristig das Richtige zu tun, wenn es mit kurzfristigem Verzicht verbunden ist.

Ein einfaches Experiment

Vom ökonomischen Standpunkt aus lässt sich nur schwer erklären, warum Menschen ihre eigenen guten Vorsätze brechen: Wenn man am 1. Dezember erkennt, dass Rauchen langfristig schlecht für die Gesundheit ist, und man beschließt, am 31. Dezember aufzuhören - warum ändert man seine Meinung, wenn der 1. Januar an die Tür klopft? Wieso soll das, was am 1. Dezember richtig war, vier Wochen später auf einmal nicht mehr gelten? Einfache Experimente zeigen, wie sehr Menschen ein Problem mit langfristigem Handeln und kurzfristigen Versuchungen haben: Man bietet Versuchspersonen zwei Alternativen an - entweder 10 Dollar in einem Jahr oder aber 11 Dollar in einem Jahr und einem Tag. Die meisten Befragten entscheiden sich für die 11 Dollar - ein Dollar ist es offenbar wert, dass man einen Tag darauf wartet. Nun ändert man das Experiment ein wenig ab: Jetzt haben die Probanden die Wahl zwischen 10 Dollar heute oder 11 Dollar morgen - und auf einmal entscheiden sich viele der Befragten für die 10 Dollar, jetzt ist der eine Dollar es nicht wert, einen Tag auf ihn zu warten. Ökonomisch gesehen ist das nicht nachvollziehbar: Warum ist man bei einem Zeithorizont von einem Jahr bereit, einen Tag auf einen Dollar zu warten, aber nicht, wenn man heute vor der gleichen Entscheidung steht? Die Wartezeit für den Dollar - ein Tag - ist in beiden Fällen die gleiche, so dass ein rationaler Mensch eigentlich keinen Unterschied machen sollte. Und doch tut er es.

Offenbar verhält es sich mit unserer Zeitpräferenz also dergestalt, dass sie nicht konstant ist, sondern auch vom jeweiligen Zeithorizont abhängt. Dabei werden gegenwärtige Belohnungen von uns oft systematisch höher bewertet als zukünftige Belohnungen. Das Beispiel des Rauchens macht diesen Befund deutlich: Liegt der Verzicht auf die Zigarette noch in weiter Ferne, so reicht uns die Aussicht auf eine bessere Gesundheit, um den Vorsatz zu fassen, mit dem Rauchen aufzuhören. Ist aber der Tag gekommen, an dem wir aufhören wollten, der Verzicht liegt also unmittelbar vor uns, so ist das Verlangen nach der Zigarette so groß, dass die in Aussicht gestellte Belohnung für den Verzicht - langfristig bessere Gesundheit - nun nicht mehr ausreicht, um den guten Vorsatz aufrechtzuerhalten. Offenbar waren wir vorher nur bereit, den guten Vorsatz zu fassen, weil wir die Gier nach einer Zigarette im Moment der Entscheidung unterschätzt haben.

Zwei Gehirnregionen im Wettstreit

Doch woran liegt es, dass wir die Dringlichkeit unserer aktuellen Bedürfnisse unterschätzen und kurzfristig das Falsche tun, obwohl wir wissen, dass es langfristig falsch ist? Legt man Versuchspersonen in einen Gehirnscanner und konfrontiert sie mit Entscheidungen über sofortige oder spätere Belohnungen, so wird deutlich, dass sich bei solchen Entscheidungen zwei verschiedene Gehirnregionen einen Wettstreit liefern: Die Aussicht auf unmittelbare Belohnungen - beispielsweise jetzt eine Zigarette - aktiviert das sogenannte limbische System, das eher für unbewusste, impulsive Handlungen zuständig ist; geht es hingegen um längerfristige Prozesse, also die guten Vorsätze, so schaltet sich der präfrontale Cortex ein, der für überlegtes Handeln und kognitive Kontrolle zuständig ist. Die Entscheidung, das Rauchen aufzugeben oder nicht, gerät also zu einem Wettstreit: Auf der einen Seite das limbische System, das wir von unseren frühesten Vorfahren geerbt haben und das für automatische, impulsive Handlungen zuständig ist; auf der anderen Seite der präfrontale Cortex, der es den Menschen als einziger Spezies ermöglicht, überlegte, abstrakte Planungen für die Zukunft zu machen. Die Ameise ist also sozusagen der Cortex, der Grashüpfer das limbische System.

Das klingt allerdings auch ein wenig nach einer bequemen Ausrede: Es ist also nicht Willensschwäche, sondern das eigene Gehirn, gegen das man nur schwer ankommt - und leider ist da auch etwas dran. Wer dennoch etwas gegen seine Schwäche tun will, zugunsten kurzfristiger Belohnungen auf das langfristig Richtige zu verzichten, kann sich der einfachen Technik der Selbstbindung bedienen: Man macht durch langfristige Vorkehrungen ein Brechen der einmal gefassten Vorsätze extrem teuer. Man wettet also mit den Bekannten um einen hohen Einsatz, dass man mit dem Rauchen aufhört, und erhöht somit den Druck auf den Cortex, sich dieser Sache anzunehmen, statt die Entscheidung dem gierigen, flatterhaften limbischen System zu überlassen. Grashüpfer zu werden muss kein Schicksal sein.

Samuel McClure et. al.: Separate neural Systems value immediate and delayed monetary rewards, in; Sciene, Vol. 306, 15. October 2004, pp. 503- 507.

David Laibson: Golden Eggs and Hyperbolic Discounting, in: Quarterly Journal of Economics, Vol. 112 (1997), No. 2, pp. 443-478.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.12.2007, Nr. 48 / Seite 34
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 8 7

29.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.396,84 +1,16%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.394,15 +1,26%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2465 −0,19%
Rohöl Brent Crude 106,30 $ −0,51%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.