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Ökonomie Bienen lügen nicht

Auf der Suche nach neuen Ideen hören sich Ökonomen in Nachbardisziplinen um. Aber was können Wirtschaftswissenschaftler von Bienenforschern lernen?

© Peter von Tresckow Vergrößern

Eigentlich wollen die meisten Wirtschaftswissenschaftler schon lange wie Naturwissenschaftler sein. Und rein optisch ist ihren Forschungspapieren das längst gelungen: Wer heute als unbedarfter Leser durch die renommierten Fachzeitschriften blättert, bekommt den oberflächlichen Eindruck, hier gehe es hauptsächlich um Feinheiten mathematischer Modelle und nicht um die riesigen Probleme, mit denen die Volkswirtschaften dieser Welt seit Jahren kämpfen. Das muss kein Widerspruch sein, aber es wirkt bisweilen so. Die Liebe der Ökonomen zu ihren Gleichgewichtsmodellen glüht zwar nicht mehr wie vor der Krise, aber die Beziehung hält noch.

Vieles hat sich in den vergangenen Jahren schon verändert, die Wirtschaftswissenschaftler verlassen ausgetretene Pfade und tasten sich auf neuen Wegen voran. Auch sie haben bemerkt, dass ihre Meinung besonders dann gefragt ist, wenn die Finanzmärkte Kapriolen schlagen und der Euro auf der Kippe steht. Und da wirkt der Verweis auf das Berechnen neuer „Gleichgewichte“ ungewollt komisch und leer. Auch weil die konventionellen Modelle die Krisen nicht zuverlässig vorhersagen können, suchen Ökonomen neue Inspiration: Anders als im späten 19. und im 20. Jahrhundert ist aber nicht mehr die Physik das Vorbild, sondern heute suchen sie bei Biologen, Psychologen und Hirnforschern.

Neuroökonomen beispielsweise wollen ihren Probanden direkt ins Gehirn schauen. Im Kernspintomografen beobachten sie ihre Hirnaktivität, um zu verstehen, wie Gefühle und Hormone unsere Entscheidungen beeinflussen. Verhaltensökonomen machen mit ihren Studenten Experimente im Labor oder gehen raus zur Feldforschung. Andere untersuchen die DNA.

Die Regeln der Bienen gegen den Systemzusammenbruch

Die Ideen sind oft faszinierend. Aber führen sie auch weiter? Wie schwierig und gleichzeitig einnehmend die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist, hat in der vergangenen Woche eine vom House of Finance mitorganisierte Tagung in Frankfurt gezeigt. Dort trafen sich Ökonomen und Naturwissenschaftler, um ihre Gedanken zum Thema „Systemrisiken“ zu teilen. Wenn Ökonomen auf der Suche nach stabilen Systemen seien, dann lohne sich ein Blick auf das Gehirn, ermunterte der Hirnforscher Wolf Singer vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt. Ähnlich wie das Finanzsystem sei das Gehirn ein hochkomplexes Gebilde - dabei aber ganz erstaunlich robust und stabil. Milliarden von Nervenzellen bildeten mit Billionen von Synapsen ein Netzwerk, das auch dann funktioniere, wenn einzelne Bestandteile Fehler machten. Eine solche Fehlertoleranz müsste auch im Finanzsystem angestrebt werden. Zudem könne sich das Gehirn bei partiellen Ausfällen teils selbst reparieren.

Der amerikanische Bienenforscher Thomas Seeley von der Cornell-Universität warb für einen Blick auf die Bienenvölker: Dort hätten sich im Zuge der Evolution durch natürliche Auslese Regeln herauskristallisiert, die Stabilität im System gewährleisten. Um das zu untermauern, holte der New Yorker Forscher etwas aus: Auch für ein Bienenvolk stellen sich laut Seeley viele ökonomische Fragen: Wo gibt es ergiebige Futterquellen, die es auszubeuten lohnt? Wie viele Bienen sollen welche Wiesen ansteuern? Wie sollen die Ressourcen im Stock eingesetzt werden? Und was ist zu tun, wenn sich die Bedingungen ändern? Wer entscheidet?

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