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Veröffentlicht: 15.06.2009, 08:59 Uhr

Ökonomenstreit Der Rückzug ins nationale Schneckenhaus

Die deutschen Volkswirte streiten erbittert über das Selbstverständnis ihres Faches. Die Krise hat sie schwer verunsichert. Mit Skepsis verfolgt der Schweizer Ökonom Gebhard Kirchgässner die Debatte: Die deutschen Nationalökonomen sollten keinen Sonderweg gehen. Eine Außenansicht.

von Gebhard Kirchgässner
© ddp Wenn die deutsche Nationalökonomie weiterhin international eine Rolle spielen soll, darf sie sich nicht in ein nationales Schneckenhaus zurückziehen

Es ist schon erstaunlich, was sich derzeit in Deutschland abspielt. Nachdem sie durch das Dritte Reich abgehängt wurde, hat die deutsche Nationalökonomie in den letzten Jahrzehnten in mühsamen Anstrengungen endlich wieder Anschluss an die internationale Entwicklung gefunden, wobei zwei früheren Vorsitzenden des Vereins für Socialpolitik, Heinz König und Hans-Werner Sinn, ein besonderes Verdienst dafür zukommt.

Dennoch verlangen nicht wenige Professoren wieder einmal einen deutschen Sonderweg: Die Deutschen sollten sich vom amerikanischen Vorbild abkoppeln, da dieses Volkswirtschaftslehre als Naturwissenschaft betrachte, und sich wieder an deutschen Vorbildern wie dem Ordoliberalismus orientieren und die Volkswirtschaftslehre als Sozialwissenschaft betrachten. Als wenn die Sozialwissenschaften eine nationale Angelegenheit wären und man nicht auch in Deutschland wüsste (oder zumindest wissen sollte), welch katastrophale Auswirkungen nationale Sonderwege im Wissenschaftsbereich haben können (und in aller Regel auch haben).

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Man muss sich das vergegenwärtigen: Professoren der Volkswirtschaftslehre, die nicht müde werden, Wettbewerb und offene Märkte zu fordern, und die nur allzu häufig jene, die durch die Öffnung von Güter- oder Arbeitsmärkten schlechter gestellt werden, damit vertrösten, dass es langfristig dadurch allen bessergehen werde, versuchen sich, beziehungsweise ihre Auffassung von der richtigen Art, Nationalökonomie zu betreiben, durch Protektionismus zu schützen.

Gebhard Kirchgässner © Universität St.Gallen Vergrößern Gebhard Kirchgässner

Einig nur in der Ablehnung

Gleichzeitig versuchen Professoren unter Verletzung sämtlicher akademischer Gepflogenheiten sich ungerufen in ein Berufungsverfahren in Köln einzumischen, da sie dort ihre Auffassung von Nationalökonomie gefährdet sehen. Und schließlich rufen 83 Professoren der Volkswirtschaftslehre zur Rettung der Volkswirtschaftslehre auf (siehe Rettet die Wirtschaftspolitik an den Universitäten!). Berücksichtigt man freilich, dass auch Rudolf Hickel und Roland Vaubel diesen Aufruf unterschrieben haben, wird deutlich, dass die Unterzeichner sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber haben, wie Volkswirtschaftslehre betrieben werden sollte. Einig sind sie sich wohl nur in der Ablehnung dessen, was sie als herrschende Lehre betrachten.

Was aber sind die Vorwürfe? Da steht zunächst die Behauptung im Raum, die Mathematisierung der Volkswirtschaftslehre führe dazu, dass um der logischen Stringenz willen die Realitätsnähe der Analysen vernachlässigt werde. Nun ist nicht zu bestreiten, dass es in hoch- angesehenen internationalen wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschriften theoretische Arbeiten gibt, deren Bedeutung für die Lösung realer Probleme durchaus zweifelhaft ist. Es handelt sich dabei um die Lösung von Puzzles im Sinne von Thomas Kuhn, die vor allem die formalen Fähigkeiten des Autors demonstrieren sollen. Andererseits sind viele der rein verbalen Analysen, die sich zum Beispiel in deutschsprachigen Zeitschriften finden, stark ideologiegetränkt. Was schlimmer ist, darüber kann man diskutieren.

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