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Ökologie Die Zweifel am Wachstum wachsen

11.06.2010 ·  Die ökologischen Kritiker an der wirtschaftlichen Expansion hielten sich lange zurück. Mit der Finanzkrise erhalten sie ungeahnten Zulauf. In den vergangenen Monaten ist die Flut wachstumsskeptischer Literatur wieder gestiegen.

Von Philipp Krohn
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Wenig hat der ökologischen Wachstumskritik so sehr genutzt wie das Buch "Die Grenzen des Wachstums" von 1972. Wenig hat ihr aber auch so geschadet wie der Bestseller, mit dem der Club of Rome auf die drängenden Umweltprobleme aufmerksam machen wollte. Denn einerseits hat der Bericht die Öffentlichkeit aufgerüttelt. Andererseits hat seither kaum jemand mehr über die Grundlagen der Wachstumskritik diskutiert. Meist ging es darum, die angeblich falschen Prognosen der Zukunftsforscher um Dennis L. Meadows zu kritisieren. Dabei haben ihre rund ein Dutzend Szenarien für die Zeit vor 2020 keine einzige Aussage getroffen.

Die philosophische Dimension des Themas geht weit tiefer. Wachstumskritiker berufen sich gerne auf den kurzen Essay "Economic Possibilities for our Grandchildren" von John Maynard Keynes. In der Schrift von 1930 entfernte sich der einflussreichste Ökonom des 20. Jahrhunderts von der Weltwirtschaftskrise und wagte einen weiten Blick voraus. In nur einem Jahrhundert werde das ökonomische Problem - die materielle Knappheit - gelöst sein, meinte Keynes. Dann könnten sich Spezialisten um wirtschaftliche Fragen, der Rest der Menschheit könne sich aber um wichtige Dinge kümmern. In einer vielzitierten Passage schrieb Keynes: "Wenn die Ökonomen es hinbekämen, dass man sie als bescheidene, kompetente Leute betrachtet, auf einer Ebene mit Zahnärzten, wäre das großartig."

In den vergangenen Monaten ist die Flut wachstumsskeptischer Literatur wieder gestiegen. Durch die Finanzkrise sehen sich manche Theoretiker bestätigt. Ein Blick auf die Liste der Autoren könnte den Eindruck erwecken, es seien wieder die üblichen Verdächtigen. Denn Ökonomen wie Hans Christoph Binswanger ("Vorwärts zur Mäßigung"), Friedrich Hinterberger ("Welches Wachstum ist nachhaltig? Ein Argumentarium") oder Fred Luks ("Endlich im Endlichen") sind seit vielen Jahren Vertreter eines alternativen Stranges des Wachstumsdiskurses. Selbst eine steigende Ökoeffizienz halte den Menschen nicht ab, immer mehr Güter zu produzieren, so dass die technischen Innovationen nicht ausreichten, den Verbrauch zu senken, lautet eine ihrer zentralen Thesen.

„Wir müssen lernen, ohne Wachstum zurechtzukommen“

Auch der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel zählt seit mehr als drei Jahrzehnten zu jenen Intellektuellen, die zumindest von Wachstumsskepsis geleitet sind. Mit seinem aktuellen Buch "Exit - Wohlstand ohne Wachstum" aber hat er das Thema erstmals in den Mittelpunkt seiner Überlegungen gestellt. Der permanente Wachstumsdruck überfordere nicht nur die Umwelt, sondern zunehmend auch die Menschen, die angesichts ihrer wachsenden Arbeitsbelastung mit einem vagen Versprechen auf einen materiellen Zuwachs vertröstet würden.

Neu scheint aber zu sein, dass ein Autor mit solchen Thesen weit über die engere wachstumskritische Gemeinde hinaus Zustimmung erhält. In Rezensionen in der Presse erhielt Miegel überwiegend Lob dafür, ein wichtiges Thema ohne Klischees, Vorurteile und mit intellektueller Redlichkeit bearbeitet zu haben. Auch in anderen Diskussionszirkeln ändert sich der Tenor der Debatte. So liefert der frühere bayerische Landtagspräsident Alois Glück (CSU) in seinem Buch "Warum wir uns ändern müssen" den Entwurf einer ökosozialen Marktwirtschaft, die sich "qualitativ" ausrichten müsse.

Nun ist das Reden vom "qualitativen Wachstum" seit mehr als 30 Jahren üblich und diente oft dazu, das wirtschaftspolitische Ziel gegen ökologische Kritik zu immunisieren. Glücks Thesen hingegen wirken wie eine späte Versöhnung mit dem konservativen Ökologen Herbert Gruhl ("Ein Planet wird geplündert"), der sich 1978 zunächst mit seiner Partei, der CDU, überwarf, schließlich die Grünen mitgründete, diese aber wegen ihrer Linksausrichtung bald wieder verließ.

Die Finanzkrise ist vielen ein Zeichen dafür, dass hohe Wachstumsraten nur zu erreichen sind, wenn gefährliche ökonomische Risiken und Blasen in Kauf genommen werden. Von diesem Gedanken geleitet, wird auch auf den Diskussionspodien der Republik ein Argument immer hoffähiger, das noch vor einigen Jahren von Politikern, Gewerkschaften und Wirtschaftsvertretern vehement abgelehnt worden wäre. "Wir müssen in der Gesellschaft lernen, ohne Wachstum zurechtzukommen", sagte die Duisburger Politologin Ute Klammer kürzlich auf einer sozialpolitischen Tagung der Bertelsmann-Stiftung. Für den Staat bedeute das, dass er Interessen kaum mehr durch zusätzliche Mittel ausgleichen könne.

Was ist unser Sinngeber, wenn es das Wachstum nicht mehr ist?

Mit Meinhard Miegel hat die wachstumskritische Gemeinde erstmals einen Kopf gewonnen, der nicht explizit aus dem ökologisch-nachhaltigen Milieu stammt und deshalb weit in andere Gruppen hineinwirkt. Zudem belässt er es nicht beim Bücherschreiben. Als er Ende November erstmals die Arbeit seiner Stiftung Denkwerk Zukunft öffentlich vorstellte, fragte Miegel: "Was ist zukünftig unser Sinngeber, wenn es das Wachstum nicht mehr ist?" Die 2007 gegründete Stiftung solle helfen, der gesellschaftlichen Enttäuschung vorzubeugen, die sich ergeben könnte, falls das Wachstum eines Tages zum Halten komme.

Und wo Miegel ist, ist auch der ehemalige CDU-Generalsekretär und sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf nicht weit. Mit ihm hatte er 1977 den Vorläufer des "Denkwerks", das Institut für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn, gegründet. Man müsse sich heute die Frage stellen, wie Demokratie ohne Wachstum möglich sei, sagt Biedenkopf nun. "Unsere Strukturen haben die Idee verinnerlicht, dass alles auf Vermehrung beruht." Dabei erinnert er daran, dass er schon 1979 im Deutschen Bundestag leidenschaftlich vom FDP-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff gefordert hatte, sich unabhängiger vom Wachstum zu machen.

Mehrere Arbeitskreise haben sich im Denkwerk Zukunft zu unterschiedlichen Themenfeldern gebildet. Glück, Hinterberger und Binswanger zählen wie viele weitere renommierte Wissenschaftler und Unternehmer zu den Unterstützern. Nur in der aktiven Politik findet ihr Wachstumszweifel bislang kaum Verbreitung. Die Hoffnung von John Maynard Keynes, dass ökonomische Themen eines Tages ohne Aufregung in Spezialistenzirkeln verhandelt werden, hat sich noch lange nicht erfüllt - selbst wenn für viele Kritiker klar ist, dass das frühere Wachstum nur noch mit schwer kalkulierbaren, steigenden Risiken wiederholbar ist.

Das Entropiegesetz und die Wachstumsgrenzen

Volkswirte haben zwei Hauptsätze der Wohlfahrtsökonomik aufgestellt, die als Kern ihrer Gleichgewichtstheorie gelten: 1. In einem Wettbewerbs-Gleichgewicht kann keiner der Marktteilnehmer bessergestellt werden, ohne jemand anderen schlechter zu stellen. 2. Auf Basis einer entsprechenden Umverteilung kann jedes beliebige Marktgleichgewicht erreicht werden. Der rumänische Mathematiker Nicholas Georgescu-Roegen (1906 bis 1994), einer der Stichwortgeber der Wachstumskritiker, strebte danach, diese Theoreme durch die zwei Hauptsätze der Thermodynamik zu ergänzen, die aus der Physik stammen. Demnach können Energie und Materie nie geschaffen, sondern immer nur umgewandelt werden. Zudem könne die Entropie (ein Maß für den thermodynamischen Zustand eines Systems) in einem geschlossenen System niemals abnehmen. Das bedeutet, dass jede Energieumwandlung zu einem irreversiblen Verlust führt. Georgescu-Roegen vertrat die Auffassung, dass ein ökologisch-ökonomisches Gleichgewicht allen vier Hauptsätzen genügen müsse. Jeder Wachstumsprozess könne demnach vom Gleichgewicht wegführen, meinte Georgescu-Roegen, der an der Vanderbilt University in Amerika lehrte. Mit seinen Vorstellungen hat er die wachstumskritische Bewegung angestoßen. Zudem gelten seine Schriften als Grundlage der ökologischen Ökonomen. Nobelpreisträger Paul Samuelson meinte, es sei skandalös, dass Georgescu-Roegen den Preis nicht ebenfalls erhalten habe.

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