Was waren das für Zeiten, als sich die Notenbanken um die Sicherung des Geldwertes kümmern mussten und um nichts anderes! Heute stabilisieren die Notenbanken andere Banken, sie helfen bei der Finanzierung hochverschuldeter Staaten, und manchen Zeitgenossen wäre es lieb, wenn die Notenbanken mehr Inflation erzeugten in der Hoffnung, damit das Wirtschaftswachstum anzukurbeln und die Last der Schulden durch Geldentwertung zu ermäßigen. Wäre es nicht toll, in die schöne alte Welt zurückzukehren, in der die Notenbanken nichts anderes tun sollten, als den Wert des Geldes stabil zu halten?
Die Antwort lautet: nein. Es gibt keine Rückkehr in die Vergangenheit. Zwar tun Notenbanken heute so manches (wie die Finanzierung von Staaten), das sie besser nicht täten. Aber die Beschränkung auf Geldwertstabilität reicht in der modernen Welt mit ihren mächtigen und dynamischen Finanzmärkten nicht mehr. Notenbanken müssen auch Verantwortung für die Stabilität des Finanzsystems übernehmen, wenn schreckliche Krisen wie die aktuelle verhindert werden sollen. So lautet die Schlussfolgerung einer Gruppe von 16 zum Teil prominenten Ökonomen. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem Barry Eichengreen (Berkeley), Raghuram Rajan (Chicago), Carmen Reinhart (Peterson), Kenneth Rogoff (Harvard), Hyun Song Shin (Princeton), Dani Rodrik (Harvard) und Beatrice Weder di Mauro (Mainz).
Den Ausgangspunkt der Überlegungen bildet die scheinbar heile Welt vor der Krise. Damals hatten sich viele Notenbanken einer Inflationssteuerung ("Inflation Targeting") genannten Strategie verschrieben, in der sie über die Steuerung der kurz- und langfristigen Zinsen stabiles Geld bei attraktivem Wirtschaftswachstum erreichen wollten. Garniert wurde diese Strategie durch die Empfehlung eines Regimes flexibler Wechselkurse, das jedem Land die Möglichkeit geben sollte, seine Geldpolitik unbeeinflusst von den Entscheidungen anderer Länder zu treffen.
Der blinde Fleck
Es lässt sich nicht bestreiten, dass dank dieser Strategie vor allem in zahlreichen Schwellenländern die Inflationsraten deutlich zurückgegangen sind. Aber die Strategie besaß einen blinden Fleck: Die Sicherheit des Finanzsystems sah man mit Aufsichtsregeln wie der Forderung nach einem Minimum an Eigenkapital in Banken gewährleistet. Durch ein starkes Wachstum von Geld- oder Kreditmengen beförderte Preisblasen an Vermögensmärkten wie Immobilien und Aktien wurden so lange nicht als geldpolitisches Problem gesehen, wie die Blasen nicht platzten und das Wirtschaftswachstum sowie die Stabilität des Finanzsystems bedrohten. Erst in einer solchen Situation sollte die Notenbank mit billigem Geld stützend eingreifen. Die Geldpolitik wurde in diesem Modell asymmetrisch: Sie tolerierte den Überschwang und half in der Krise, die durch den Überschwang bewirkt wurde.
Das Unbehagen über diese vor allem von amerikanischen Ökonomen vertretene Strategie hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Nicht nur die Autoren des vorliegenden Papiers plädieren dafür, dass Notenbanken stark wachsende Kreditmengen, die Spekulationsblasen an Vermögensmärkten üblicherweise vorausgehen, in die Formulierung ihrer Politik einfließen lassen sollten, um rechtzeitig gegen den Zyklus von Boom und Krise vorzugehen. Das kann unter anderem durch die Erhöhung von Zinsen geschehen. Damit leisteten die Notenbanken einen wertvollen Beitrag zur Stabilität des Finanzsystems. Freilich bleibt die Sicherung dieser Stabilität auch weiterhin ein Auftrag für Regierungen und Aufsichtsbehörden, zum Beispiel durch die Festlegung angemessener Eigenkapitalregeln für Banken. Die Autoren wenden sich anschließend einem zweiten heißen Thema zu: der Frage, welche Folgen die Geldpolitik großer Länder (wie der Vereinigten Staaten von Amerika) für den Rest der Welt hat. In einer Welt flexibler Wechselkurse sollte die Geldpolitik eines Landes eigentlich vor den Wirkungen der Geldpolitik eines anderen Landes theoretisch geschützt sein, aber die Realität entspricht nicht unbedingt der Theorie.
Denn zum einen sind flexible Wechselkurse nicht die Regel. Viele Länder haben ihre Währung freiwillig an eine andere gebunden - das bekannteste Beispiel ist die Weigerung Chinas, den Wechselkurs seiner Währung zum Dollar freizugeben. Des Weiteren spielt der Dollar in den internationalen Zahlungsströmen eine eminent wichtige Rolle, die zum Beispiel über die umfangreichen Dollarkredite von Banken außerhalb der Vereinigten Staaten für eine Ausbreitung der amerikanischen Geldpolitik sorgen. Und letztlich sind die Kursausschläge an freien Devisenmärkten oft unnatürlich groß.
Das hat dazu geführt, dass in den vergangenen Jahren mehrere Schwellenländer auf unterschiedliche Weise in den freien Kapitalverkehr eingegriffen haben, um eine übertrieben kräftige Aufwertung ihrer Währungen gegenüber dem Dollar zu verhindern. Bisher kümmern sich die Notenbanken in den großen Ländern wenig bis gar nicht um die Wirkungen ihrer Geldpolitik auf andere Länder. Dies geschieht mit der formalen Begründung, dass eine Notenbank in ihrem gesetzlichen Mandat ausschließlich Verantwortung für den eigenen Währungsraum trägt.
Die Autoren haben recht, dass Notenbanken künftig sowohl stärker auf ein übernatürlich schnelles Wachstum von Geld- und Kreditmengen und auch auf die internationalen Wirkungen ihrer Geldpolitik achten sollten. Die Frage ist, ob sich diese Forderungen umsetzen lassen. Der hier von den Autoren unterbreitete Vorschlag ist vermutlich wenig realistisch, wie die 16 Ökonomen in ihrem Papier auch selbst andeuten. Sie stellen sich vor, dass sich die Präsidenten der großen Notenbanken regelmäßig einen Bericht erstellen, indem sie über ihre Geldpolitik und deren internationale Konsequenzen informieren. Dieser Bericht sollte der G-20-Gruppe vorgelegt und in einem möglichst breiten Rahmen diskutiert werden. Dass die Häupter der Fed, der EZB, der Bank von Japan und der Bank des chinesischen Volkes dieser Aufforderung folgen werden, erscheint zweifelhaft. Aber es wäre ja schon ausreichend, wenn nur die Geldpolitik besser würde - auch ohne Bericht.
Barry Eichengreen et al.: Rethinking Central Banking. Washington 2011 (Brookings). Im Internet: http://www.brookings.edu/~/media/Files/rc/reports/2011/09_ciepr_central_banking/Rethinking%20Central%20Banking.pdf
