http://www.faz.net/-gqe-7lopf

Neue Studie : Warum der Mindestlohn doch Jobs kostet

Viele Arbeitnehmer sind für einen gesetzlichen Mindestlohn. Aber täte ein solcher ihnen wirklich langfristig gut? Bild: dpa

Deutschlands oberster Wirtschaftsweiser warnt davor, dass der Mindestlohn viele Stellen kostet. Amerikanische Forscher geben ihm recht. Die Quintessenz ihrer Studie: Keiner sieht, wie viele Arbeitsplätze ohne einen Mindestlohn entstanden wären.

          Bald soll Deutschland einen Mindestlohn bekommen – so haben es Union und SPD in den Koalitionsverhandlungen beschlossen. Die Debatte darüber gewinnt gerade wieder an Fahrt. Denn Deutschlands oberster Wirtschaftsweiser Christoph Schmidt hat die Befürchtung geäußert, dass die Einführung einer Lohnuntergrenze Hunderttausende Stellen kosten könnte.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit Jahren schon gibt es Forderungen nach einem Mindestlohn, doch bis der mehrheitsfähig wurde, dauerte es in Deutschland Jahre. Auch Ökonomen verhalfen dem Mindestlohn zur Popularität. Denn ihre Studien zeigten, dass ein Mindestlohn ungefährlich sei. Doch jetzt stellt sich heraus: Wahrscheinlich kostet ein Mindestlohn doch eine Menge Arbeitsplätze.

          Aber der Reihe nach. Die entscheidende Frage ist, ob ein Mindestlohn Arbeitsplätze vernichtet – und ob es so viele werden, dass den Arbeitnehmern das die Freude an höheren Löhnen vergällen kann.

          Lange gab es auf diese Frage nur eine Antwort, die Wirtschaftstheoretiker nach dem einfachen Gesetz von Angebot und Nachfrage gaben. Danach wird auf dem Arbeitsmarkt ein Gleichgewichtslohn ausgehandelt, der Arbeitsplätze und Arbeitssuchende zusammenbringt. Ein Mindestlohn kann nichts nützen: Entweder er liegt unter dem Gleichgewichtslohn, dann schadet er nicht – oder er liegt über dem Gleichgewicht, dann schafft er Arbeitslosigkeit. Später wurde diese Theorie um eine gegenteilige ergänzt: Wenn es zum Beispiel nur ein Unternehmen in der Region gibt, dann kann diese Firma in den Lohnverhandlungen die Löhne so weit drücken, dass ein Mindestlohn nützlich sein kann.

          Die einen Studien fanden Schäden, die anderen nicht

          Welche Theorie ist für die Praxis relevanter? In den 90er-Jahren testeten das zwei amerikanische Ökonomen, David Card und Alan Krueger. Sie verglichen die Arbeitsplätze in Fast-Food-Restaurants nahe den Grenzen von amerikanischen Bundesstaaten – und stellten fest: Obwohl der Mindestlohn in einem Bundesstaat erhöht wurde, gab es keinen Unterschied zwischen den Arbeitsplätzen hüben und drüben. Daraus folgerten sie, dass der Mindestlohn keine Arbeitsplätze kostet.

          Auf diese Studie folgte eine Menge weiterer Untersuchungen. Gleichzeitig argumentierten manche: Wenn die Löhne steigen, ist das für Arbeitnehmer möglicherweise insgesamt besser als der Verlust von ein paar Arbeitsplätzen.

          Die Diskussion tobte heftig. Im vergangenen Frühjahr leistete sich die Hauszeitschrift der deutschen Ökonomen eine ganze Sonderausgabe mit verschiedenen Studien zum Thema Mindestlohn. Ein Konsens war nicht zu erkennen. Einige Studien fanden Schäden durch Mindestlöhne, andere nicht.

          Diese Unsicherheit der Ökonomen nutzte die Politik, zu machen was sie will, und beschloss den Mindestlohn. Lange hatten sich die Union und sogar die Gewerkschaften gegen einen Mindestlohn gesperrt. Doch als mehr und mehr Tarifverträge unterlaufen wurden und gleichzeitig der Schaden eines Mindestlohns nicht mehr eindeutig war, bekamen Mindestlöhne immer mehr Freunde.

          Was war vor der Mindestlohn-Einführung los?

          Doch jetzt kommt eine neue Studie, die Ordnung in das Chaos der Mindestlohnforschung bringt. Und ihr Schluss ist eindeutig: Mindestlöhne kosten Arbeitsplätze. Und zwar viele.

          Zwei Forscher in Texas, Jonathan Meer und Jeremy West, hatten die entscheidende Idee, um einen Sinn in den vielen unterschiedlichen Studien zu erkennen. Ihnen fiel auf: Die vielen Studien hatten nur darauf geachtet, wie sich die Arbeitsplätze nach Einführung des Mindestlohns entwickeln. Aber kaum jemand hatte darauf geachtet, was vorher los war.

          Das ist aber wichtig. Denn es kann ja sein, dass der Mindestlohn aus einem starken Arbeitsplatzwachstum ein schwaches macht. Dann sieht es so aus, als würden keine Arbeitsplätze verlorengehen, aber einen Schaden gibt es trotzdem.

          Tatsächlich ist dieser Fall für die Praxis sehr wichtig. Denn Mindestlöhne werden oft gerade dann eingeführt oder erhöht, wenn es einem Staat gutgeht und sich die Menschen wenig Sorgen um ihre Arbeitsplätze machen, sondern mehr darüber diskutieren, ob die Löhne hoch genug sind. Also dann, wenn es ein hohes Arbeitsplatzwachstum gibt.

          Anhand von Daten aus den Vereinigten Staaten können die beiden Forscher zeigen, dass ihre These stimmt. Ihre Daten machen auch deutlich, woran das liegt: Wenn ein Mindestlohn eingeführt wird, werden nur wenige Leute direkt entlassen. Dafür haben es neue und wachsende Firmen sehr viel schwerer, Stellen zu schaffen. Diese Stellen fehlen auf Dauer – und je länger der Mindestlohn in Kraft ist, desto größer werden die Arbeitsplatzausfälle.

          Seit die Studie im vergangenen Sommer erschienen ist, haben Ökonomen in Amerika heftig diskutiert. Freunde des Mindestlohns haben versucht, den beiden Forschern Fehler nachzuweisen. Doch die haben im Dezember ihren Kritikern geantwortet und ihre Studie überarbeitet, ohne dass sich etwas an den Ergebnissen geändert hätte. Inzwischen scheint die Studie sehr überzeugend zu sein.

          Gerade Deutschland könnte jetzt zum Musterbeispiel für diese Studie werden. Nach einigen Jahren mit guten Nachrichten vom Arbeitsmarkt reichen den Deutschen ihre Löhne nicht mehr, und sie führen einen Mindestlohn ein. Offenbar muss Deutschland damit rechnen: Selbst wenn in den nächsten Jahren nur wenige Leute wegen des Mindestlohns entlassen werden, wird der Mindestlohn doch den Aufbau neuer Arbeitsplätze behindern. Und das ist besonders tückisch. Denn wo ein Arbeitsplatz erst gar nicht entsteht, da beschwert sich auch niemand über den Mindestlohn – und die schädliche Wirkung fällt vielleicht gar nicht auf.

          Weitere Themen

          Ausbildung statt Flucht

          Perspektiven in Senegal : Ausbildung statt Flucht

          Viele junge Senegalesen denken an Auswanderung, vor allem nach Europa. Ein deutsches Projekt in Dakar berät Arbeitssuchende – und versucht, Perspektiven im eigenen Land aufzuzeigen.

          China eröffnet 55-Kilometer-Brücke Video-Seite öffnen

          Megaverkehrsprojekt : China eröffnet 55-Kilometer-Brücke

          Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping hat am Dienstag die Hongkong-Zhuhai-Macau-Brücke freigeggeben. Das Bauwerk mit einer Gesamtlänge von etwa 55 Kilometern verbindet drei Wirtschaftsregionen im Süden Chinas: Die Finanzmetropole Hongkong, die Sonderwirtschaftszone Zhuhai und die ehemalige portugiesische Kolonie Macau.

          Topmeldungen

          2:0 bei AEK Athen : Den Bayern reichen drei Minuten

          Lange können die Münchner dem eigenen Anspruch nicht genügen in der Champions League in Athen. Dann aber trifft ein Bayern-Spieler artistisch – und ein anderer legt sofort nach.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.