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Methoden in der Ökonomie Die Welt ist nicht schwarz oder weiß

29.03.2009 ·  Wer die Wirtschaft verstehen will, muss quantitativ arbeiten. Wo sind denn die frischen Einsichten auf dem Feld der Ordnungspolitik, fragen Rüdiger Bachmann und Harald Uhlig. Hier herrsche nur „gähnende Leere“. Ein Gastbeitrag.

Von Rüdiger Bachmann und Harald Uhlig
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Es gibt wichtige und spannende Auseinandersetzungen in der volkswirtschaftlichen Forschung. Was erklärt den Umfang der Bewegungen auf den Finanzmärkten? Sind fiskalische Eingriffe in einer Rezession - und wo und in welchem Umfang - vernünftig, und mit welcher Begründung? Welche Maßnahmen helfen gegen Arbeitslosigkeit? Erfahren wir mehr über Arbeitsmärkte mit strukturellen Modellen oder aus "natürlichen" Experimenten? Welche Auswirkungen haben geldpolitische Schocks? Was genau beeinflusst das langfristige Wirtschaftswachstum?

Die Liste ließe sich verlängern. Für das, was auf ihr steht, gibt es ein einfaches Kriterium: Es werden zu diesen Fragen regelmäßig neue, spannende Forschungsarbeiten mit neuen Einsichten geschrieben und veröffentlicht, und sie werden heiß unter Forschern diskutiert.

Genauso gibt es unwichtige Auseinandersetzungen. In der Regel finden die in Forschungszweigen statt, die abgeschlossen sind, in denen es kaum frische Ansätze gibt oder die in verbesserter Form anderswo fortgeführt werden. Die gewonnenen Erkenntnisse mögen wichtig sein: Sie werden dann aber ohne viel Aufhebens im üblichen Lehrmaterial weitergereicht.

Ein journalistischer Kommentar ist keine Wissenschaft

Universitäten sind keine Orte, in denen einmal gewonnene Glaubenssätze für Generationen vom Katheder heruntergebetet werden, sondern sind Stätten, die junge Menschen zum kritischen Nachdenken und zum Hunger nach Erkenntnisgewinn anregen sollen, aufbauend auf dem gelehrten gegenwärtigen und sich ständig entwickelnden Stand der Wissenschaft. Beruft eine Universität neue Professoren, so ist es daher vernünftig, dies in aktiven und vielversprechenden Forschungsfeldern zu tun.

Gehört das Feld der Ordnungspolitik dazu? Oder ist es eine "Kathederwissenschaft"? In der F.A.Z. haben Anhänger dieser Fachrichtung die Modernisierung von Lehrstühlen beklagt. Wie begründen sie das? Hier hätte man sich Verweise auf die führenden frischen Einsichten und Publikationen auf dem Feld der Ordnungspolitik gewünscht. Wo sind die spannenden, neuen Arbeiten der, sagen wir, letzten zehn Jahre, wo kann man sie finden?

Geschrieben wird stattdessen etwa darüber, dass ordnungspolitische Grundsätze im Vorfeld der Finanzkrise missachtet wurden. Wo sind dazu die wissenschaftlich respektablen Forschungspapiere der ordnungspolitischen Wissenschaftler (bis, sagen wir, 2006)? Zwar gibt es allgemeine Kommentare von möglicherweise guter journalistischer Qualität. Nur, ein journalistischer Kommentar, so wertvoll er sein mag, ist keine Wissenschaft. Man findet auch Reminiszenzen an Eucken, Müller-Armack und deren Gedankengut: Interessant möglicherweise für das durchaus ernstzunehmende Fach der Wissenschaftsgeschichte, aber keine frische Forschung zu den zentralen Themen.

Falsch verstandener Methodenpluralismus

Manche beklagen, dass man die Mathematik in den einschlägigen wissenschaftlichen Fachjournalen nicht verstehen könne. Uns geht es genauso, was beispielsweise die Mathematik in den Fachjournalen der Nuklearphysik betrifft. Auch die Ausführungen der (mathematiklosen) systemtheoretischen Literaturwissenschaft erschließen sich uns nicht unmittelbar. Es wäre aber merkwürdig, aus unserem Unverständnis dieser Publikationen die Schlussfolgerung zu ziehen, dass sie sich mit irrelevanten Dingen beschäftigten und die Verständlichkeit für Fachfremde das wesentliche Publikationskriterium sei. Im Gegenteil, eine solche Schlussfolgerung würde uns als offensichtlich nicht ernstzunehmende Kritiker entlarven.

Was das wissenschaftliche Feld "Ordnungspolitik" in der verteidigten Form konkret angeht, so erscheinen uns deren Ansätze defizitär. Wir widersprechen daher einem falsch verstandenen Methodenpluralismus. Die moderne Ökonomik hat gerade aufgrund ihrer quantitativen Ausrichtung viele der einst auch von der Ordnungspolitik aufgeworfenen Fragestellungen einer tiefergehenden und sachgerechteren Analyse unterzogen. Darauf zu verzichten ist keine gleichwertige Alternative; es ist Rückschritt.

Dem Feld "Ordnungspolitik" geht es um die Beschreibung und Analyse der Bedingungen von funktionsfähigem Wettbewerb. Wie aber soll dieses Forschungsprogramm ohne formalisierte Theorie des Marktversagens, unvollständiger Märkte und des "second-best" auskommen? Wie will man ohne empirische Forschung und formale Modelle etwa den Konflikt zwischen statischer und dynamischer Effizienz abwägen, der sich aus dem Wunsch nach Innovationsanreizen einerseits und dem Wunsch nach Wettbewerb andererseits ergibt?

Warum sollte man bei der Gestaltung von Institutionen auf die modernen und nobelpreisgeadelten Theorien des "mechanism design", der Spieltheorie, der asymmetrischen Information und der Anreizverträglichkeit verzichten, warum auf moderne, quantitative Makromodelle bei der Analyse des komplexen Zusammenspiels moderner Volkswirtschaften? Wieso sollte es noch Sinn ergeben, etwa die Enteignung von Aktionären bankrotter Banken lediglich nach ihrer Systemkonformität, aber nicht nach ihren quantitativen Auswirkungen zu beurteilen?

Viele interessante wirtschaftspolitische Fragestellungen sind nicht schwarz oder weiß, sondern grau und ihrem Wesen nach quantitativ. Warum will man hier auf moderne, quantitative Methoden verzichten?

Nun mag es Antworten auf die hier aufgeworfene Kritik geben, und die traditionelle Ordnungspolitik mag im Gegenteil ein erheblich aktiveres Forschungsfeld sein, als wir das vermuten. In diesem Fall wird es sicherlich zu einer beherzten Verteidigung der neueren und wissenschaftlich bahnbrechenden Leistungen kommen. Andernfalls hat sich diese Diskussion in offensichtlicher Weise erledigt.

Rüdiger Bachmann ist Assistenzprofessor für Wirtschaft an der University of Michigan in Ann Arbor, Professor Harald Uhlig ist Makroökonom und lehrt an der University of Chicago.

Quelle: F.A.Z.
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