http://www.faz.net/-gqe-75hhq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 09.01.2013, 13:29 Uhr

Kritiker Binswanger Wachstum braucht Geld, Energie und Imagination

Die Ökonomische Theorie braucht einen Paradigmenwechsel, um die Chancen und Gefahren des Wirtschaftswachstums zu erfassen. Ohne Geld, Energie und Imagination ist die Dynamik des Wachstums nicht zu erklären. Ein Gastbeitrag.

von Hans Christoph Binswanger
© Hoang Le, Kien Nur noch Papier: Vernichtete-geschredderte Euroscheine im Geldmuseum in Frankfurt

Unsere moderne Wirtschaft ist auf Wachstum angelegt. Wachstum ist zur Generallinie der wirtschaftlichen Entwicklung geworden. Dieser Tatsache steht die erstaunliche Unfähigkeit der herrschenden ökonomischen Lehre gegenüber, das Phänomen des Wachstums mit seinen Chancen und Gefahren im Gesamtzusammenhang der Wirtschaft zu erklären. Der Grund ist die andauernde Vorherrschaft des neoklassischen Modells, das auf Annahmen wie „allgemeines Gleichgewicht“, „optimale Allokation der Produktionsfaktoren“ und „vollkommene Konkurrenz“ aufbaut. Dieses Modell ist statischer Natur und kann daher die drei wesentlichen Faktoren nicht wahrnehmen, die die Dynamik und damit das Wachstum der Wirtschaft verursachen: Geld, Energie und Imagination.

Das neoklassische Modell nimmt das Geld nicht wahr, weil es den Markt als multilateralen (Natural-)Tausch zwischen Einzelwirtschaften deutet, die - wie Bauernhöfe - sowohl produzieren als auch konsumieren, also sich zur Hauptsache selbst versorgen, und nur allfällige Überschüsse gegenseitig austauschen. In einer (Natural-)Tauschwirtschaft benötigt man kein Geld. Das Modell ist daher ein sogenanntes Realmodell, in dem nur die realen Tauschpreise Angebot und Nachfrage regulieren und so für das Zustandekommen des allgemeinen Gleichgewichts eine Bedeutung haben.

Unter dem Tauschpreis ist die Menge eines Gutes zu verstehen, die für eine Einheit eines anderen Gutes beziehungsweise eines Standardgutes getauscht wird. Wohl wird das Realmodell durch die sogenannte Quantitätstheorie des Geldes ergänzt, in der die Tauschpreise in Geldpreise umgerechnet erscheinen. Um die Logik des Realmodells nicht zu stören, dürfen aber die Quantität des Geldes und die Veränderung seiner Quantität keine Rolle spielen für die Tauschpreise und für die Menge der Güter, die ausgetauscht werden. Eine Steigerung der Geldmenge kann daher im Prinzip nur zu einer Steigerung des Preisniveaus führen. Das Geld ist somit im Modell eine neutrale Größe, die für das reale Geschehen (zumindest langfristig) keine Bedeutung hat.

Abzweigung in die Sackgasse

Das neoklassische Modell nimmt ferner die Energie nicht wahr, weil es auf einer (makroökonomischen) Produktionsfunktion aufbaut, in der als Produktionsfaktoren nur Arbeit und (Real-)Kapital vorkommen: Arbeit als Ausdruck des Fleißes, Kapital als Resultat des Sparens. Der Einsatz von Arbeit und Kapital ist im Modell begrenzt und knapp: der Einsatz von Arbeit, weil der Arbeitstag begrenzt ist; und der Einsatz von Kapital, weil die Sparneigung begrenzt ist. Diese Begrenzung ist modellnotwendig, weil das allgemeine Gleichgewicht auf der Vorstellung beruht, dass begrenzte Kapazitäten vorgegeben sind, die durch das Spiel von Angebot und Nachfrage unter der Voraussetzung der vollkommenen Konkurrenz optimal genutzt werden. Man spricht von der optimalen Allokation der Produktionsfaktoren. Der Einbezug der Energie, die fortlaufend aus der Natur gewonnen wird und eine ständige Erweiterung der Produktionskapazität ermöglicht, würde das Konzept der optimalen Allokation der Produktionsfaktoren außer Kraft setzen und so das Modell sprengen. Die Energie bleibt daher vom Modell ausgeschlossen.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Tarifeinigung Das Plus im Geldbeutel und die Folgen

Die beiden größten Lohnrunden dieses Jahres sind abgeschlossen. Bei den Beschäftigten landet mehr im Geldbeutel. Aber Lohnsteigerungen bergen auch die Gefahr höherer Arbeitslosigkeit. Warum diese gar nicht so gering ist. Mehr Von Dietrich Creutzburg, Berlin

13.05.2016, 12:17 Uhr | Wirtschaft
Erneuerbare Energien Merkel: Keine Einigung beim EEG

Bund und Länder konnten sich noch nicht auf das künftige Tempo beim Ausbau der erneuerbaren Energien verständigen. Aber die Zeit dränge, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstagabend nach einem Bund-Länder-Treffen in Berlin. In Kraft treten solle die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes Anfang nächsten Jahres. Mehr

13.05.2016, 08:50 Uhr | Politik
TTIP und Co. Die Bremser der Globalisierung

Seit der großen Finanzkrise wächst der Weltgüterhandel viel langsamer als vorher und nur noch unwesentlich schneller als die Weltproduktion. Ökonomen haben zwei Thesen, warum das so ist. Mehr Von Rolf J. Langhammer

22.05.2016, 20:45 Uhr | Wirtschaft
Potsdam Lohnplus von fast fünf Prozent im öffentlichen Dienst

Arbeitgeber und Gewerkschaften haben sich auf ein deutliches Lohnplus für Beschäftigte im öffentlichen Dienst verständigt. In diesem Jahr erhalten die 2,1 Millionen Beschäftigten rückwirkend zum 1. März 2,4 Prozent mehr Geld und zum 1. Februar 2017 noch mal 2,35 Prozent. Mehr

01.05.2016, 18:48 Uhr | Wirtschaft
Otmar Issing über die EZB Diese Kritik gibt es so nur in Deutschland

Der frühere Chefvolkswirt der EZB beklagt provinzielle Debatten über den Präsidenten der Notenbank. Und erklärt, welche Entwicklung er für gefährlich hält. Mehr Von Gerald Braunberger

12.05.2016, 07:31 Uhr | Wirtschaft

Big Data für die Ernährung

Von Carsten Knop

Monsanto – das ist für viele Menschen auf dem ganzen Erdball die diabolische Verkörperung des Bösen in Gestalt eines Konzern. Wird sich Bayer die Finger verbrennen? Mehr 17


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Umfrage Zwei Drittel der Europäer für Grundeinkommen

Gute Idee oder schlicht Schwachsinn? Immer mehr Menschen diskutieren über ein bedingungsloses Grundeinkommen. Die Schweizer stimmen bald ab. Nun kommt eine überraschende Umfrage heraus. Mehr 56

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“